Geschichte Jugoslawiens
Die Geschichte Jugoslawiens bezeichnet die Geschichte des Staates Jugoslawien, der in verschiedenen Staatsformen und unter verschiedenen Bezeichnungen existierte. Jugoslawien umfasste Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien mit den autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina.
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Zwischen 1918 und 1929 existierte auf dem Westbalkan das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, welches nach dem Ersten Weltkrieg unter Führung des vorherigen Königreichs Serbien gegründet wurde und dabei die Territorien des vorher unabhängigen Königreichs Montenegro sowie des kurzlebigen und aus den südslawischen Gebieten des im Weltkrieg zerfallenen Habsburgerreiches gebildeten „Staates der Serben, Kroaten und Slowenen“ umfasste. Nach einer Periode eines instabilen Parlamentarismus, der insbesondere von ethnischen Rivalitäten zwischen Serben und Kroaten geprägt war, ergriff König Alexander I. in einem Staatsstreich 1929 diktatorische Vollmachten und gab dem Staat eine neue Verfassung, der auch die zuvor inoffizielle Bezeichnung „Königreich Jugoslawien“ zum Staatsnamen machte.
Das Königreich Jugoslawien war zwischen 1929 und 1941 ein autoritäres monarchisches System, welches nach der Ermordung des Königs Alexander im Jahr 1934 vom Prinzregenten Paul von Jugoslawien verwaltet wurde. Nachdem sich die von Paul gestützte jugoslawische Regierung im Jahr 1941 bereiterklärte, dem Dreimächtepakt der Achsenmächte beizutreten, kam es zu einem Staatsstreich zugunsten des minderjährigen Königs Peter II., dessen neue Regierung sogleich den Beitritt zum Pakt wieder aufkündigte. Daraufhin griffen die Achsenmächte Jugoslawien in einem Angriffskrieg an und besetzten das Land. Zwischen 1941 und 1945 herrschte in Jugoslawien ein brutaler Bürger- und Partisanenkrieg, in dem sich neben den Besatzungsmächten der Achsenmächte und den mit ihnen verbündeten kroatischen Ustascha-Faschisten auch die kommunistische Volksbefreiungsarmee, die serbisch-nationalistischen Tschetniks sowie kleinere Fraktionen verschiedener Ethnien und Loyalitäten gegenseitig bekämpften. Insbesondere die kroatischen Ustascha waren während dieser Zeit mit deutscher Unterstützung für mehrere gleichzeitige Völkermorde an Juden, an Roma und insbesondere an den Serben verantwortlich.
Nachdem sich 1945 die Kommunisten von Josip Broz Tito als Sieger in Jugoslawien durchgesetzt hatten, wurde der im Jahr 1941 von den Achsenmächten zerschlagene jugoslawische Staat entlang kommunistischer Linien rekonstituiert. Das von Tito geführte Staatsgebilde hieß zunächst ab 1943 vorläufig „Demokratisches Föderatives Jugoslawien“ (DFJ), wurde 1945 „Föderative Volksrepublik Jugoslawien“ (FRJ) getauft und erhielt im Jahr 1963 seine endgültige Bezeichnung „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“ (SFRJ). Der neue Staat erweiterte die vorherige Struktur dreier Hauptvölker auf eine Föderation mit insgesamt sechs Teilrepubliken, indem Montenegro, Nordmazedonien und Bosnien-Herzegowina als gleichberechtigte Teilrepubliken neben Slowenien, Kroatien und Serbien Teil der FRJ wurden. Innerhalb Serbiens erhielten die Vojvodina und Kosovo zudem begrenzte Autonomiestatute, ohne aber vollwertige Teilrepubliken zu werden.
Trotz der Staatsideologie entfernte sich Tito bereits ab 1948 deutlich vom restlichen realsozialistischen Ostblock und beteiligte sich auf internationaler Ebene an der Bewegung der Blockfreien Staaten. Jugoslawien nutzte die Position zwischen den Machtblöcken des Kalten Krieges als diplomatischen und wirtschaftlichen Machtfaktor. Jugoslawien verfolgte aufgrund seiner Blockfreiheit Beziehungen mit beiden Seiten und förderte in Sektoren wie Rüstung oder Filmproduktion auch eigene Wirtschaftszweige.
Tito regierte Jugoslawien bis zu seinem Tod im Jahr 1980, wonach ein kollektives Präsidium der SFRJ die Staatsgeschäfte übernahm. Die ethnischen Rivalitäten hatten in diesem nach Teilrepubliken verteilten Präsidium wieder mehr Relevanz als noch zu Zeiten Titos zentralistischer Kontrolle, wodurch die partikularen Interessen der verschiedenen Teilvölker Jugoslawiens wieder einen stärkeren Platz einnehmen konnten. So hob im März 1989 das serbische Regionalparlament die in den vorherigen Jahrzehnten gewährten Statute für die innerhalb Serbiens autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo wieder auf, was besonders im Kosovo zu Unruhen führte. Gleichzeitig kam es in Slowenien und Kroatien zu starken inneren Forderungen nach einer Lockerung oder sogar Auflösung des jugoslawischen Staatsverbands. Den sezessionistischen Tendenzen der Kroaten und einiger Bosniaken widersetzten sich wiederum die serbischen Minderheiten in Kroatien und Bosnien. Die politisch-demographischen Unruhen wurden durch eine schwere Wirtschaftskrise noch zusätzlich angeheizt.
Nachdem slowenische und kroatische Delegierte aus Protest den 14. Parteikongress (Januar 1990) der herrschenden Kommunistischen Partei verließen, verlor die Staatspartei ihre landesweite Einheit, wodurch die verschiedenen Regionalorganisationen der Partei in den jeweiligen Teilrepubliken graduell die Regierungsgewalt übernahmen. Bei Wahlen in Slowenien und Kroatien im Frühjahr 1990 gingen jeweils nationalistische Parteien als Sieger hervor. Die neuen Regierungen Sloweniens und Kroatiens forderten ultimativ eine konföderierte Neuordnung Jugoslawiens und drohten bei Nichterfüllung die Sezession ihrer Teilrepubliken an. Dies wurde von der serbischen Minderheit in Kroatien mit den Straßenschlachten und Verkehrsblockaden der Baumstammrevolution (August 1990) beantwortet.
Am 28. Februar 1991 gründeten serbische Nationalisten in Kroatien eigenmächtig eine „Serbische Autonome Provinz Krajina“, deren Unterstützer sich ab März 1991 wiederholte Zusammenstöße mit der kroatischen Polizei, kroatischen Einheiten der Nationalgarde und den sich rapide formierenden paramilitärischen Kroatischen Verteidigungskräften lieferten. Diese frühen Gefechte gelten in der Rückschau als die ersten Schlachten der Jugoslawienkriege, die zwischen 1991 und 2001 den Westbalkan erschütterten. Obwohl sich das weit im Nordwesten gelegene und durch seine ethnische Homogenität geschützte Slowenien nach nur kurzen Kampfhandlungen loslösen konnte (10-Tage-Krieg), kam es weiter südöstlich aufgrund der ethnischen Durchmischung zwischen Kroaten, Bosniaken und Serben zunächst zum Kroatienkrieg (1991–1995) und nach der von den ethnischen Serben boykottierten Unabhängigkeitserklärung des neuen Staates Bosnien-Herzegowina (März 1992) auch zum Bosnienkrieg (1992–1995). Die antiserbische Koalition der Kroaten und Bosniaken zerbrach aber bereits im Sommer 1992, als der kroatisch-bosniakische Krieg (1992–1994) ausbrach. Mehrere internationale Interventionen insbesondere der Vereinigten Staaten führten sukzessive zum Washingtoner Abkommen (1994) für den Friedensschluss zwischen Kroaten und Bosniaken und dann zum Abkommen von Dayton (1995) für den Waffenstillstand zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken. Die von Serben in Kroatien ausgerufene Republik Serbische Krajina war zwischenzeitlich von den kroatischen Streitkräften zerschlagen worden, aber die in Bosnien gegründete Republika Srpska wurde gemeinsam mit der im Washingtoner Abkommen 1994 gebildeten Föderation Bosnien und Herzegowina eine der neuen Teilentitäten des Staates Bosnien-Herzegowina, in dem alle drei Teilvölker weitgehende Autonomierechte genießen.
Das Daytoner Abkommen beendete zwar die meisten Kampfhandlungen im westlichen Jugoslawien, traf aber keine Vorkehrungen für den mehrheitlich albanischen Kosovo, in dem sich bis 1995 eine starke Widerstandsbewegung der UÇK gegen die serbische Staatsgewalt bildete. Bis 1998 führte die UÇK wiederholte Angriffe auf serbische Patrouillen, Polizeistationen und Behörden aus. Eine Gewaltspirale mehrerer Attacken beider Seiten führte im Februar 1998 in den Kosovokrieg (1998–1999). Ein von der NATO unterstützter Waffenstillstand wurde im Oktober 1998 unterzeichnet, scheiterte aber innerhalb weniger Monate. Im Januar 1999 entschied sich die NATO entgegen der Wünsche der jugoslawischen Regierung, eine militärische Friedensmission in den Kosovo zu führen. Der von der NATO vorgeschlagene Vertrag von Rambouillet (Februar/März 1999) wurde von der jugoslawischen Seite nicht unterzeichnet, woraufhin die NATO mit den schweren Luftangriffen der Operation Allied Force (März 1999) begann. Die Operation wurde beendet, nachdem sich die Belgrader Regierung im Abkommen von Kumanovo (9. Juni 1999) bereit erklärt hatte, die Armee und die serbische Polizei aus dem Kosovo abzuziehen. Einen weiteren Aufstand einer albanischen Minderheit gab es im Mazedonienaufstand 2001, der durch das Rahmenabkommen von Ohrid im August 2001 beendet wurde.
Nachdem durch die Sezessionen Sloweniens (1991), Kroatiens (1991), Bosnien-Herzegowinas (1992) und Nordmazedoniens (1991) nur noch die Teilrepubliken Serbien und Montenegro übriggeblieben waren, war dieser restliche Staatsverband 1992 „Bundesrepublik Jugoslawien“ getauft worden. Stärkere Autonomiebestrebungen der Montenegriner führten schließlich im Jahr 2003 zur Umbenennung der Staatenunion in „Serbien und Montenegro“, wodurch der Name Jugoslawien endgültig von der europäischen Landkarte verschwand. Mit dem Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro 2006 wurde auch diese letzte (post-)jugoslawische Union aufgelöst. Im Jahr 2008 folgte darüber hinaus die förmliche Unabhängigkeitserklärung der Republik Kosovo von Serbien, welche aber von der serbischen Regierung nicht anerkannt wurde.
