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Tortenwurf

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Datei:Newfee-pie-Toss.jpg
Freiwillige Tortung bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung einer Universität

Als Tortenwurf bezeichnet man den Wurf einer Torte ins Gesicht eines Menschen mit dem Ziel, das Opfer der Lächerlichkeit preiszugeben. Hierbei ist zwischen einem in Slapstick-Komödien verwendeten so genannten Tortengag und einem politischen Tortenattentat bzw. einer Tortung zu unterscheiden. Wirft eine größere Anzahl an Leuten gleichzeitig mit Torten, wird dies als Tortenschlacht bezeichnet.

Das Phänomen ist ausschließlich in Ländern bzw. Regionen verbreitet, in denen weder Nahrungsmittelknappheit noch Hunger präsent sind. Ob das Werfen von Torten als aktive Form der Lebensmittelverschwendung zu verurteilen ist, wird – je nach Kontext – individuell unterschiedlich bewertet.

Tortenwürfe in der Unterhaltungsbranche: Tortengag, Tortenschlacht

Tortenwürfe in Gesichter wurden von der frühen Stummfilmzeit bis weit in die Epoche des Tonfilms hinein als regelmäßiges und damals auch effektives Element filmischen Slapsticks eingesetzt, unter anderen in den Werken der Marx Brothers, von Stan Laurel und Oliver Hardy sowie später auch von Jerry Lewis. Auch im Varieté des 19. Jahrhunderts sind gelegentlich Torten geworfen worden, und das Motiv mit seiner vorgeblichen Komik war dem Publikum auch von Wurfbuden auf Jahrmärkten bekannt. Als erste filmische Verarbeitung des Tortengags gilt der Film Mr. Flip mit Ben Turpin. Im Lauf der Jahre wurde dieses Motiv so stark beansprucht, dass Rezipienten den Tortenwurf als klischeeartiges Stilmittel juvenilen Brachialhumors wahrzunehmen lernten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ziehen Filmemacher Tortenwürfe daher praktisch nur noch als Hommage oder als eine Art ironisches Bekenntnis zur eigenen künstlerischen Anspruchslosigkeit heran (z. B. Spielfilm Die total beknackte Nuß von 1992).

Eine detaillierte Anleitung mit allerlei Varianten wird von der britischen Komikergruppe Monty Python im Film Monty Python Live at the Hollywood Bowl plastisch vorgetragen.

Im Film Die Schlacht des Jahrhunderts von 1927 mit Stan Laurel und Oliver Hardy wurde eine bis dahin beispiellose Tortenschlacht dargestellt, bei der für die Dreharbeiten 3000 Torten hergestellt wurden. Die bislang größte im Film dargestellte Tortenschlacht wird dem Film Das große Rennen rund um die Welt von 1965 zugerechnet. Ebenfalls eine herausragende Rolle in der Geschichte des filmischen Tortenwurfs nimmt der Film Bugsy Malone ein, eine Parodie auf Gangsterfilme, die ausschließlich mit Kindern besetzt wurde. Um die Klischees jenes Genres zu persiflieren, wurden konsequent Explosivstoffe und Schusswaffen durch Sahnetörtchen und so genannte „Frost Guns“ (deutsch etwa: Zuckerguss-Knarren), die Buttercremesalven verschießen, ersetzt.

Tortenwürfe als politische Ausdrucksform: Tortenattentat, Tortung

Unter Tortenattentat oder Tortung versteht man einen Akt handgreiflicher Aktionskunst oder handgreiflichen politischen Protests, bei dem eine Person des öffentlichen Lebens mit einer Torte beworfen wird oder diese ins Gesicht gedrückt bekommt. Das Wort „Tortung“ ist allerdings hauptsächlich in Österreich gebräuchlich. Die französische Sprache kennt die Begriffe „entarteur“ und „entartiste“ für den Urheber eines Tortenattentats. Im Englischen wird „pieing“ verwendet.

