San Cerbone
San Cerbone ist eine Kirche in der toskanischen Stadt Massa Marittima. Sie ist Kathedrale des Bistums Massa Marittima-Piombino und entstand in ihrer heutigen Form in zwei Bauphasen im 13. und zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Bekannt ist sie für ihre Fassade sowie weitere Kunstwerke. Sie steht im Rang einer Basilica minor. Ihr Patrozinium hat sie vom heiligen Cerbonius, dessen Gebeine in der Krypta der Kathedrale bestattet sind.
Lage
Die Kirche liegt in der Altstadt (Città Vecchia) von Massa Marittima an der zentralen Piazza Giuseppe Garibaldi. Die Apsis zeigt nach Südosten. Mit dem gegenüber ihrer Nordflanke schräg gestellten Palazzo del Podestà teilt sie sich einen erhöhten Vorplatz, der spitz auf den Glockenturm zuläuft. Die über die ganze Breite laufende Freitreppe erhöht sich vor der Fassade der Basilika wesentlich, da die Piazza zur Via Butigni nach Süden hin abfällt. Auf der Westseite der Piazza liegt das Archäologische Museum der Stadt, nördlich steht das Rathaus.
Geschichte und Baugeschichte
Im Jahr 835<ref name="ReferenceA">Zimmermanns: Toscana - Das Hügelland und die historischen Stadtzentren, S. 330.</ref> wurde der Bischofssitz aus dem durch sarazenische Angriffe gefährdeten Populonia – und mit ihm die Gebeine des Cerbonius – nach Massa Marittima verlegt. Möglicherweise wurde daher bereits im 9. Jahrhundert eine Bischofskirche errichtet,<ref name="ReferenceB">Schomann: Kunstdenkmäler in der Toskana, S. 419.</ref> was aber nicht archäologisch nachgewiesen ist. Reste einer nachfolgenden Kirche aus dem 11. Jahrhundert hingegen sind vereinzelt erhalten. Diese Kirche wurde im 13. Jahrhundert neu errichtet. Zunächst, von 1228 bis 1267<ref name="ReferenceA"/>, wurde der vordere Teil des Langhauses und der untere Teil der Fassade errichtet. In einer zweiten Bauphase, von 1287 bis 1304, folgten die übrigen Bauteile, auch die Fassade wurde fertiggestellt. Das fertige Gebäude in Form eines lateinischen Kreuzes misst annähernd 18 × 59 Meter.
Der aus Backstein gemauerte oktogonale Tambour mit Laterne über der Vierung entstand im 15. Jahrhundert. Erst im 17. Jahrhundert wurden die Gewölbe eingezogen, bis dahin war der Dachstuhl offen. Die Inneneinrichtung besteht aus Arbeiten des 11. bis 15. Jahrhunderts. Der in das nördliche Querschiff integrierte Glockenturm wurde in der zweiten Bauphase angelegt, allerdings in Großteilen 1928 wegen Baufälligkeit neu errichtet. In diesem Jahr wurde auch die Fassade nochmals leicht verändert. 1975 wurde die Kirche durch Papst Paul VI. zur Basilica minor erhoben.
Fassade
Die Fassade ist zweigeschossig mit durchgestaltetem Giebel angelegt. Der untere Teil aus der ersten Bauphase ist siebenachsig mit Blendarkaden gegliedert. Die beiden äußeren Bögen und die mittlere, etwas erhöhte, Arkade fassen Rundfenster, die anderen kleine, ornamentierte Rhomben, die unregelmäßig in den Bogenfeldern verteilt sind.<ref name="ReferenceB"/> Die Kapitelle der die Arkaden trennenden vollrunden Säulen wie auch die der Eckpilaster stellen entfernte Variationen der Korinthischen Ordnung dar. Eine weitere Asymmetrie besteht in den unterschiedlichen Höhen der Eckpilaster. Statt der Bogenanfänger sind auf die Kapitelle Halbfiguren von Löwen gesetzt, von denen manche ein Beutetier zwischen den Pfoten haben. Die Gestaltung dieses Teils folgt Vorbildern der pisaner Spätromanik.<ref name="ReferenceB"/> Reste des Baus aus dem 11. Jahrhundert werden in den Türpfosten des Hauptportals gesehen.<ref name="ReferenceA"/> Von kunstgeschichtlicher Bedeutung sind die Reliefs des Architravs über dem Portal, die um etwa 1250 entstanden und Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons zeigen. Über beiden Enden des Architravs sind wiederum Löwenköpfe als Anfänger des (restaurierten) Bogens gesetzt.