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Vorgeschichte
Jugoslawien vor 1914
Die südslawischen Völker des späteren Jugoslawiens standen zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der Fremdherrschaft des Habsburgerreiches im Norden und des Osmanenreiches im Süden;<ref name="Calic 2014" details="S. 17–40.">Marie-Janine Calic: Eine Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-67757-1.</ref> lediglich das kleine Fürstbistum Montenegro (1516–1852) hatte sich dank seiner Gebirgslage eine weitgehende Unabhängigkeit bewahren können. Die Serben befreiten sich in einem zunächst erfolglosen ersten Aufstand (1804–1813) und in einem erfolgreicheren zweiten Aufstand (1815–1817) von der unmittelbaren Herrschaft der Osmanen, was dank des Einflusses des mit Serbien sympathisierenden Kaiserreiches Russland im Jahr 1830 auch durch die offizielle Schöpfung eines Fürstentums Serbien (1815/1830–1882) bestätigt wurde, obwohl bis 1867 noch osmanische Garnisonen in Serbien verblieben. Obwohl Intellektuelle wie der Philologe Vuk Karadžić und der Politiker Ilija Garašanin schon im 19. Jahrhundert Konzepte eines künftigen „Großserbien“-Projekts (unter Einschließung anderer südslawischer Völker, die alle als Serben interpretiert wurden) ausarbeiteten, blieb Serbien zunächst ein eher schwacher Staat zwischen den Großmächten. Vom befreundeten Montenegro war Serbien durch den Landkorridor Novi Pazar abgetrennt, der zunächst unter osmanischer Kontrolle blieb. Weiter nördlich standen die Slowenen und Kroaten unter der Herrschaft der Habsburgermonarchie (ab 1867: „Österreich-Ungarn“), wobei die Slowenen in der österreichischen Reichshälfte eine eher milde Herrschaft erlebten, während sich die im zum Königreich Ungarn gehörigen Königreich Kroatien-Slawonien organisierten Kroaten einer starken Magyarisierungspolitik ausgesetzt sahen.<ref name=":0" details="S. 1–5."></ref>
Das fortschreitende 19. Jahrhundert und frühe 20. Jahrhundert veränderten die Lage der Südslawen nachhaltig. Für die Kroaten innerhalb des Habsburgerreiches war frustrierend, dass die österreichische Niederlage im Deutschen Krieg (1866) den Österreichisch-Ungarischen Ausgleich (1867) nach sich zog, der den kulturellen Zugriff des Königreichs Ungarn auf kroatisch bewohnte Gebiete verstärkte. Der Russische Türkenkrieg von 1877/78 erzwang den Berliner Kongress (1878), in dem die Souveränität von Serbien und Montenegro bestätigt wurden, der aber auch Österreich-Ungarn das Recht einräumte, Bosnien-Herzegowina und Novi Pazar militärisch zu besetzen, obwohl beide Territorien offiziell Teil des Osmanischen Reiches blieben. Nach dem Dreikaiserabkommen (1881) zwischen Österreich-Ungarn, Russland und Deutschland konnte Wien auch seinen Einfluss in Belgrad ausbauen, da sich Serbiens Schutzmacht Russland nicht einmischte. Erst nach der Ermordung des serbischen Königs Aleksandar Obrenović durch nationalistische serbische Offiziere im Jahr 1903 verunsicherte die Beziehungen Wiens zu Belgrad nachhaltig, die durch die Bosnische Annexionskrise (1908) um die österreichisch-ungarische Annexion des mehrheitlich südslawischen Bosnien-Herzegowina noch einmal deutlich verschlechtert wurden.<ref name=":0" details="S. 7–18." />
In den Jahren 1912/1913 führten die südslawischen Königreiche zunächst den Ersten Balkankrieg (1912–1913) gegen das Osmanische Reich, bevor das von seinen Kriegsgewinnen enttäuschte Königreich Bulgarien den Zweiten Balkankrieg (1913) entfesselte, der letztlich in einem Sieg der anti-bulgarischen Koalition und der Teilung Nordmazedoniens zugunsten Serbiens im Vertrag von Bukarest (1913) endete.<ref name=":0" details="S. 19–20." />
Der Erste Weltkrieg in Jugoslawien
Nach dem Attentat von Sarajevo (28. Juni 1914) auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand durch den bosnischen Serben Gavrilo Princip gab die Wiener Regierung in der Julikrise (Juli 1914) der serbischen Regierung die Schuld an der Verschwörung. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.<ref name=":0" details="S. 20." />
Bereits kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914–1918) formulierte die Regierung des Königreichs Serbien in einer Zirkularnote vom 4. September 1914 das Kriegsziel, einen starken südwestlichen slawischen Staat zu schaffen.<ref name="Calic 2014" details="S. 77–79." /> Trotz Hilfeversprechen von alliierten Politikern wie Edward Grey im September 1914 geriet Serbien jedoch in die Defensive; die militärischen Kapazitäten des Königreichs waren trotz beachtlicher Erfolge nicht ausreichend, um die österreichisch-ungarischen Invasoren dauerhaft aus dem Land zu verdrängen.<ref name=":0" details="S. 21." /> Im November 1914 gründete sich das Jugoslawische Komitee aus Kroaten und Serben, der im Mai 1915 unter Vorsitz des Kroaten Ante Trumbić in London seine Tätigkeit aufnahm. Schon früh kam es hier zu kleineren Verwerfungen zwischen der kroatischen und serbischen Auffassung des künftigen Nationalstaates, die aber noch von gemeinsamen Interessen übertüncht wurden. Insbesondere war es aus Sicht der Befürworter einer jugoslawischen Union wichtig, einerseits das eigene Territorium auf so viele südslawische Gebiete wie möglich auszuweichen und insbesondere die Gebietsansprüche des Königreichs Italien in Istrien und Dalmatien zu weit wie möglich zurückzudrängen. Dies war prekär, da Italien und Serbien auf der gleichen Seite kämpften.<ref name="Calic 2014" details="S. 77–79." /> Als die Alliierten Italien im Londoner Geheimvertrag von 1915 umfangreiche Gebietszugeständnisse in Dalmatien machten, waren die Serben nicht zu den Verhandlungen eingeladen. Darüber hinaus zwangen die Alliierten Serbien zu Gebietszugeständnissen an das noch neutrale Königreich Bulgarien, um die im Zweiten Balkankrieg von 1913 festgelegte Grenze zugunsten Bulgariens zu korrigieren. Dieses in Serbien äußerst verhasste Zugeständnis vom 5. September 1915 konnte trotzdem nicht verhindern, dass Bulgarien am 12. Oktober auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg gegen Serbien eintrat, wodurch die prekäre Landesverteidigung Serbiens endgültig zusammenbrach.<ref name=":0" details="S. 21." />
Die verschiedenen Visionen der Südslawen eines künftigen Staates unterschieden sich voneinander; wo die zwischenzeitlich aus ihrer Hauptstadt vertriebene serbische Exilregierung auf Korfu unter Nikola Pašić einen serbisch dominierten Zentralstaat favorisierte, wollte der Jugoslawische Ausschuss in London eine föderale Verfassungsstruktur auf Grundlage der Gleichstellung der drei Hauptvölker (Serben, Kroaten, Slowenen) im Auge. Der Jugoslawische Klub, der sich unter Führung des Slowenen Anton Korošec aus prominenten Südslawen des Habsburgerreiches gebildet hatte, forderte indes am 30. Mai 1917 die Vereinigung aller südslawischen Länder der Donaumonarchie, blieb aber zunächst bis 1918 noch dem österreichischen Kaiserhaus treu.<ref name="Calic 2014" details="S. 77–79." />
In der Deklaration von Korfu fanden die serbische Exilregierung und das Jugoslawische Komitee am 20. Juli 1917 eine gemeinsame Plattform, in der sie ein jugoslawisches Königreich auf Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker forderten. Dabei sollte die serbische Königsdynastie Karađorđević die Monarchen Jugoslawiens stellen, aber die Macht des Königs von einem demokratischen Parlamentarismus in Schach gehalten werden. Die verschiedenen Religionen und Alphabete der südslawischen Völker sollten gleichberechtigt sein und die Serben, Kroaten und Slowenen wurden als drei ‚Stämme‘ desselben ‚dreinamigen Staatsvolkes‘ deklariert. Die Unterstützung unter den südslawischen Völkern für das jugoslawische Projekt wuchs während des Krieges, obwohl einige Fraktionen wie der katholische Klerus in Kroatien, die bosnischen Muslime oder die montenegrinischen Nationalisten skeptisch blieben.<ref name="Calic 2014" details="S. 79–81." />
Innerhalb des im Verlauf des Krieges zunehmend schwächer werdenden Österreich-Ungarns versuchte Kaiser Karl vor dem Hintergrund des katastrophalen Kriegsverlaufs im Jahr 1918, durch Versprechungen von Gebiets- und Autonomiereformen die Integrität seines schwächelnden Kaiserreiches zu retten.<ref name="Calic 2014" details="S. 79–81." /> Der Sieg der Alliierten wurde jedoch auch in Südosteuropa mit dem Kriegsaustritt Bulgariens im September 1918 absehbar,<ref name=":0" details="S. 24." /> sodass kurz vor Kriegsende am 6. Oktober 1918 der auf Sezession bedachte Nationalrat der Slowenen, Kroaten und Serben ins Leben gerufen wurde, dessen 73 Abgeordnete die Einheit aller Südslawen Österreich-Ungarns (zunächst unter Ausschluss der Königreiche Serbien und Montenegro) in einem neuen und demokratischen Staat proklamierten. Der Nationalrat bildete am 17. Oktober eine provisorische Regierung, die auch vom Königreich Serbien vorübergehend als Vertretung der Südslawen des Habsburgerreiches anerkannt wurde. Ab Mitte Oktober 1918 wurde Sezessionismus in den Großstädten Österreich-Ungarns deutlich sichtbar; ab dem 21. Oktober wehten panslawische Flaggen in Zagreb, während Demonstrationszüge alliierte Persönlichkeiten wie den Serben Pašić, den US-Präsidenten Woodrow Wilson oder den tschechoslowakischen Unabhängigkeitsführer Tomáš Garrigue Masaryk feierten.<ref name="Calic 2014" details="S. 79–81." />
Am 29. Oktober beschloss der kroatische Landtag, alle staatsrechtlichen Beziehungen zu Österreich und Ungarn aufzulösen, was einer Unabhängigkeitserklärung vom Habsburgerreich gleichkam. Der aus kroatischen und slowenischen Gebieten neu gebildete Staat der Slowenen, Kroaten und Serben war aber kurzlebig; am 24. November 1918 sprach sich der Nationalrat für die Union mit dem Königreich Serbien aus. Gleichzeitig wurde auch das ebenfalls auf der Seite Serbiens am Krieg beteiligte unabhängige Königreich Montenegro in den neuen jugoslawischen Staatsverband eingegliedert; gegen den Widerstand von König Nikola von Montenegro stimmte die montenegrinische Nationalversammlung am 26. November für die Union mit Serbien und setzte den König kurzerhand ab. Für die Mazedonier war die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer slawischen Union ebenfalls prekär, da sich die meisten eine kulturelle Abgrenzung von den Serben wünschten. Für die Vertreter der drei Hauptteilvölker waren die Mazedonier jedoch Serben.<ref name="Calic 2014" details="S. 79–81." />
Gründungszeit, 1918–1921 Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.