Tortenwürfe als Mittel der Bloßstellung von Menschen sind bereits für die 1960er Jahre dokumentiert. Für Deutschland ist die Torte als politisches Kampfmittel bis zum Jahr 1968 zurückverfolgbar: Damals hielt sich Fritz Teufel anlässlich der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) in Hannover auf und wollte mit Kommilitonen ein Café besuchen. Der Besitzer des Cafés verweigerte ihnen jedoch den Eintritt. Er rief die Polizei, die Unerwünschten stahlen die Auslage des Cafés, die aus zahlreichen Torten bestand, und verwendeten sie als Wurfgeschosse. Der SDS erinnerte in folgenden Jahren an die „Tortenschlacht“ von Hannover.

Der erste einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene politisch motivierte Tortenwurf war der des belgischen Komikers Noël Godin gegen die französische Schriftstellerin und Filmregisseurin Marguerite Duras 1969. Der Medienerfolg seiner Aktion ermutigte Godin dazu, die Tortung zu seinem künstlerischen Markenzeichen machen. Der bis heute aktive Godin und sein Freundeskreis torteten in den folgenden Jahrzehnten eine Vielzahl von national und international bekannten Prominenten. Godins bisher häufigstes Ziel war der Philosoph und Jetsetter Bernard-Henri Lévy, der am 18. März 2006 zum siebten Mal Opfer von Tortungen seiner Gruppe war.<ref>Bernard-Henri Lévy. In: Der Spiegel. Nr. 14, 2006, S. 198 (online3. April 2006).</ref> Mit einer Mehrfachtortung des Softwaremagnaten Bill Gates erlangte eine von Godin angeführte Tortergruppe 1998 schließlich internationale Bekanntheit. Godin tritt bei seinen Aktionen gelegentlich unter dem Pseudonym „Georges Le Gloupier“ auf. Die lose Gruppe um Godin bezeichnet sich selbst mal als Internationale Pâtissière (Torten-Internationale), als Pâtissiers sans Frontières (Konditoren ohne Grenzen), in Anlehnung an die bekannten Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) oder als Gloup Gloup.<ref>Gloup Gloup ! Abgerufen am 17. November 2021.</ref> In Form von Gruppierungen wie Al Pieda, die Biotic Baking Brigade oder Les Entartistes fand Godin Nachahmer in mehreren Ländern.

Rechtliche Bewertung

Rechtlich gesehen stellt ein erfolgreicher Tortenwurf eine Beleidigung dar. Bei einem Tortenwurf trifft die Beleidigung mit einer unmittelbar auf den Körper gerichteten Einwirkung zusammen („tätliche Beleidigung“). Somit liegt häufig – aber nicht notwendig – eine Körperverletzung vor, die in Tateinheit zur Beleidigung steht. Ein weiteres mögliches Delikt könnte der Hausfriedensbruch sein.

In der Schweiz gilt das Bewerfen einer Person mit einer Torte als Tätlichkeit und ist strafbar, falls Anzeige erstattet wird.<ref>Gerichtsurteil BGer 6P.99/08.10.2001. Schweizerisches Bundesgericht, abgerufen am 29. April 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Dabei muss der Tortenwurf für eine Bestrafung keinerlei beleidigenden Charakter haben. Als rechtlicher Fachbegriff hat sich in Anlehnung an die französische Sprache der Begriff der „Entartage“ etabliert.

Opfer politischer Tortenwürfe

Ohne Jahresangabe

Chronologisch

Sonderformen

Das „Puddingattentat“ konnte sich im Gegensatz zum Tortenattentat nicht durchsetzen. Bereits 1967 planten Berliner Studenten ein Puddingattentat gegen den US-Vizepräsidenten Humphrey, dieses konnte von der Polizei verhindert werden. Als einzig erfolgreich durchgeführtes Puddingattentat ist der „Anschlag“ auf Bernd Rabehl bekannt, dieser wurde 1999 von Studenten wegen seiner rechtsextremen Ansichten und Äußerungen mit Pudding attackiert. Weitere aufsehenerregende „Attentate“ mit Lebensmitteln waren die Eierwürfe auf Bundeskanzler Helmut Kohl im Mai 1991 und auf Bundespräsidenten Christian Wulff und auf den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier im April 2011.

Siehe auch

Weblinks

Commons: Pieing – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

<references />