Das zweite Stockwerk mit den loggiaähnlich gearbeiten schlanken Säulen vor dem großen Rundfenster in der zurückgesetzten Wand und die Zwerggalerie des Giebels stammen aus der zweiten Bauphase um 1300. Erste Einflüsse der Gotik sind bereits erkennbar. Teilweise sind die Säulenbasen durch figürliche Evangelistensymbole ersetzt. Die mittleren Säulen der Giebelgalerie werden von einem Greif, einem knieenden Mann und einem Pferd getragen und dem Umkreis Giovanni Pisanos zugeschrieben.<ref name="ReferenceC">Zimmermanns: Toscana – Das Hügelland und die historischen Stadtzentren, S. 331.</ref> Die drei Fialen, die die Fassade krönen, entstanden erst im Zuge der umfassenden Restaurierung des Glockenturms 1928. Trotz der Asymmetrien und der unterschiedlichen Stile wurde die Fassade als „majestätisch“ bezeichnet.<ref name="ReferenceD">Streit: Florenz - Toskana - Umbrien, Land der Etrusker, S. 264.</ref>
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Ostansicht mit Apsis und dem am nördlichen Querschiff angebauten Glockenturm
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Reliefs mit Szenen aus dem Leben des hl. Cerbonius auf dem Architrav über dem Hauptportal, lombardisch, 13. Jh.
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Figurale Dekoration der Magistri Comacini, 13. Jh., Nordecke der Fassade
Innenraum
Die Kirche wurde über einem lateinischen Kreuz als Grundstruktur und basilikal errichtet, sie verfügt dementsprechend über drei Kirchenschiffe mit erhöhtem Mittelschiff. Die Vierung ist oktogonal überkuppelt. Die ersten sieben Joche entstammen noch der ersten Bauphase bis 1267, hier werden die Arkadenbögen von Säulen, ebenfalls mit Kapitellen verschiedener Abwandlungen der Korinthischen Ordnung, getragen. Die Vierung und der Chor aus der zweiten Bauphase hingegen werden von Pfeilern gestützt, lediglich im Bereich der Vierung wechselt eine Säule in der Pfeilerfolge. Die nachträglich eingezogenen Kreuzgewölbe verfälschen<ref name="ReferenceB"/> den ursprünglichen Raumeindruck. Der Chor läuft polygonal aus, eine Besonderheit in der toskanischen Kirchenbaukunst ist hier die gotische Umfassung der Fenstergewände und Dienste mit Wirteln.
Ausstattung
Auf der Innenseite der Portalwand mehrere Reliefs mit unter anderem der Darstellung des Thronenden Christus und dem Kindermord in Bethlehem. Diese könnten Brüstungselemente einer Kanzel des Vorgängerbaus aus dem 11. Jahrhundert sein.<ref name="ReferenceC"/>
Ebenfalls nun von der Innenseite der Portalwand zu erkennen ist das zentrale Rundfenster der Fassade. Die Glasmalerei mit Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons schuf Girolamo da Pietra Santa im 14. Jahrhundert.