Am 1. Dezember erklärte der serbische Prinzregent Alexander Karađorđević feierlich die Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen.<ref name="Calic 2014" details="S. 81–82." /> Zum Zeitpunkt seiner Gründung verfügte der Staat über etwa 12,5 Millionen Einwohner, von denen die im Staatsnamen erwähnten Slowenen und Serbokroaten (zu denen kurzerhand auch die Montenegriner, Bosniaken und Nordmazedonier dazugerechnet wurden) rund 83 % stellten. Die Neugründung des Landes über ehemalige Reichsgrenzen hinweg sorgte dafür, dass der junge Staat einen Flickenteppich verschiedener Währungs-, Steuer-, Infrastruktur- und Rechtssystem vereinigen musste.<ref name="Calic 2014" details="S. 83–85." /> 1921 waren 76 % der Bevölkerung Landbewohner, wobei die Quote in Slowenien mit 63 % am niedrigsten und in Montenegro mit 86 % am höchsten war. Die Analphabetenrate lag im Landesdurchschnitt bei etwa 50 %, variierte aber von 9 % in Slowenien bis zu über 80 % in Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien.<ref name="Calic 2014" details="S. 90–93." />
Diplomatischer Anerkennungsprozess
Trotz der Proklamation des neuen Staates am 1. Dezember 1918 dauerte es bis Mai 1919, dass das neue SHS-Königreich von den alliierten Siegermächten auf der Pariser Friedenskonferenz anerkannt wurde. Erkundungsmissionen insbesondere der US-Amerikaner hatten in der Zwischenzeit ein sehr hohes Maß an Zustimmung unter den Südslawen für das neue Staatskonstrukt festgestellt.<ref name="Calic 2014" details="S. 81–82." />
Im Januar 1919 war eine Delegation des Königreichs auf der Pariser Friedenskonferenz erschienen, die auf Geheiß des Königs vom serbischen Ministerpräsidenten Nikola Pašić höchstselbst geführt wurde. Für den Prinzregenten Alexander war dieses Arrangement zweifach nützlich, da er so einerseits das Prestige Pašićs bei den Alliierten nutzen und andererseits den Politiker aus dem Weg räumen konnte, der in Jugoslawien selbst mit Ideen des Großserbentums assoziiert war, die der König nicht mit seinem neuen Staat verknüpfen wollte.<ref name=":0" details="S. 26." /> Die Delegation wurde zunächst noch offiziell als die Vertretung Serbiens akkreditiert, da die Anerkennung des SHS-Königreichs noch ausstand. Die jugoslawischen Vertreter beriefen sich auf das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Wilson, um mit Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker die Territorialgewinne des SHS-Königreichs in ethnisch durchmischten Gebieten zu maximieren. In den Pariser Vorortverträgen (1919–1920) schiefen die Hauptsiegermächte in Südost- und Mittelosteuropa zur Einschränkung der Macht Deutschlands und Russlands einen cordon sanitaire aus neuen Staaten, zu denen auch das SHS-Königreich gehörte.<ref name="Calic 2014" details="S. 83–85." />
Die heikelste Frage, die für die Jugoslawen in Paris zu klären war, war die Grenze zwischen dem SHS-Königreich und Italien, welches im Londoner Vertrag (1915) im Gegenzug für seinen Kriegseintritt auf der Seite der Alliierten die Zusicherung Großbritanniens und Frankreichs erhalten hatte, nach dem Krieg mehrheitlich slawische Gebiete in den Regionen Triest, Görz-Gradisca, Istrien und Dalmatien annektieren zu dürfen. Italienische Truppen waren im November 1918 in die umstrittenen Gebiete einmarschiert, um die Jugoslawen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Der wichtigste Unterstützer der jugoslawischen Positionen waren die USA, da die Amerikaner sich an den Londoner Vertrag nicht gebunden sahen und seine Bestimmungen als mit den 14 Punkten von Präsident Wilson unvereinbar betrachteten. Letztlich wurde eine Kompromisslösung gefunden, sodass beide Seiten einige Gebiete preisgeben mussten. Im Grenzvertrag von Rapallo (November 1920) fielen Istrien, die Hafenstadt Zadar ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) und einige Inseln in der Adria an Italien, aber der Großteil der dalmatinischen Küste verblieb im SHS-Königreich. In die besonders heftig umstrittene Hafenstadt Rijeka ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) waren bereits im September 1919 italienische Freischärler einmarschiert, die unter der Führung des Nationalisten Gabriele D’Annunzio, um das zu Habsburgerzeiten autonome Rijeka für Italien zu gewinnen. Nachdem die italienische Regierung sich unter dem Druck ihrer Verbündeten weigerte, das Gebiet zu annektieren, proklamierten die Rebellen stattdessen die Italienische Regentschaft am Quarnero, der schließlich durch den Grenzvertrag von Rapallo im November 1920 durch den Freistaat Fiume abgelöst wurde, der wiederum letztlich im Jahr 1924 zum Ärger der kroatischen Bevölkerung im SHS-Königreich Italien angeschlossen wurde.<ref name="Calic 2014" details="S. 83–85." />
Unter der Schirmherrschaft Frankreichs schloss das SHS-Königreich mit dem Königreich Rumänien und der Tschechoslowakei die Kleine Entente, welches die drei Staaten gegen österreichische, ungarische oder deutsche Revisionsversuche der Pariser Friedensordnung stärken sollte.<ref name="Calic 2014" details="S. 83–85." />
Grenzkriege und Rebellionen
Im Zuge der Auflösung Österreich-Ungarns war zunächst nicht eindeutig klar, entlang welcher Linie die Grenze zwischen der späteren Republik Österreich sowie dem zum SHS-Königreich gehörigen Slowenien verlaufen sollte. Der Kärntner Abwehrkampf der deutschsprachigen Bevölkerung und die Volksabstimmung in Kärnten 1920, die zugunsten Österreichs ausfiel, resultierten schließlich in der heutigen österreichisch-slowenischen Grenzziehung. Die Streitfrage der Minderheitenrechte der Slowenen in Kärnten spielte in folgenden Jahrzehnten beim Österreichischen Staatsvertrag 1955, dem Ortstafelstreit sowie dem Ortstafelsturm 1972 und nach dem Zerfall Jugoslawiens ab 1992 auch in den österreichisch-slowenischen Beziehungen eine Rolle, auch wenn der Anteil der Slowenen in Kärnten im Verlauf des 20. Jahrhunderts von 25,5 % (1890) auf 2,4 % (2001) einbrach.<ref>Christian Dörner-Hörig: Habitus und Politik in Kärnten: Soziogenetische und psychogenetische Grundlagen des Systems Jörg Haider. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-04240-0, S. 56–59.</ref>
Anfang Januar 1919 brach der Weihnachtsaufstand in Montenegro aus, in dem die unionsfeindlichen „Grünen“ die Mehrheitsentscheidung der Weißen zugunsten einer Union mit Serbien rückgängig machen wollten. Der von Jovan Simonov Plamenac und Krsto Zrnov Popović geführte Aufstand, der auf die Wiedereinführung der eigenständigen montenegrinischen Monarchie unter dem abgesetzten König Nikola von Montenegro abzielte, wurde trotz italienischer Hilfslieferungen an die Rebellen schnell niedergeschlagen.<ref name=":12"></ref>
Neue Innenpolitik
Das neue jugoslawische Staatsprojekt verstand sich als Nationalstaat eines einzelnen jugoslawischen Volkes, welches im Stil westeuropäischer Staatsnationen über individuelle Freiheitsrechte verfügen sollte. Die Serben, Kroaten und Slowenen wurden als ‚Stämme‘ des gleichen ‚Volkes‘ interpretiert und nicht als verschiedene Nationen, wobei den Montenegrinern, Bosniaken und Nordmazedoniern die Identität als eigenen Stämmen verwehrt wurde. Als Amtssprache des neuen Staates wurde „serbo-kroato-slowenisch“ definiert, obwohl sich Slowenisch deutlich von Serbokroatisch unterscheidet. Darüber hinaus kollidierten schon früh die Denker und Aktivisten der beiden größten Teilvölker des neuen Staates, der Serben und Kroaten. Wo die serbische Elite die Geschichte ihres in den Balkankriegen und im Ersten Weltkrieg unter schwersten Verlusten siegreichen Königreichs fortsetzen wollte und einen monarchischen Zentralstaat befürwortete, blickten die Kroaten primär auf die Bewahrung ihrer nationalen Eigenständigkeit, die sie sich in ihrer Sicht erst vor kurzem von den Habsburgern erkämpft hatten und für deren Bewahrung eine föderale Struktur des neuen Staates nötig sein würde.<ref name="Calic 2014" details="S. 85–87." />
Der Konflikt zwischen Zentralisten und Föderalisten hatte bereits bei der Deklaration von Korfu 1917 geschwelt, brach sich jetzt aber kurz vor den Wahlen zur neuen verfassungsgebenden Versammlung 1919/1920 seine Bahnen. Besonders Kroaten und Slowenen waren über die starke Stellung des Königs in der serbischen Vision vom Dezember 1918 besorgt und wollten die Monarchie in einer künftigen Verfassung schwächen. In den nicht-serbischen Landesteilen formierten sich partikularistische, autonomistische oder sezessionistische Bewegungen, während pro-jugoslawische und zentralistische Kräfte hauptsächlich in Serbien beliebt waren.<ref name="Calic 2014" details="S. 85–87." />
Im Jahr 1921 wurde Prinzregent Alexander, der bisher nur stellvertretend für seinen hochbetagten Vater Peter I. die Staatsgeschäfte geführt hatte, nach dem Tod des Vaters selbst zum König.<ref name=":13" details="S. 214." />
Politische Parteien und Bewegungen
Stärkste Partei in den Wahlen von 1920 wurde die Demokratische Partei von Svetozar Pribićević, die einen jugoslawischen Zentralstaat unter klar demokratisch-egalitären Vorzeichen forderte und darin auch von der nationalkonservativ ausgerichteten Radikalen Volkspartei von Nikola Pašić herausgefordert wurde. Neben der Kroatischen Republikanischen Bauernpartei die andere große Gegnerin des neuen Systems war die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ), die stattdessen einen Arbeiter- und Bauernstaat nach Vorbild von Sowjetrussland forderte.<ref name="Calic 2014" details="S. 90–93." />
Die wichtigste Bewegung in Kroatien sowie die einflussreichste Oppositionspartei in ganz Jugoslawien war die Kroatische Republikanische Bauernpartei (HRSS) von Stjepan Radić, der ab 1921 der Sprecher des Kroatischen Blocks im Parlament war, nachdem er zuvor das jugoslawische Projekt aufgrund der zentralistischen Tendenzen bekämpft und boykottiert hatte. Stattdessen forderten die Republikanischen Bauern seit November 1918 eine kroatische Bauernrepublik. Radić legte im Mai 1921 einen eigenen Verfassungsentwurf vor, der die drei Teilvölker als verschiedene und separate Nationen anerkennen und einen Bundesstaat gründen sollte. Die Kroatische Republikanische Bauernpartei wurde 1920 mit 230.000 Stimmen die drittstärkste Kraft Jugoslawiens.<ref name="Calic 2014" details="S. 90–93." />
In Slowenien suchte die Slowenische Volkspartei (SLS) unter Anton Korošec zunächst nach kultureller Autonomie für die Slowenen und einer föderalen Staatsstruktur, entwickelte sich aber später zu einer Befürworterin eines begrenzten Zentralismus, um militärische Übergriffe des benachbarten Italien abzuwehren.<ref name="Calic 2014" details="S. 88–90." />
