Rathaus (Erfurt)
Das Rathaus ist ein denkmalgeschützter Profanbau am Fischmarkt in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Es wurde in den Jahren 1869–1882 von dem Architekten Theodor Sommer im Stil der Neogotik erbaut.
Geschichte
Die Ursprünge des Hauses reichen bis in das 11. Jahrhundert zurück. Das 1275 erstmals erwähnte Rathaus war politisches Herzstück der kommunalen Selbstverwaltung der Mittelaltermetropole vom 13. bis 17. Jahrhundert. Bis 1706 erreichte der Gebäudekomplex die Ausmaße des heutigen Hauptgebäudes.
Im Jahr 1830 wurde damit begonnen, das alte gotische Rathaus abzureißen, als Grund galt nur ein kleinerer Schaden am Dach. 1833 war der preußische Oberbau-Direktor Karl Friedrich Schinkel bei einem Besuch in Erfurt entsetzt über den Abriss des mittelalterlichen Rathausbaus. 1834 entwarf er ein neues Rathaus, unter Einbeziehung des vorhandenen, markanten Turms von 1330. In diesem wurden über Jahrhunderte die Schätze der Stadt, Geld und Dokumente gelagert. Der Schinkel-Entwurf wurde nicht berücksichtigt. Nach Bereitstellung der finanziellen Mittel begann im Jahr 1869 der Aufbau des neuen Rathauses im Stil der Neugotik unter dem Architekten Theodor Sommer. Gegen die mit dem Neubau verbundene Beseitigung des alten Turms hatte es Widerstand in der Bevölkerung gegeben.<ref>Kleine Fenster in die Vergangenheit. Reste des alten Rathausturms freigelegt. Thüringische Landeszeitung, 6. August 2013.</ref> 1875 zogen die ersten Dienststellen ein; die offizielle Einweihung erfolgte am 2. Juni 1882.
Das Rathaus verfügt über einen Festsaal, der durch den Historienmaler Johann Peter Theodor Janssen ausgestaltet worden ist und Bilder der Geschichte Erfurts und Martin Luthers zeigt. Im Festsaal waren (bis 1920) das Goldene Buch der Stadt und ein Ehrenbecher ausgestellt. Das Goldene Buch war im Jahre 1900 aus Anlass eines Erfurt-Besuches von Kaiser Wilhelm II. von den Berliner Hofgoldschmieden Sy und Wagner geschaffen worden. Es wurde 1945 durch die Rote Armee als Trophäe nach Moskau verbracht und kehrte nicht mehr nach Erfurt zurück.<ref>Anja Derowski: Königspaar verewigt sich morgen im Goldenen Buch der Stadt. Thüringische Landeszeitung, 7. Februar 2017.</ref> Das frühere Goldene Buch wurde durch „Gästebücher“ (in rotem Einband) ersetzt.
Die reich bemalten Treppenhäuser sind für Besucher frei zugänglich und zeigen Werke von Eduard Kaempffer aus den Jahren 1889/96. Darin sind neben Szenen aus der Faust- und der Tannhäusersage auch Geschichten des Grafen von Gleichen dargestellt. Drei Leuchterträger von Georg Kugel, die heute verschollen sind, zierten einst den Treppenaufgang des Rathauses. Außerdem fertigte der Künstler zwei Wasserspeier aus Zink, eine männliche Figur unter dem Balkon und das Erfurter Stadtwappen im Schmuckgiebel.
An der Festsaalfront des Rathauses, beidseits des Rathausbalkons, befanden sich ursprünglich als Sinnbilder der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches Statuen des Kaisers Friedrich I. („Barbarossa/Rotbart“) und des Kaisers Wilhelm I. („Barbablanca/Weißbart“). Sie waren von dem Bildhauer Georg Kugel aus Kelheimer Kalkstein gefertigt worden. Die beiden 2,80 Meter hohen Statuen unter kunstvollen Baldachinen wurden im Zuge des stalinistischen Bildersturms 1950 auf Anordnung des SED-Regimes zerstört.<ref>Steffen Raßloff: Barbarossa und Barbablanca, Thüringer Allgemeine vom 27. April 2013.</ref> Im Stadtarchiv Erfurt findet sich dazu das Protokoll der Sitzung des Erfurter Stadtrats vom 6. Juni 1950, in dem es heißt: „Die Figuren über dem Rathauseingang am Festsaal sind zu entfernen“. Unterzeichnet hat auch ein Vertreter des Oberbürgermeisters Georg Boock.<ref>Stadtarchiv Erfurt: Protokoll des Ratsbeschlusses Nr. 575 vom 6. Juni 1950.</ref> Über Jahrzehnte blieben die früheren Standorte der Kaiserstatuen leer. Als Spende des Rotary-Clubs Erfurt wurden im Juni und im November 2017 Bronzefiguren von Bonifatius und Martin Luther an deren Stelle gesetzt. Beide historischen Persönlichkeiten haben einen engen Bezug zu Erfurt: Während auf Bonifatius die erste urkundliche Erwähnung der Stadt als „Erphesfurt“ im Jahr 742 zurückgeht, trat Luther 1505 in das örtliche Augustinerkloster ein und lebte dort bis 1511 als Mönch.
Im Rathausturm arbeitet das Präzisions-Turmuhrwerk von Johann Mannhardt (München 1874) mit freischwingendem Pendel, denkmalgerecht restauriert und umgerüstet von Christian Beck (Kölleda).
1904/05 wurde das Rathaus-Hauptgebäude um den Rathaus-Hinterbau (mit Dachreiter) ergänzt. Ab 1933 erfolgten nach Entwürfen von Johannes Klass weitere umfangreiche Anbauten an das Rathaus, zusammen mit dem Neubau einer Sparkasse am Fischmarkt im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Um den 10./11. April 1945 erlitt das Rathaus Zerstörungen durch amerikanischen Artilleriebeschuss. Der Turm und das Dach mit seinen reich verzierten Aufbauten wurden in schlichterer Form wiederhergestellt. Die Nordfassade wurde im Dachbereich ebenfalls einfacher gestaltet. Zur DDR-Zeit wurden die Arkaden der Nordseite „aus Sicherheitsgründen“ zugebaut. Seit deren Öffnung im Herbst 1991 ist ihre architektonische Wirkung wieder erlebbar.
Bilder
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Festsaal
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Treppenhaus
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Ratssitzungssaal mit historischem Wandgemälde des alten Rathauses um 1720
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Luftbild
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Treppenhaus
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Eingang zum Festsaal
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Uhrwerk
Siehe auch
Literatur
- Clemens Peterseim: Historismus und bürgerliche Identität. Das neue Erfurter Rathaus und seine Rückbindung an die Geschichte der Stadt. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Band 73, 2012, S. 208–222.
- Jürgen W. Schmidt: Ein Waffendiebstahl im Erfurter Rathaus im Juni 1933. In: Jahrbuch für Erfurter Geschichte. Band 3, 2008, S. 239–246.
- Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm. Essen 2013, S. 140 f.
- Fritz Wiegand: Das Rathaus und der Fischmarkt von Erfurt. Gutenberg-Druckerei, Erfurt 1961.
Einzelnachweise
<references />
Weblinks
Koordinaten: 50° 58′ 40″ N, 11° 1′ 45″ O
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