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Substanztheorie

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Die Subtanztheorie<ref>Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 97.</ref> wurde in der deutschen Strafrechtswissenschaft entwickelt, um zu ermitteln, ob der Täter dem Opfer eine Sache mit Enteignungswillen weggenommen hat.<ref>Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 31; Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 97.</ref> Indes wird angenommen, dass der Ansatzpunkt hierfür ausschließlich die Substanz einer Sache im körperlichen Sinne sein kann.<ref>Roland Schmitz: § 242 Rn. 137. In: Günther M. Sander (Hrsg.): Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch. 5. Auflage. Band 4: §§ 185–262 StGB. C. H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-81314-6; Sascha Mikolajczyk, in: ZJS 2008, 18 – https://www.zjs-online.com/dat/artikel/2008_1_20.pdf</ref> Demzufolge ist dies zu bejahen, wenn er im Zeitpunkt der Wegnahme das Opfer dauerhaft von der Betätigung seines Eigentums ausschließen will.<ref>Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 31; Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 97.</ref> Ziel des Täters ist es somit, unberechtigt die Eigentümerstellung für sich zu begründen.<ref>Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 31.</ref>

Der Enteignungswille ist neben der Aneingungsabsicht ein Submerkmal des Zueignungsbegriffs im § 242 Abs. 1 StGB, welcher wiederrum im subjektiven Tatbestand des Diebstahls zu verorten ist:<ref>Petra Wittig: § 242 Rn. 32, 37. In: Berd v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Hans Kudlich (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar zum Strafgesetzbuch. 68. Edition. C.H. Beck, München 2026; Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 3, 96.</ref>

§ 242 StGB – Diebstahl
(1) Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.{{#if:<ref>https://dejure.org/gesetze/StGB/242.html</ref>|<ref>https://dejure.org/gesetze/StGB/242.html</ref>}}

Das Fehlen des Enteignungswillen

Umgekehrt gewendet handelt der Täter nicht mit Enteignungswillen, wenn er die Sache dem Opfer in Beachtung seines Eigentumsrechts und ohne gewollte Wertminderung zurückbringen möchte;<ref>Petra Wittig: § 242 Rn. 35, 36. In: Berd v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Hans Kudlich (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar zum Strafgesetzbuch. 68. Edition. C.H. Beck, München 2026; Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 43.</ref> der Täter handelt hierbei lediglich mit sogenannten „Rückführungswillen“.<ref>Petra Wittig: § 242 Rn. 33. In: Berd v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Hans Kudlich (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar zum Strafgesetzbuch. 68. Edition. C.H. Beck, München 2026; Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 99.</ref> Wer die Sache des Opfers nämlich nur kurzfristig behalten möchte, will den Eigentümer auch nicht dauerhaft aus seiner Position verdrängen. Folglich erfüllt dieser (grundsätzlich) nicht den subjektiven Tatbestand des Diebstahls und macht sich dann auch nicht nach § 242 Abs. 1 StGB strafbar.<ref>vgl. Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 31; vgl. Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 99.</ref>

Beispiel:<ref>Angelehnt an: Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 100.</ref> D nimmt das Heft des S, damit dieser nach der Schule seine Hausaufgaben nicht machen kann. D wollte nämlich in der nächsten Mathestunde eine bessere Note als S bekommen und diesem sein Heft hiernach zurückgeben.

Die Schwäche der Substanztheorie

Heutzutage wird diese Theorie jedoch nicht isoliert verwendet.<ref>Die herrschende Meinung ist die sog, „Vereinigungstheorie“: Petra Wittig: § 242 Rn. 31. In: Berd v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Hans Kudlich (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar zum Strafgesetzbuch. 68. Edition. C.H. Beck, München 2026; Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 92; Nikolaus Bosch, in: JURA 2019, S. 435, Zueignungsabsicht beim Diebstahl von Pfandleergut – https://doi.org/10.1515/jura-2019-2087</ref> Der Grund dafür ist, dass es Gegenstände gibt, bei denen die Sachsubstanz und der wirtschaftliche Wert der Sache auseinanderfallen können:<ref>Nikolaus Bosch, in: JURA 2019, S. 435, Zueignungsabsicht beim Diebstahl von Pfandleergut – https://doi.org/10.1515/jura-2019-2087.</ref>

Beispiel – „Sparbuch-Fall“:<ref>Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 105.</ref> A nimmt das Sparbuch seiner Mutter weg und hebt hiermit 500 € von der Bank ab. Danach gibt er dieses seiner Mutter wieder.  

Bei ausschließlicher Anwendung der Subtanztheorie würde man hier den Enteignungswillen ablehnen, da das Sparbuch zurückgegeben wurde. Aufgrund dieses Umstands werden dieser und ähnliche Fälle (z.B. mit Pfandflaschen<ref>Petra Wittig: § 242 Rn. 36.2, 36.3. In: Berd v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Hans Kudlich (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar zum Strafgesetzbuch. 68. Edition. C.H. Beck, München 2026; Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 47-50.</ref>) über die sogenannte „Sachwerttheorie“<ref>Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 32.</ref> gelöst, indem der Entzug des inhärenten Wertes einer Sache für das Bejahen des Enteignungswillen ausreicht.<ref>Petra Wittig: § 242 Rn. 31, 31.1. In: Berd v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Hans Kudlich (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar zum Strafgesetzbuch. 68. Edition. C.H. Beck, München 2026; Wolfgang Joecks, Christian Jäger: Strafrecht Studienkommentar, 13. Auflage. C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-75413-5, Vor § 242 StGB Rn. 32; Rudolf Rengier: Strafrecht Besonderer Teil I – Vermögensdelikte, 27. Auflage. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82530-9, § 2 Rn. 103.</ref>  


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