Die unter Bosniaken beliebte und religiös eher gemäßigte Jugoslawische Muslimische Organisation (JMO), die im Gegenzug für bosniakische Autonomie in Glaubensfragen die Monarchie zu unterstützen bereit war,<ref name=":0" details="S. 28." /> bekannte sich im Jahr 1920 zum Jugoslawismus und unterstützte 1921 den zentralistischen Verfassungsentwurf der serbischen Delegierten.<ref name="Calic 2014" details="S. 88–90." /> Das Wort „muslimisch“ im Namen der JMO bezog sich auf den als Bezeichnung für Bosniaken verbreiteten Ethnienbegriff „slawische Muslime“ und stellte keine pan-islamische Ausrichtung dar, weshalb sich die JMO politisch nicht an die mehrheitlich muslimischen Kosovo-Albaner richtete.<ref name=":0" details="S. 29." />
In Nordmazedonien war die Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation (IMRO) eine nationalistische Terrorgruppierung, die Anfang der 1920er über mehr als 1.600 Mitglieder verfügte und die serbischen Staatsorgane in Mazedonien bekämpfte. Bis 1934 erfuhr die IMRO dabei Unterstützung durch die bulgarische Regierung.<ref name="Calic 2014" details="S. 88–90." />
Im Kosovo und im westlichen Nordmazedonien kämpften albanische Gruppen der Katschak-Bewegung gegen die Zentralregierung und wurden bis 1924 vom Fürstentum Albanien unterstützt.<ref name="Calic 2014" details="S. 88–90." /> Da die Kosovo-Albaner von Anfang an von der jugoslawischen Regierung als eine fremde Bevölkerung empfunden wurden, wurden sie nie dauerhaft in den jugoslawischen Staatsverband integriert.<ref name=":0" details="S. 29." />
Neben der Kroatischen Republikanischen Bauernpartei die andere große Gegnerin des neuen Systems war die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ), die statt des Königreichs einen Arbeiter- und Bauernstaat nach Vorbild von Sowjetrussland forderte. Die KPJ war insofern ungewöhnlich in der jugoslawischen Politik, als dass sie eine explizit multiethnische Oppositionsbewegung darstellte, während die meisten Systemgegner sich stattdessen in nationalen Parteien formierten.<ref name="Calic 2014" details="S. 90–93." />
Parlamentswahlen
Bei den Parlamentswahlen im Jahr 1920 waren 419 Parlamentsmandate zu vergeben. Die Demokraten gewannen 92, die Radikalen 91, die Kommunisten 59, die HRSS 50, die Bauernunion 39, die SLS 27, die JMO 24, die Sozialdemokraten 10 und andere Gruppierungen 27 Sitze.<ref name=":16" details="S. 49." />
In den Parlamentswahlen von 1923 gewannen bei 313 Mandaten die Radikalen mit 108 Sitzen vor der HRSS mit 70, den Demokraten mit 51, der SLS mit 24, der JMO mit 18, der Bauernpartei mit 11, der deutschen Minderheit mit 8 und den montenegrinischen Föderalisten mit 2 Sitzen. 21 Sitze entfielen auf andere Fraktionen.<ref name=":16" details="S. 49." />
Die Parlamentswahlen von 1925 gingen wieder an die Radikalen, die bei 315 Mandaten insgesamt 143 Sitze gewannen. Damit gewannen sie gegen die Kroatische Bauernpartei (67 Sitze), die Demokraten (37 Sitze), den Unabhängigen Demokraten (21 Sitze), der SLS (21 Sitze), der JMO (15 Sitze), der deutschen Minderheit (5 Sitze), den montenegrinischen Föderalisten (3 Sitze) und der Bauernunion (3 Sitze).<ref name=":16" details="S. 49." />
In den Parlamentswahlen von 1927 gewannen die Radikalen bei 112 von 315 möglichen Sitzen wieder den größten Parlamentsanteil. Damit besiegten sie die Kroatische Bauernpartei (66 Sitze), die Unabhängigen Demokraten (22 Sitze), die SLS (21 Sitze), die JMO (17 Sitze), die Bauernunion (9 Sitze), die Demokraten (6 Sitze), die deutsche Minderheit (6 Sitze) sowie die Montenegriner und die Sozialdemokraten (jeweils ein Sitz).<ref name=":16" details="S. 49." />
Wirtschaftsreformen der Gründungszeit
Als nationale Währung wurde zur Staatsgründung der Jugoslawische Dinar (später YUD abgekürzt) eingeführt. Die neue Währung war notwendig geworden, um die verschiedenen Währungen, die vor 1918 auf dem Gebiet des neuen Staates genutzt worden waren (Serbischer Dinar, Montenegrinischer Perper, Österreichisch-ungarische Krone), zu integrieren. Schon 1918 gab es zwischen serbischen und kroatischen Ökonomen Streit, da die kroatische Seite einen Wechselkurs von 1:1 von der alten Krone zum neuen Dinar durchsetzen wollte, während die serbische Seite stattdessen den Wechselkurs von 10:1 präferierte. Letztlich wurde als Kompromiss der Wechselkurs 5:1 von der Krone zum Dinar festgelegt, was für beide Seiten unbefriedigend war.<ref name=":20" details="S. 368."></ref>
Am 6. Januar 1919 verkündete der König eine Agrarreform, die den Großgrundbesitz zerschlagen und die bäuerlichen Abhängigkeitsverhältnisse abschaffen sollte. Dieses Zugeständnis an die revolutionären Verhältnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte aber ökonomisch nur wenig Erfolg, da sie die Struktur der Kleinstbauern festigte und die agrarische Produktivität im Land eher stagnieren als wachsen ließ. Die Kriegsveteranen, die von der Umverteilung des Landes besonders profitierten, trafen bei ihrer Ankunft auf ihren neuen Höfen zudem mitunter auf den Widerstand der lokalen Bevölkerung; im Kosovo und in Nordmazedonien wurden die serbischen Kolonisten von albanischen und bulgarischen Banden bekämpft.<ref name="Calic 2014" details="S. 92." />
Verfassungsprojekt
Im Winter 1920 wurde in geheimen Wahlen der männlichen Bevölkerung ab 21 Jahren die verfassunggebende Versammlung gewählt. Dabei ergab sich rein rechnerisch eine leichte Mehrheit für die Zentralisten, nicht zuletzt da die oppositionelle Kroatische Bauernpartei sich weigerte, ihre Parlamentssitze einzunehmen.<ref name="Calic 2014" details="S. 85–87." />
Am 28. Juni 1921, dem symbolträchtigen Veitstag und damit dem serbischen Nationalfeiertag, stimmten die Vertreter der serbischen, bosniakischen und türkischen Parteien mit einer knappen Mehrheit von 223 von 419 Stimmen für den stark zentralistischen Verfassungsentwurf nach serbischer Linie. Zusicherungen lokaler und regionaler Selbstverwaltung hatten dem Entwurf Unterstützung durch einige Minderheitengruppen eingebracht, was die sogenannte Vidovdan-Verfassung trotz eines Boykotts durch viele kroatische, slowenische und kommunistische Abgeordnete bestätigte. Dass die neue Verfassung entgegen der Versprechen der Deklaration von Korfu 1917 keine ‚qualifizierte Mehrheit‘ aller Teilvölker hatte, diente Gegnern des jugoslawischen Projekts bis zum Zweiten Weltkrieg als Angriffsfläche gegen den neuen Staat.<ref name="Calic 2014" details="S. 85–87." />
Jugoslawischer Parlamentarismus, 1921–1929
Kabinette, Regierungskrisen und ethnische Rivalitäten
Schon während der Gründungsphase hatten sich zwischen den Teilvölkern Jugoslawiens, inklusive und insbesondere zwischen den südslawischen Nationen, starke Rivalitätspotenziale gezeigt. Wo weite Teile des kroatische Bürgertums die eigene Identität nicht zuletzt in Abgrenzung von den Serben verstanden, den eigenen Katholizismus für national essentiell hielten und Kroatien als zivilisatorisches Bollwerk gegen ein barbarisches Südosteuropa interpretierten, waren viele Serben schon früh in den 1920er-Jahren von den autonomistischen Tendenzen der anderen Südslawen frustriert, wodurch unter serbischen Nationalisten verstärkt die Idee einer »Amputation« Kroatiens und Sloweniens, d. h. der Abtrennung kroatischer und slowenischer Mehrheitsgebiete zugunsten eines stärker zentralistischen, homogen serbischen und explizit serbisch-orthodoxen Reststaates, diskutiert wurde.<ref name="Calic 2014" details="S. 92." />
Für große Ressentiments der nicht-serbischen Volksgruppe sorgte das innenpolitische Privileg der serbischen Elite. Nicht weniger als 452 von 656 Ministern der Zwischenkriegszeit waren Serben, während nur 137 Kroaten, 49 Slowenen und 18 Bosniaken auf Ministerposten dienten. Der Aufbau des jugoslawischen Beamtenstaats und der königlichen Armee auf der Basis des Obrigkeitsstaates des Königreichs Serbien sorgte dafür, dass eine ähnliche ethnische Ungleichverteilung bedeutender Dienstposten auch bei den Beamten und den Offizieren feststellbar war.<ref name=":0" details="S. 27." />
Das in Jugoslawien wirksame Verhältniswahlrecht sorgte in Kombination mit den ethnischen Trennlinien zwischen den Teilvölkern dafür, dass sich die Landschaft der jugoslawischen Innenpolitik bis 1925 in mindestens 45 politische Parteien spaltete, die fast ausnahmslos ethnische oder regionale Partikularinteressen vertraten. Die Regierungen waren kurzlebig und instabil; zwischen 1918 und 1929 regierten in Belgrad insgesamt 24 Kabinette, auf die im Zeitraum zwischen 1929 und 1941 noch einmal weitere 15 folgten. König Alexander, seine Kamarilla und der Geheimbund Weiße Hand innerhalb der königlichen Armee konnten die instabile Lage nutzen, um ihrerseits Einfluss auf die Politik zu nehmen.<ref name="Calic 2014" details="S. 92–94." /> Alexander war darauf bedacht, die Macht der Geheimbünde innerhalb der königlichen Armee auszuschalten und formierte seine Weiße Hand als explizite Antwort auf die Schwarze Hand, die sowohl den Königsmord von 1903 als auch das Attentat von Sarajevo im Juni 1914 mitverantwortet hatte. Der Führer der Schwarzen Hand, Dragutin Dimitrijević, war bereits 1917 unter dem Vorwand des geplanten Hochverrats auf Befehl Alexanders erschossen worden.<ref name=":0" details="S. 26." />
Die wichtigste politische Bewegung, die in den 1920er-Jahren die ethnische Ordnung in Jugoslawien in Frage stellte, war die Kroatische Republikanische Bauernpartei von Stjepan Radić. Neben der Bauernpartei gab es aber noch weitere paramilitärische und gewaltbereite Bewegungen, zu denen auf der königstreuen und serbisch-nationalen Seite die Sokol-Turnbewegung, die Organisation Jugoslawischer Nationalisten (ORJUNA) und aus serbischen Kriegsveteranen aufgebaute Tschetnik-Verbände gehörten.<ref name="Calic 2014" details="S. 92–94." />
Im Januar 1925 wurde Stjepan Radić verhaftet, nachdem er im Jahr 1924 nach Moskau gereist war und seine Partei in die internationale Bauernparteienorganisation Krestintern eingereiht hatte, was die Belgrader Regierung als staatsfeindlichen Akt interpretierte. Unter Androhung eines Parteiverbots entschied sich Radić zu einem Strategiewechsel, woraufhin die Partei die Legitimität der Zentralverfassung und der serbischen Dynastie anerkannte. Als Teil der Anerkennung der Monarchie wurde der Namenszusatz ‚republikanisch‘ aus dem Parteinamen gestrichen, wonach die Bewegung nur noch den Namen „Kroatische Bauernpartei“ (HSS) trug. Daraufhin wurde die Bauernpartei wieder zu den Wahlen 1925 zugelassen. Erstmals beteiligte sich die HSS an der Regierungsarbeit und beteiligte sich ab November 1925 an einer Koalition mit der Radikalen Partei des langjährigen serbischen Regierungschefs, in die Radić selbst als Bildungsminister eintrat. Da der kroatische Bauernführer aber an föderalistischen Zielsetzungen festhielt und seine serbischen Amtskollegen rhetorisch heftig attackierte, schied er bereits im April 1926 wieder aus dem Amt aus.<ref name="Calic 2014" details="S. 95–96." />