Im rechten Seitenschiff befindet sich ein Baptisterium mit einem aus Travertin gehauenen großen Taufbecken. Die reich mit Reliefs verzierte Arbeit stammt aus dem Jahr 1267<ref name="ReferenceC"/> von Giroldo da Arogno, auch Giroldo da Lugano<ref name="ReferenceD"/> oder Giroldo di Como<ref name="ReferenceC"/> genannt. Das darüber aufgesetzte Tabernakel wurde 1447 geschaffen.
In der Marienkapelle im linken Querschiff befindet sich ein Madonnenbild aus dem Umkreis Duccios von 1316.
Arca di San Cerbone
Im Chor hinter dem Hochaltar steht der Sarkophag mit den Gebeinen des hl. Cerbonius, dieser ist als Arca di San Cerbone bekannt. Die Kastenwände zeigen in acht Reliefs Szenen aus dem Leben des Heiligen, die mit Überschriften bezeichnet sind. Der Deckel weist zehn vertiefte Medaillons mit Vierpässen auf, die sitzende Heiligen- und Propheten-, bzw. Sibyllenfiguren mit Schriftrollen oder Büchern rahmen. Das Medaillons in der Mitte zeigen auf der einen Längsseite zwei Engel, die den Tod des Heiligen betrauern, der als Bischof vor ihnen liegt, und auf der anderen Maria mit dem Kind. Unter der Madonna steht zu lesen, dass der Dombaumeister Petruccio 1324 dem Bildhauer Goro di Gregorio aus Siena den Auftrag für das Werk gab.<ref>ANNO D[OMI]NI MCCCXXIIII I[N]DI[C]T[IONE] VII MAGIST[ER] PERUCI[USJ OP[ER]ARI[US] EC[C]LE[SIAE] FECIT FI[ERI] H[OC] OPUS MAG[IST]RO GORO GREGORII DE SENIS. Zitiert nach Norman 2001, S. 199 (Anm. 13).</ref> Die Sibyllen auf den kurzen Seiten scheinen den Betrachter mit Pose und Gestus zu ermutigen, um das Werk herumzugehen. Einige Reliefs zeigen noch Reste einer Farbfassung, vor allem in den Gewandfalten. Die Annahme, dass die Schriftrollen der Propheten einmal mit Farbe beschriftet waren, konnte nicht nachgewiesen werden.<ref>Norman 2001, S. 195.</ref>
Im Jahr 1623 bekam Flaminio Del Turco den Auftrag für einen neuen Hochaltar, unter dem der Sarkophag über dreihundert Jahre kaum zugänglich und teilweise verdeckt stand. 1943 wurde er aufgrund des Krieges auseinandergenommen und in Sicherheit gebracht. In den 1950er Jahren wurde er dann in die Krypta versetzt, um noch vor 1990 schließlich am heutigen Platz im hellen Chor auf moderne Sockel gesetzt zu werden.<ref>Norman 2001, S. 191.</ref> Elf Marmorstatuetten aus der Werkstatt Goros oder dessen Umkreis stehen möglicherweise im Zusammenhang mit dem Sarkophag.<ref>Die elf Statuetten stellen Johannes den Täufer, die heiligen Peter und Paul, vier Propheten und vier Apostel dar. Norman 2001, S. 196.</ref><ref name="ReferenceC"/>
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Taufbecken von Giroldo da Como (1267) und ein Tabernakel von 1447
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Fresko einer Madonna mit Kind und zwei Heiligen über einem römischen Sarkophag in einem Arkosolium
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Abgetrennte Rückseiten der Maestà mit Szenen der Passion Christi
Einzelnachweise
<references />
Literatur
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- Heinz Schomann: Kunstdenkmäler in der Toskana, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990.
- Conrad Streit: Florenz – Toskana – Umbrien, Land der Etrusker, Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1972 (Sonderausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt).
- Klaus Zimmermanns: Toscana – Das Hügelland und die historischen Stadtzentren, 9. Auflage, DuMont, Köln 1986, ISBN 3-7701-1050-1.
Weblinks
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