Die Stimmung und öffentliche Sicherheit auf den Straßen Jugoslawiens verschlechterte sich, da wachsende Demonstrationsbewegung von gleichfalls wachsender Polizeigewalt bekämpft wurden. Im Mai 1927 schlug die jugoslawische Polizei Massendemonstrationen gegen die Ratifizierung des Nettuno-Abkommens mit Italien von 1925 blutig nieder. Das Abkommen war in der Bevölkerung unbeliebt, da es den Italienern im SHS-Königreich Minderheitenrechte garantierte, ohne den Südslawen in Italien die gleichen Garantien zuzugestehen. Insbesondere die nationalistischen Teile der kroatischen Bevölkerung waren starke Gegner des Vertrages, der erst im Sommer 1928 ratifiziert werden konnte.<ref name="Calic 2014" details="S. 96." />
Außenpolitik der 1920er
Nachdem Jugoslawien 1920 den Grenzvertrag von Rapallo mit dem Königreich Italien geschlossen hatte, machten der Marsch auf Rom und die Machtergreifung der italienischen Faschisten unter Benito Mussolini im Jahr 1922 dem jugoslawischen Staat neue Probleme. Mussolini war ein Gegner der Versailler Friedensordnung und des vermeintlich von den Westalliierten geschändeten italienischen Sieges ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)). Im Jahr 1925 erklärte sich die jugoslawische Regierung zum Nettuno-Abkommen bereit und garantierte der italienischen Minderheit im SHS-Königreich gewisse Autonomierechte, ohne aber die gleichen Garantien für die Südslawen in Italien zu gewinnen. Im Juni 1927 ging Mussolini einen großen Schritt weiter und begann, separatistische Bewegungen nordmazedonischer, albanischer oder kroatischer Coleur innerhalb des SHS-Königreichs zu unterstützen.<ref name="Calic 2014" details="S. 96." />
Für Jugoslawien war Italien auch in der Frage der Zugehörigkeit des Fürstentums Albanien (ab 1925: Albanische Republik, ab 1928: Königreich Albanien) ein Rivale. Im Tiranapakt sicherte sich Italien große Privilegien in Albanien, welches in die für Jugoslawien militärisch gefährliche Lage einer Abhängigkeit von Italien geriet. Die Kosovo-Albaner, die sich innerhalb Jugoslawiens für eine Autonomie oder sogar eine Sezession einsetzten, profitierten davon, Albanien als Basis für ihre Aktionen in Jugoslawien nutzen zu können. Die Grenze zwischen Jugoslawien und Albanien wurde erst 1926 endgültig festgelegt.<ref name=":0" details="S. 27." />
Wirtschaft der 1920er
Nachdem im Zeitraum 1912–1918 der praktisch ununterbrochene Kriegszustand der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs Serbien, Montenegro und Nordmazedonien jahrelang verwüstet hatte, ging es in den frühen 1920ern ökonomisch zunächst aufwärts. Der Wiederaufbau steigerte die Nachfrage und damit die Preise, was die bedrängte jugoslawische Regierung mit Gelddruck beantwortete. Die logisch folgende Inflation hatte den Geldumlauf der Währungsreform von 1920 bereits Ende 1923 verachtfacht. Die Geldentwertung half zwar, durch die Flucht in Sachwerte Investitionen anzukurbeln, aber der Aufbauboom flachte 1925 ab, als die Regierung versuchte, die Währung wieder zu stabilisieren. Besonders im für das landwirtschaftlich geprägte SHS-Königreich wichtigen Agrarsektor zeigten sich daraufhin erste Krisen, da die geschwächte Kaufkraft die krampfhaften Investitionen der von der Inflation verängstigten Bauernschicht nicht stützen konnten.<ref name="Calic 2014" details="S. 98–99." /> Die Produktivität der Landwirtschaft wuchs nicht in gleichem Maße wie die Bevölkerung, da die Bauern oftmals zu arm waren, um ihre Arbeitseffizienz durch bessere Werkzeuge, Nutztiere oder Fuhrwerke verbessern zu können. Anfang der 1930er Jahre lagen die Flächenerträge um 31 %, die Arbeitsproduktivität um 57 % unter dem europäischen Durchschnitt.<ref name="Calic 2014" details="S. 103–104." />
Die Industrialisierung des hauptsächlich landwirtschaftlich geprägten Jugoslawiens gewann in den 1920ern etwas an Tempo. Bis 1931 wuchs der Anteil der Industriearbeiter und Handwerker an der Gesamtbevölkerung auf 11 %, während 76 % in der Landwirtschaft verblieben. Trotzdem würde es bis 1948 dauern, dass die Zahl der Agrarbevölkerung auch absolut zu sinken begann, was in Großbritannien bereits 1820 und in Deutschland bereits 1850 der Fall gewesen war. Trotz vielfältiger Ressourcenvorkommen (Kupfer, Gold, Silber, Blei, Zink, Chrom, Mangan, Bauxit) fehlte es aber an Investitionen und Logistik, die Rohstoffe in großem Stil zu fördern, abzutransportieren oder weiterzuverarbeiten. Das Industriewachstum war stark lokalisiert; von den zwischen 1919 und 1938 insgesamt 2.193 in Jugoslawien gebauten „Fabriken“ (die nach Regierungsdefinition auch große Handwerksbetriebe einschlossen) entstanden allein 47 % im urbanisierten Slowenien und weitere 37 % in Kroatien und Slawonien. Auf Serbien entfielen 24 % der Fabrikneubauten und auf den Kosovo und Nordmazedonien nur 14 %.<ref name="Calic 2014" details="S. 105–107." />
Religion in den 1920ern
Nach der Zählung von 1921 waren 46,67 % der Staatsbevölkerung orthodox (vorwiegend Serben, Nordmazedonier und Montenegriner), 39,29 % katholisch (vorwiegend Kroaten und Slowenen), 11,22 % muslimisch (vorwiegend Bosniaken, Albaner und Türken), 1,91 % protestantisch und 0,54 % jüdisch. Die Vidovdan-Verfassung von 1921 hatte die Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen garantiert, Gewissensfreiheit proklamiert und die Gleichheit aller Religionen gefordert. Der Jugoslawismus als politische Ideologie bedurfte einer gewissen überreligiösen Ausrichtung, da die verschiedenen Volksgruppen jeweils stark mit verschiedenen Glaubensrichtungen assoziiert waren. Einige Geistliche wie Josip Juraj Strossmayer und Franjo Rački hatten aus diesem Grund bereits Mitte des 19. Jahrhunderts versucht, Katholizismus und Orthodoxie einander anzunähern, um die Gegensätze zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben zu reduzieren. Das Scheitern dieses Projekts war auch in den 1920ern nicht rückgängig zu machen; religiöser Konservatismus beider Seiten bedeutete zwangsläufig eine Abgrenzung von der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe. Auf heftigen Widerstand aller Glaubensrichtungen trafen Teile der Verfassung von 1921, die etwa die Zivilehe, ein staatlich-säkuläres Schulwesen und ein Verbot klerikaler Einflussnahme auf die Parteipolitik umfassten.<ref name="Calic 2014" details="S. 1–4." />
Die in Serbien und Montenegro vorherrschende Serbisch-Orthodoxe Kirche und die in Kroatien und Slowenien verbreitete römisch-katholische Kirche waren in ihren jeweiligen Teilbevölkerungen fest verankert; die Kleriker beider Seiten misstrauten dem politischen Einfluss und der Zielsetzung der jeweiligen Gegenseite. Die orthodoxen Priester sahen im Katholizismus eine fremdbestimmte und nicht-slawische Kulturerscheinung, zumal der Vatikan sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit für ein von Belgrad getrenntes Staatskonstrukt in Slowenien und Kroatien ausgesprochen hatte. Invers betrachteten die katholischen Priester die orthodoxe Religionszugehörigkeit des Königshauses mit Argwohn, da die serbischen Könige mit den orthodoxen Priestern enger verbunden waren als mit den anderen Religionsgemeinschaften. Trotzdem waren die meisten katholischen Geistlichen in Jugoslawien (mit Ausnahme von Josef Stadler) generell projugoslawisch eingestellt. Mit der Zeit verschärften sich jedoch die Gegensätze zwischen den Religionsgemeinschaften.<ref name="Calic 2014" details="S. 28." />
Arbeiterbewegung der 1920er
Als eine der wenigen Parteien ohne starke ethnische Bindung waren die Kommunisten im November 1920 als drittstärkste Fraktion ins jugoslawische Parlament eingezogen. Im April 1919 waren zunächst die sozialistischen und sozialdemokratischen Kleinparteien zur Sozialistischen Arbeiterpartei Jugoslawiens fusioniert, die ab 1920 Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) hieß und sich kurz darauf auch der Kommunistischen Internationale („Komintern“) anschloss. Die Kommunisten waren besonders in den Gewerkschaften der Großstädte gut vernetzt und konnten Ende 1920 ~200.000 Wählerstimmen gewinnen. Für die KPJ war das SHS-Königreich ein Ergebnis des westlichen Imperialismus, welches die Ausbeutung der südslawischen Völker bezwecke. Den Kommunisten wurden noch 1920 in der sogenannten Obznana (‚Bekanntmachung‘) jede Öffentlichkeitsarbeit verboten, bevor die Partei Mitte 1921 mit dem »Gesetz zum Schutz der öffentlichen Ordnung und des Staates« in die Illegalität gedrängt wurde. Daraufhin schrumpfte die KPJ bis 1924 auf nur noch etwa 700 dezidierte Kommunisten zusammen, weshalb die Partei im jugoslawischen Parlamentarismus keine Rolle spielen konnte.<ref name="Calic 2014" details="S. 94–95." />
Im dritten Parteikongress der KPJ im Januar 1924 legte die Partei fest, dass die Serben, Kroaten und Slowenen drei verschiedene Völker seien und dass Bosniaken, Montenegriner und Nordmazedonier einen Anspruch auf eigene Individualität hätten. Für alle Völker inklusive der Kosovoalbaner forderten die Kommunisten ein Selbstbestimmungsrecht und stellten die Gründung separater Republiken als Teilziel des revolutionären Klassenkampfes in Aussicht.<ref name="Calic 2014" details="S. 94–95." />
Urbane Kultur und Intellektualismus der 1920er
Die Zwischenkriegszeit war für die jugoslawischen Großstädte eine Zeit des Wachstums; zwischen 1918 und 1941 wuchs Belgrad von 110.000 auf 350.000 Einwohner.<ref name="Calic 2014" details="S. 105–107." /> Die gesellschaftliche Elite in den jugoslawischen Großstädten orientierte sich an west- und mitteleuropäischen Vorbildern; die kleine Schicht jugoslawischer Intellektueller gab ein wachsendes Pensum an Zeitungen und Radioprogrammen heraus, während in den Großstädten auch die ersten Kinos Jugoslawiens öffneten. In der Architektur der wachsenden jugoslawischen Städte fanden sich Einflüsse von Neobarock, Jugendstil, Bauhaus und Gartenstadt. Zeitschriften und Publikationen fanden nach dem Ersten Weltkrieg wieder eine größere Leserschaft; die Nova Literatura zählte zu ihrem Herausgebergremium auch internationale Prominente, u. a. Albert Einstein, Maxim Gorki, George Grosz, Sergei Eisenstein, Hugo Kersten und Upton Sinclair. Ein wichtiger kultureller Bezugspunkt für die südslawische Elite war die neue Tschechoslowakei, deren fortschrittliche Verfassung, Industriebasis, politische Philosophie und Status als slawisches ‚Bruderland‘ in Belgrad viele Bewunderer fand. Die jugoslawische Avantgarde experimentierte in den 1920ern mit Expressionismus, Kubismus, Dadaismus und Surrealismus. Avantgardistische Zeitschriften entstanden unter Namen wie Mladina, Svetokret, Plamen, Zenit und Dada Jazz. Zu den wichtigsten jugoslawischen Schriftstellern der Zwischenkriegszeit gehörten Dimitrije Mitrinović und Miroslav Krleža.<ref name="Calic 2014" details="S. 110–111." />
Demographie und Lebensumstände der 1920er
Nach den rund 1,9 Millionen Menschen, welche die südslawischen Länder im Weltkrieg durch Tod, Geburtenausfall oder Emigration verloren hatten, begann ab 1918 wieder ein demographisches Wachstum, welches durch die Zwischenkriegszeit hindurch anhielt. Die Bevölkerung stieg von ~12.000.000 (1918) auf ~15.600.000 (1939) Menschen. 1931 kamen in Jugoslawien auf 1000 Einwohner 34,6 Neugeburten, wo es in Italien nur 25,8 und in Deutschland nur 16,8 waren.<ref name="Calic 2014" details="S. 98–99." />Vorlage:TortendiagrammDie Volkszählung von 1921 bezifferte die Gesamtbevölkerung auf 11,98 Mio. Menschen. Diese Zahl wuchs bis zur nächsten Volkszählung im Jahr 1929 auf 13,93 Mio. Menschen an.<ref name=":13" details="S. 214." /> Die Volkszählung von 1921 verzeichnete die Bevölkerung nach Muttersprache. Die größten Sprachgruppen waren Serbokroatisch (8.911.509, 74,36 %), Slowenisch (1.019.997, 8,51 %), Deutsch (505.790, 4,22 %), Ungarisch (467.658, 3,90 %), Albanisch (439.657, 3,67 %), Rumänisch (231.068, 1,93 %), Türkisch (150.322, 1,26 %), Tschechisch und Slowakisch (zusammen 115.532, 0,96 %), Ruthenisch/Ukrainisch (25.615, 0,21 %), Russisch (20.568, 0,17 %), Polnisch (14.764, 0,12 %) und Italienisch (12.553, 0,11 %). Der Rest der Bevölkerung entfiel auf andere Sprachen (69.878, 0,58%).<ref name="Calic 2014" details="S. 400." />
Die bereits im 19. Jahrhundert erkennbare Tendenz zur Urbanisierung und Auflösung traditioneller Lebensformen beschleunigte sich in der Zwischenkriegszeit. Die im Westbalkan übliche Großfamilie verlor zugunsten der Kernfamilie weiter an Bedeutung, obwohl die in Dörfern etablierte Lebensweise der Zadruga mit ihren starren Sozialbeziehungen auch im frühen Jugoslawien weiterhin eine wichtige Institution darstellte. Haushalte verschiedener Familienmodelle mit weit divergierenden Mitgliederzahlen existierten je nach Ortschaft nebeneinander.<ref name="Calic 2014" details="S. 98–99." />
Für viele Menschen im SHS-Königreich war die jugoslawische Zwischenkriegszeit nach wie vor eine Zeit der Armut. Besonders in Regionen mit eher geringen Ernteerträgen (Lika, Dalmatien, Herzegowina, Westbosnien, Südserbien, Montenegro) herrschte im Frühjahr regelmäßig Lebensmittelknappheit. In den Karstregionen war Wasserknappheit ein zusätzliches Problem und Trinkwasserbeschaffung ein zentraler Teil des Tagesablaufs. Wassermangel hatte wiederum negative Konsequenzen für die Hygiene der Menschen und die Sauberkeit ihrer Kleidung oder Domizile. In Städten waren öffentliche Bäder die Ausnahme und in Dörfern gab es sie überhaupt nicht. Für die armen Bauern im ländlichen Jugoslawien waren Maisbrei und Brot die Eckpfeiler einer kargen Ernährung. Ärzte, denen ein großer Teil der eher abergläubischen Bauernschaft ohnehin misstraute, gab es auf dem Land nur selten, was auch Müttersterblichkeit und Kindersterblichkeit stark erhöhte. Tuberkulose und Alkoholismus waren weit verbreitet. Die Lebensstandards der ländlichen Bevölkerung verbesserten sich in den 1920ern und 1930ern nur langsam.<ref name="Calic 2014" details="S. 101–102." />
Frauenrechte und Geschlechterrollen
Die Frauenemanzipation war nicht Teil des jugoslawischen Einigungsprozesses oder der Verfassung von 1921 gewesen; eine gesetzliche oder berufliche Gleichstellung der Frauen gab es nicht. Sowohl das Wahlrecht als auch die Zulassung zum Richteramt blieb Frauen im Jugoslawien der Zwischenkriegszeit verwehrt. Gewohnheitsrecht, Kirchenrecht und Zivilrecht unterstellten Frauen der Autorität eines männlichen Vormunds (Vater, Gatte, Bruder, Sohn) und behielten Frauen auch die Geschäftsfähigkeit vor. Darüber hinaus favorisierte die Kultur des Bildungssystems Jungen, weshalb Analphabetismus unter Mädchen und Frauen stärker verbreitet war. Trotzdem hatten die besonders in Serbien sehr hohen militärischen Verluste des Ersten Weltkriegs und die damit verbundenen Einschnitte in die männliche Bevölkerung für eine starke Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt gesorgt, die sich in der Nachkriegszeit nicht restlos umkehrte. An den Universitäten des SHS-Königreichs stellten junge Frauen etwa ein Fünftel des Studentenkorpus, wobei sich die Studentinnen aber durch eine für jugoslawische Verhältnisse besonders stark ausgeprägte feministische Tendenz und eine verhältnismäßig liberale Sexualmoral auszeichneten.<ref name="Calic 2014" details="S. 99–100." />
Wo aber die stärke gesellschaftliche Sichtbarkeit von Frauen in den Städten Vorteile für die Jugoslawinnen mit sich brachte, hatte der Frauenüberschuss besonders für die weibliche Landbevölkerung auch negative Folgen: die demographische Knappheit von Männern sorgte dafür, dass junge Frauen mit großer Dringlichkeit einer Mitgift bedurften, um zu heiraten. Emanzipationsfragen unterschieden sich auch nach Teilvolk; die muslimischen Bosniaken waren trotz ihrer für muslimische Verhältnisse eher geringen Tendenz zur Polygynie stark in Traditionalisten und Reformer gespalten, wobei die islamisch-traditionellen Teile der bosnischen Gesellschaft jede Emanzipationstendenz stark ablehnten. Progressive Bosniaken gründeten den Verein »Reform«, um sich für die Abschaffung des Fez und des Frauenschleiers einzusetzen (die in der für Bosniaken kulturell einflussreichen Türkei bereits 1922 verboten worden waren). Im September 1928 sprach sich ein muslimischer Intellektuellenkongress erstmals auch für die allgemeine Schulbildung für Mädchen aus, um die jungen Frauen zu befähigen, selbst über ihre religiöse Bekleidung entscheiden zu können.<ref name="Calic 2014" details="S. 99–100." />
Regierungskrise und königlicher Staatsstreich 1929
Im Frühsommer 1928 stand der jugoslawische Parlamentarismus kurz vor dem Kollaps.<ref name="Calic 2014" details="S. 96–97." /> Am 20. Juni 1928 eröffnete Puniša Račić, ein montenegrinischer Abgeordneter der Radikalen Partei, im Parlament während einer hitzigen Debatte das Feuer in Richtung der Fraktion der Kroatischen Bauernpartei. Zwei Abgeordnete wurden sofort getötet und zwei weitere verletzt. Der Führer der Bauernpartei Stjepan Radić starb im August an seinen Verletzungen. Die Tötung der kroatischen Abgeordneten inklusive ihres Anführers verstärkte die Opposition unter den Kroaten gegen den jugoslawischen Zentralstaat.<ref name="Calic 2014" details="S. 117." />
Am 6. Januar 1929 löste König Alexander I. das Parlament auf und setzte die Verfassung außer Kraft.<ref name="Calic 2014" details="S. 117." />
Königsdiktatur, 1929–1941
Aufbau der Königsdiktatur
Nach der Parlamentsauflösung vom 6. Januar 1929 verfolgte König Alexander eine neue Staatsform. Alle Parteien und Vereine auf ethnischer oder konfessioneller Basis wurden verboten; der Monarch schickte sich an, das Land in eine Königsdiktatur umzuwandeln.<ref name="Calic 2014" details="S. 117." />
In der am 3. Oktober 1929 eingeführten neuen Verfassung wurde der Staat in „Königreich Jugoslawien“ umbenannt. Die Verwaltung wurde reformiert: Es wurden neun nach Flüssen und Gewässern benannte Banschaften (Drau, Save, Vrbas, Küstengebiet, Drina, Zeta, Donau, Morava, Varda) eingerichtet, deren Grenzen so gezogen wurden, dass in sechs Provinzen die Serben die Mehrheit bildeten.<ref name="Calic 2014" details="S. 117." />
Das neue jugoslawische Regierungssystem setzte auf eine traditionalistisch-konservativ unterfütterte Selbstdarstellung. Ein wichtiges kulturelles Projekt war nichtsdestotrotz die Stärkung einer genuinen ‚jugoslawischen Identität‘, die in von der Regierung gestützten Zeitungen und Rundschriften propagiert wurde. Einseitig nationalistisches Material aller Teilvölker inklusive der Serben hatte im Staatsrundfunk keinen Platz, obwohl öffentliche Projekte wie das Denkmal des Unbekannten Soldaten auf der Avala mit seinen verschiedenen Nationalallegorien nach wie vor einen gewissen Platz für Distinktionen zwischen den Teilvölkern erlaubte.<ref name="Calic 2014" details="S. 118–119." />
Die autoritäre Stoßrichtung des neuen Staatsapparats passte in den generellen Trend der europäischen Zwischenkriegszeit, in der die Zahl demokratisch-parlamentarischer Systeme zugunsten autoritärer Staaten drastisch abnahm.<ref name="Calic 2014" details="S. 118." />
Am 3. September 1931 erließ Alexander I. eine weitere neue Verfassung, die ihm das Recht garantierte, die Hälfte einer von zwei Parlamentskammern selbst zu ernennen.<ref name="Calic 2014" details="S. 119." />
Im Jahr 1929 wurde eine staatsnahe Miliz ins Leben gerufen, die „Jugoslawische Aktion“, die mit Massenaufmärschen Stimmung für den Jugoslawismus als Ideologie generieren sollte.<ref name="Calic 2014" details="S. 130." /> Außerdem richtete der König im Jahr 1931 eine staatstragende Sammelpartei unter dem Namen „Jugoslawische Radikale Bauerndemokratie“ ein, welche mit ihren disparaten Namensteilen verschiedene politische Bewegungen vor 1929 (Nationaljugoslawen, Radikale, Bauern, Demokraten) vereinen sollte. Diese Staatspartei erhielt 1933 den neuen Namen „Jugoslawische Nationalpartei“, um einer im November 1932 unter dem Titel „Demokratische Bauernkoalition“ gebildeten Sammelopposition serbischer und kroatischer Regierungsgegner entgegenzutreten.<ref name="Calic 2014" details="S. 119." />
Opposition gegen die Königsdiktatur
Die im November 1932 gegen die Königsdiktatur gegründete „Demokratische Bauernkoalition“ forderte einen neuen Parlamentarismus und überzog das Königreich mit einer Streikwelle. Zu den Führern der Opposition gehörten der Kroate Vladko Maček, der Slowene Anton Korošec und der Bosniake Mehmed Spaho, die allesamt verhaftet wurden. Trotzdem schaffte es die Regierung nicht, das oppositionelle Sammelbecken davon abzuhalten, im Mai 1935 und im Dezember 1938 unter dem Namen „Vereinigte Opposition“ zu den Parlamentswahlen anzutreten.<ref name="Calic 2014" details="S. 119." />
Bereits im Jahr 1929 hatte König Alexander jede ‚nationalistisch-kroatische Agitation‘ verboten, womit er u. a. den (nach ihrem Führer Josip Frank benannten) „Frankianern“ den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Einige Frankianer-Führer gingen daraufhin ins Ausland, wo sie die neue separatistische Untergrundorganisation Ustascha ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value); „Aufständischer“) gründeten, deren Wortführer der Rechtsanwalt Ante Pavelić wurde. Die Ustascha vertrat eine rassistische, sezessionistische, antiliberale, antikommunistische, antiserbische und antijugoslawische Linie, die innerhalb Kroatiens primär bei einigen Freiberuflern, Studenten und ehemaligen Offizieren der Habsburgerarmee Anhänger fand. Die Ustascha erhielten Unterstützung im faschistischen Italien; ein teilweise von italienischen Agenten organisierter Aufstand in der Lika im Jahr 1932 scheiterte aber kläglich. Danach wurden die Ustascha zwischen 1932 und 1937 von der jugoslawischen Regierung völlig in den Untergrund getrieben. 1937 erwirkten die Achsenmächte bei der jugoslawischen Regierung eine Amnestie, die der Ustascha wieder einen gewissen Handlungsspielraum gab. Bis 1941 wuchs die Bewegung auf ~4000 Mitglieder.<ref name="Calic 2014" details="S. 125–126." />
In Serbien entstand als Pendant zur Ustascha in den Jahren 1934/1935 die ZBOR-Bewegung, die sich offiziell als ‚Jugoslawische Nationalbewegung‘ deklarierte, aber in der Realität eine serbisch-nationalistische Linie einnahm. Der von Dimitrije Ljotić geführte Verband vertrat religiös-orthodoxe, antisemitische, antikommunistische und proserbische Positionen und orientierte sich explizit an Teilaspekten des deutschen Nationalsozialismus. Die ZBOR rekrutierte sich hauptsächlich auch Studenten, Lehrern, Angestellten und Priestern und wuchs bis 1941 auf ~5000–6000 Mitglieder an.<ref name="Calic 2014" details="S. 126." /> Der starke Antikommunismus der Bewegung entlud sich in gelegentlichen Gewaltakten sowie im Oktober 1940 zu einer besonders aufsehenerregenden Schießerei in Belgrad mit fünf Toten und 120 Verletzten.<ref name="Calic 2014" details="S. 130." />
Der seit dem 19. Jahrhundert in Teilen der südslawischen Bevölkerung verwurzelte Kommunismus wurde auch in den Jahren der Königsdiktatur entschieden von der Obrigkeit bekämpft. Nach ihrem beachtlichen Wahlerfolg 1920 wurde die KPJ im Jahr 1921 in den Untergrund getrieben und bekämpfte die jugoslawische Staatsführung aus der Illegalität heraus. Neben ihren Hochburgen in Montenegro und Nordmazedonien, wo die Kommunisten aufgrund ihrer Anerkennung der Eigenständigkeit dieser Volksgruppen populär waren, konnte die KPJ außerdem in Zagreb, Belgrad und anderen Großstädten punkten. Obwohl die Partei selbst illegal war, zählten 300.000 Mitglieder zu Gewerkschaften und Jugendbewegungen, die zumindest teilweise KPJ-Sympathisanten waren. Für junge Männer waren diese Gewerkschaften ein willkommener Bildungs- und Aufstiegskanal, den die KPJ durch zusätzliche Kulturverbände, Lesegesellschaften und Sportvereine zu erweitern versuchte. Besonders weit verbreitet war kommunistisches Gedankengut unter Dorfschullehrern sowie unter ländlichen Neuankömmlingen in den Großstädten. Erst im Jahr 1935 und mit der Volksfrontpolitik der Komintern bekannte sich die KPJ vor dem Hintergrund einer wachsenden faschistischen Bedrohung endgültig zum Fortbestand der Einheit Jugoslawiens. Die Kommunisten forderten aber weiterhin einen föderalen Bundesstaat mit gleichberechtigten nationalen Teilrepubliken nach Vorbild der Sowjetunion. Im Zuge der Komintern hielt die KPJ enge Verbindungen nach Moskau, wohin sie z. B. den im Jahr 1934 ins KPJ-Zentralkomitee berufenen Josip Broz zur Ausbildung schickten. Im Jahr 1935 kehrte Broz, der sich jetzt „Tito“ nannte, aus der UdSSR zurück.<ref name="Calic 2014" details="S. 127–129." /> Er wurde 1937 als Ersatz des auf Befehl der Komintern entfernten Milan Gorkić zum Generalsekretär der Partei ernannt,<ref name=":4" details="S. 301."></ref> wodurch er weitgehende Vetorechte gegenüber dem Zentralkomitee erlangte.<ref></ref> Tito leitete eine Modernisierung der Partei ein und förderte mehrere junge Parteikader, die später im Zweiten Weltkrieg richtige Rollen spielen würden. Zu Titos Schützlingen dieser Zeit gehörten Milovan Đilas, Edvard Kardelj und Aleksandar Ranković. Die straffe neue Parteiführung erlaubte es der KPJ, bis 1941 zu einer schlagkräftigen Bewegung heranzuwachsen.<ref name="Calic 2014" details="S. 129–130." />
Die 1930er-Jahre waren eine Zeit der politischen Milizen; zwischen 1935 und 1938 wuchsen nationalserbische Tschetnik-Organisationen von 200.000 auf 500.000 Mitglieder, die ehemalige Kroatische Bauernpartei organisierte ‚Bauern- und Bürgergarden‘, die bis 1940 auf 200.000 Mitglieder anwuchsen.<ref name="Calic 2014" details="S. 130." />
Königsmord 1934
Der Begründer der Königsdiktatur, Alexander I., reiste Anfang Oktober 1934 zu einem Staatsbesuch nach Frankreich ab. Nachdem er am 9. Oktober in Marseille eingeschifft war, wurde er zusammen mit seinem Gastgeber, dem französischen Außenminister Louis Barthou, bei einem Attentat ermordet. Alexanders minderjähriger Sohn Peter (1923–1970) war für eine Thronbesteigung noch zu jung; stattdessen übernahm Alexanders Cousin Prinzregent Paul (1893–1976) die Rolle des Staatsoberhaupts.<ref name="Calic 2014" details="S. 119." /> Die französischen Ermittlungen zeigten schnell, dass der Attentäter Verbindungen zur kroatischen Ustascha sowie zur nordmazedonischen VMRO hatte, die wiederum von Jugoslawiens alten Rivalen Italien und Ungarn unterstützt wurden. Die Versuche der jugoslawischen Regierung, beim Völkerbund eine Verurteilung der italienischen und ungarischen Beteiligung am Attentat durchzusetzen, scheiterten jedoch nicht zuletzt am zögerlichen Auftreten der französischen Regierung.<ref name="Calic 2014" details="S. 132." />
Wirtschaftskrise der 1930er
Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 beeinflusste spätestens ab Mitte 1930 auch die jugoslawische Wirtschaft, die sich aufgrund seit 1926 rückläufiger Getreidepreise ohnehin in einem Zustand der Exportunsicherheit befunden hatte. In den Jahren 1929/1930 brachen die Preise in kurzer Zeit wiederum stark ein, wodurch zunächst der Agrarsektor und dann die gesamte jugoslawische Volkswirtschaft in den freien Fall gerieten. Der in Reaktion auf die Krise einsetzende Protektionismus der Industriestaaten verschlimmerte die Lage der Agrarexporte Jugoslawiens noch weiter. Bis 1932 fiel der Wert des jugoslawischen Außenhandels gegenüber 1929 um 70 %. Da die Preise für Agrarprodukte schneller fielen als die Preise für Industriegüter, war auch die Einfuhr von Qualitätsprodukten für Jugoslawien stark erschwert.<ref name="Calic 2014" details="S. 119–120." />
Ab 1931 geriet die jugoslawische Nationalbank in Kapitalnot, da immer mehr europäische Banken zur Sicherung der eigenen Finanzlage ihre Kredite zurückforderten. Die Regierung verstärkte ihren schon vor 1929 sparsamen Ansatz auf dem Feld öffentlicher Investitionen, weshalb neben der privaten Nachfrage auch die öffentliche Ausgaben rückläufig waren, was wiederum die Wirtschaft erlahmen und die Arbeitslosigkeit steigen ließ. Den Tiefpunkt der jugoslawischen Wirtschaftsleistung während der Krisenjahre erreichte das Land erst 1934 und damit später als die Mehrheit der westeuropäischen Staaten. Bis zum Kriegsausbruch 1941 war es der Regierung nicht möglich, den Wohlstand der 1920er-Jahre wiederherzustellen.<ref name="Calic 2014" details="S. 120." />
Hauptverlierer der Wirtschaftskrise war die jugoslawische Bauernschicht, die sowohl mit sinkenden Erträgen als auch mit sinkenden Preisen ihrer Produkte fertig werden musste; 1934 hatten Agrarerzeugnisse im Großhandel nur noch die Hälfte des Wertniveaus von 1926. Das ländliche Pro-Kopf-Einkommen brach von 3414 Dinar im Jahr 1928 auf 121 Dinar im Jahr 1934 ein. Die Armut nahm in den Krisenjahren rasant zu; viele Arbeitslose lebten unter erbärmlichsten Bedingungen in Hütten mit katastrophaler Hygiene. Die allermeisten Bauern mussten zur Erhaltung ihrer Lebensweise Kredite aufnehmen und sich der Privatüberschuldung aussetzen. Viele Landarbeiter flohen auf der Suche nach sichereren Arbeitsbedingungen in die Großstädte, deren Sekundär- und Tertiärsektoren aber nicht schnell genug wachsen konnte, um alle Neuankömmlinge zu beschäftigen. Zwischen 1930 und 1939 stieg die Zahl der registrierten Arbeitssuchenden von 150.000 auf 651.000. Kurz- und Saisonarbeit war weit verbreitet; einige Arbeitgeber gingen dazu über, ihre erwachsenen männlichen Angestellten durch Frauen und Kinder zu ersetzen, um bei den Lohnzahlungen zu sparen. Für Facharbeiter und Akademiker war es fast unmöglich, eine Anstellung zu finden. Das Stadtbild der Großstädte wurde deutlich stärker als zuvor von Obdachlosen, verwahrlosten Kindern, Mietskasernen und Gelegenheitsarbeitern geprägt; viele Jugoslawen rutschten in die Kleinkriminalität, den Schmuggel oder die Prostitution ab.<ref name="Calic 2014" details="S. 120–122." />
Innenpolitik der Stojadinović-Ära
Im Mai 1935 wurde der frühere Finanzminister Milan Stojadinović zum Ministerpräsidenten des Königreichs ernannt. Stojadinović setzte für seine Innenpolitik auf eine neue staatstragende politische Bewegung, die Jugoslawische Radikale Union, die er gemeinsam mit früheren Oppositionspolitikern der Slowenischen Volkspartei (SLS) und der Jugoslawischen Muslimischen Organisation (JMO) gründete. Die neue Bewegung setzte weiterhin auf starken Zentralismus, war aber bereit, begrenzte Oppositionsarbeit zu akzeptieren. Stojadinović präsentierte sich als technokratischer Reformer und grenzte sich damit vom Traditionalismus des ermordeten Königs Alexander ab. Der neue Ministerpräsident hatte das Glück, dass 1935 eine allmähliche wirtschaftliche Erholung einsetzte. 1936 setzte Stojadinović eine Schuldenliquidation der Bauern und staatliche Außenhandelsmonopole für den Agrarsektor durch, um die Bauernschaft zu entlasten.<ref name="Calic 2014" details="S. 122–123." /> Stojadinović machte sich bei der Bevölkerung durch seine Stabilisierung der Währung zusätzlich beliebt. Im Außenhandel konnte er aber die wachsende Abhängigkeit von Importen aus dem nationalsozialistischen Deutschland nicht verhindern, welches 1939 der Ursprung von fast der Hälfte aller jugoslawischen Importe war.<ref name=":20" details="S. 387." />
Ästhetisch orientierte sich die Stojadinović-Regierung deutlich an den faschistischen Ideologien Italiens und Deutschlands, ohne aber den Großteil ihrer politischen Inhalte zu übernehmen. Trotzdem setzte die jugoslawische Regierung stärker als zuvor auf einen weitverzweigten Propagandaapparat, der mit Radioprogrammen, Kinofilmen, Plakaten, Flugblättern und volkstümlicher Musik das Ansehen der Regierung im In- und Ausland aufpolieren sollte. Der Jugoslawismus als Staatsideologie gewann aber auch unter Stojadinović nie das Vertrauen der regionalen politischen, religiösen und intellektuellen Institutionen oder der jugoslawischen Gesamtbevölkerung. Unter den Schriftstellern, Dichtern und Künstlern der Teilvölker zeigten sich wieder stärker partikulare Tendenzen, anstatt die Geschichte ihrer Völker in einem strikt jugoslawischen Gesamtkontext zu interpretieren.<ref name="Calic 2014" details="S. 123." />
Philosophie und Intellektualismus der 1930er
In den 1930er-Jahren hatte der Marxismus eine merkliche Anziehungskraft unter Intellektuellen und Bürgerlichen in Jugoslawien, was durch die Agitation und ein beachtliches Netzwerk von Lesegesellschaften und Kulturverbänden der offiziell illegalen Kommunisten verstärkt wurde. An den Schulen und Universitäten war die politische Linke stark vertreten; die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Belgrad galt als sozialistisch unterwandert. Der Polizeistaat und das Demokratiedefizit der Königsdiktatur trieb die frustrierten Studenten Jugoslawiens in Richtung kommunistischer Agitatoren. Vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) erhielt der Kommunismus noch einmal zusätzlich Auftrieb unter den progressiven Städtern Jugoslawiens, da sich die Sowjetunion und die Internationalen Brigaden entschiedener dem franquistischen Putsch entgegenstellten als die Demokratien Westeuropas. Jugoslawen waren in den Internationalen Brigaden zahlreich vertreten. Die Volksfrontpolitik der Komintern (1935) gab dem Kommunismus einen salonfähigen Anstrich; Jugoslawiens Kommunisten konnten sich fortan außerhalb eines dezidiert linken Publikums als patriotische Kraft darstellen, die am Schutz der Freiheit Jugoslawiens vor faschistischen Aggressoren interessiert sei.<ref name="Calic 2014" details="S. 127–129." />
Neben progressiv-marxistischen Tendenzen gab es in Jugoslawien aber auch reaktionäre Elemente: Staatsmodernisierung und kulturelle Avantgarde vermischten sich mit der Wirtschaftskrise, um einer dezidiert antimodernistischen Gegenreaktion Raum zu geben. Priester und einige Intellektuelle kritisierten Rationalismus, Materialismus und Dekadenz der urbanen Elite und erarbeiteten religiöse und nationalistische Gegenmodelle. Miloš Crnjanski wurde nach einer eher moderat-kosmopolitanen Phase der 1920er zu einem wortstarken Antiliberalen und Antimarxisten der 1930er. Crnjanski und andere konservative Denker klagten über negative westliche Einflüsse sowie über Kommunismus, Atheismus und Republikanismus. Diese Modernisierungskrise entlud sich in Jugoslawien aber nie in der Geburt einer genuinen faschistischen Massenbewegung, wie es in anderen Staaten Mittel- und Osteuropas der Fall gewesen war. Wo in anderen Staaten eine abstiegsbedrohte nationale Mittelschicht den Kern faschistischer Bewegungen darstellte, war Jugoslawien so multiethnisch und landwirtschaftlich geprägt, dass totalitärer Nationalismus nur wenige überzeugen konnte. Die konservativ-monarchistische Staatsführung Jugoslawiens versuchte auch nicht, die marginalen ultrarechten Bewegungen in ihren Staatsapparat zu integrieren. Erst die Invasion der Achsenmächte im Jahr 1941 brachte den faschistoiden Bewegungen Jugoslawiens, insbesondere der kroatischen Ustascha, den Durchbruchsmoment.<ref name="Calic 2014" details="S. 125–127." />
Religion in den 1930ern
Vorlage:TortendiagrammDie Volkszählung 1931, die voll im Zeichen des Jugoslawismus stand, fragte die Bürger nicht nach ihrer Volkszugehörigkeit, sondern lediglich nach ihrer Religion.<ref name=":13" details="S. 244." /> Bei einer Gesamtbevölkerung von 13.934.038 Menschen bekannten sich 6.785.501 (48,7 %) zur Serbisch-Orthodoxen Kirche, 5.217.847 (37,45 %) zur Römisch-Katholischen Kirche, 1.561.166 (11,20 %) zum Islam, 231.169 (1,66 %) zum Protestantismus, 68.405 (0,49 %) zum Judentum, 68.152 (0,49 %) zu anderen christlichen Gruppen und 1798 (0,01 %) zu anderen Religionsgemeinschaften.<ref name=":13" details="S. 215." />
Der wachsende Nationalismus der Serben und Kroaten erfasste auch die mit ihnen verknüpften serbisch-orthodoxen und römisch-katholischen Priester. Im Jahr 1937 scheiterte ein von der Regierung langwierig ausgehandeltes Konkordat mit dem Heiligen Stuhl am heftigen Widerstand der Serbisch-Orthodoxen Kirche, deren Patriarch allen Abgeordneten des jugoslawischen Parlaments im Falle einer Zustimmung mit der Exkommunikation drohte. Das Scheitern des Konkordats führte wiederum zu einem heftigen Oppositionskurs der katholischen Priester.<ref name="Calic 2014" details="S. 130–131." />
Innerhalb der Glaubensgemeinschaften zeigte sich die wachsenden paramilitärischen und sezessionistischen Tendenzen der Gesamtgesellschaft. Die „Kroatische Katholische Bewegung“ setzte sich mit Nachdruck gegen Liberalisierung und Säkularisierung ein und umfasste einige ultranationalistische und faschistische Gruppierungen wie die „Adler“ oder die „Kreuzritter“. In Serbien erstarkte die von der russischen Slawophilie und den Theorien von Oswald Spengler beeinflusste Svetosavlje, eine extremistische Strömung der Serbisch-Orthodoxen Kirche mit überspitzten nationalistischen und antimodernen Zügen. Die Svetosvalje vertrat etwa in der Kosovofrage unnachgiebig antialbanische Positionen. Konservative Bosniaken, die im Besonderen einen Pessimismus über die Zukunft der islamischen Zivilisation empfanden, stürzten sich stärker als zuvor ins Koranexegese und gründeten neue Organisationen wie die Trezvenost (‚Nüchternheit‘), die Ihvan (‚Bruderschaft‘) oder, nach ägyptischen Vorbild, die Jungen Muslime. Die letztere Gruppierung, die im Jahr 1941 in Sarajevo gegründet wurde, war die erste militante Organisation im heutigen Bosnien-Herzegowina, die Erziehung und Kampf für einen panislamischen Staat propagierte.<ref name="Calic 2014" details="S. 131." />
Innenpolitik der letzten Vorkriegsjahre, 1939–1941
Nachdem die Vereinigte Opposition trotz aller Einschüchterungsversuche bei den Wahlen im Dezember 1938 beachtliche 45 % der Stimmen erzielt und damit die 54 % der Regierungsliste nur knapp untertroffen hatte, setzte Prinzregent Paul stärker als zuvor auf einen interethnischen Ausgleich zwischen Serben und Kroaten. Da der Regierungschef Stojadinović einem Kompromiss mit den kroatischen Autonomisten entgegenstand, setzte Paul ihn im Februar 1939 als Ministerpräsident ab. Sein Nachfolger wurde Dragiša Cvetković, der mit Vladko Maček über einen politischen Kompromiss zugunsten der Kroaten in Jugoslawien verhandelte. Am 26. August 1939 wurde das Sporazum geschlossen, welches erstmals ein autonomes kroatisches Verwaltungsgebiet einrichtete, indem es eine neue Kroatische Banschaft einrichtete, die große Teile Kroatiens, Dalmatiens und der Herzegowina umfasste. Innenangelegenheiten, Bildung und Justiz wurden der kroatischen Selbstverwaltung unterstellt. Im Gegenzug traten die Kroaten einer neuen Regierung der nationalen Verständigung bei; Cvetković blieb Ministerpräsident und Maček wurde sein Stellvertreter. Ein Großteil der kroatischen Bevölkerung begrüßte die neue Autonomie, auch wenn die Ustascha das Sporazum als vor dem Hintergrund des Unabhängigkeitsziels unzureichend denunzierten und die Kommunisten seine Ausweitung auf andere Landesteile forderten. Da große Teile der Abmachung aufgrund des Kriegsbeginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 ohnehin nicht umgesetzt wurden, wuchs im Verlauf der Folgemonate wiederum die Unzufriedenheit der Kroaten mit der Gesamtsituation, für die diesmal auch der kroatische Oppositionsführer Maček als stellvertretender Ministerpräsident mitverantwortlich war. Neben der Frustration der Kroaten wegen seiner Nichterfüllung löste das Sporazum auch einen absehbaren Dominoeffekt bei den anderen Teilvölkern aus, die jetzt ihrerseits dezidiert nationale Banschaften für sich einforderten. Der serbische Historiker Slobodan Jovanović forderte mit seinem Serbischen Kulturclub eine ‚Banschaft der serbischen Länder‘, die auch Bosnien, Nordmazedonien und Montenegro einschließen sollte und damit der verspäteten Umsetzung eines „Großserbien“-Projekts innerhalb Jugoslawiens gleichgekommen wäre. Nachdem die Serben für die längste Zeit am Unitarismus als politischem Konzept festgehalten hatten, forderten sie jetzt in Reaktion auf die neu gewonnene kroatische Autonomie umso stärker ein föderales System.<ref name="Calic 2014" details="S. 133–135." />
Am 2. November 1940 wurde Armeeminister Milan Nedić zum Rücktritt gezwungen, nachdem er in einem Memorandum die Schwäche der Armee angeklagt und einen Schulterschluss Jugoslawiens mit den Achsenmächten gefordert hatte. Sein Amtsnachfolger wurde Petar Pešić.<ref name=":1" details="S. 227–228."></ref>
Außenpolitik der 1930er
Die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland (Januar 1933) bedeutete eine Verschärfung im Auftreten deutscher Beamter und Diplomaten auf dem Balkan. Im Neuen Plan vom September 1934 wurde die Priorität, die Südosteuropa als Ressourcenquelle für die deutsche Wirtschaft und Rüstungsindustrie beigemessen wurde, erhöht. Bereits im März 1933 hatte der außenministerielle Staatssekretär Bernhard Wilhelm von Bülow in einer Denkschrift festgehalten, dass intensivierte Wirtschaftsbeziehungen für Deutschland ein geeigneter Weg seien, Jugoslawien und Rumänien zugunsten der deutschen Außenpolitik zu beeinflussen. Am 1. Mai 1934 schlossen Deutschland und Jugoslawien einen bilateralen Handelsvertrag, in dem sich Deutschland verpflichtete, jugoslawische Agrarprodukte zu erhöhten Preisen zu kaufen und gegen deutsche Exportgüter zu tauschen. Der Anteil Deutschlands an jugoslawischen Exporten stieg von 14,1 % (1931–1935) über 25,44 % (1936) bis 45,9 % (1939). Innerhalb weniger Jahre hatte sich Jugoslawien in eine starke wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland begeben.<ref name="Calic 2014" details="S. 132." />
Jugoslawiens alte Schutzmacht Frankreich hatte mindestens bis 1934 noch eine zentrale Rolle in den jugoslawischen Berechnungen gespielt, was aber nach der Ermordung des Königs und der mangelhaften französischen Reaktion gegenüber Italien und Ungarn abnahm. Dass die französische Regierung zurückschreckte, Jugoslawien gegen die faschistische italienische Regierung den Rücken zu stärken, schwächte das Ansehen der französischen Partner in Belgrad nachhaltig. Der neue Prinzregent Paul setzte auf Blockfreiheit und Äquidistanz zu allen Großmächten, weshalb die Stojadinović-Ära auch von engeren Beziehungen mit Deutschland und Italien geprägt war.<ref name="Calic 2014" details="S. 132–133." />
Im Jahr 1937 schloss Jugoslawien mit dem faschistischen Italien trotz der kürzlichen Beteiligung italienisch unterstützter Rebellen in den Königsmord von 1934 einen Freundschafts- und Nichtangriffsvertrag. Dass das Königreich zunehmend in den diplomatischen Orbit der Achsenmächte geriet, wurde durch den Anschluss Österreichs (März 1938) und die damit einhergehende neue direkte Grenze zwischen Jugoslawien und Deutschland noch einmal verstärkt.<ref name="Calic 2014" details="S. 133." /> Der deutsche Einfluss in Belgrad stieg auch dadurch an, dass Deutschland alle zuvor von Österreich gehaltenen Kredite an Jugoslawien übernahm.<ref name=":1" details="S. 219." /> Dass Frankreich nicht in der Lage sein würde, Jugoslawien vor den Achsenmächten zu schützen, wurde vom schwachen Auftreten der Westalliierten gegen die Expansion der Achsenmächte im Abessinienkrieg (1935–1936) sowie während der Zerschlagung der Tschechoslowakei (1938–1939) noch einmal unterstrichen.<ref name="Calic 2014" details="S. 133." />
Mit der Expansion der Achsenmächte in den späten 1930ern versuchte sich Prinzregent Paul an einer Neutralitätspolitik für Jugoslawien. Als sich die britische Regierung nach dem deutschen Einmarsch in Prag am 15. März 1939 bezüglich einer jugoslawischen Beteiligung an einem System kollektiver Sicherheit bei der Belgrader Regierung erkundigten, lehnte Paul dies damit ab, dass ein solches System deutsche Aggression wahrscheinlicher statt unwahrscheinlicher machen würde. Der jugoslawische Außenminister Aleksandar Cincar-Marković sicherte im April 1939 seinen deutschen und italienischen Amtskollegen zu, dass Jugoslawien sich aus jeder Feindseligkeit gegen die Achsenmächte heraushalten würde.<ref name=":1" details="S. 220." /> Insbesondere die Gründung einer scheinunabhängigen Slowakei unter deutschem Schutz erregte in Belgrad Argwohn, dass die Deutschen eine ähnliche Staatengründung auch in Kroatien durchführen könnten, zumal die kroatischen Ustascha-Rebellen weiterhin offene Sympathien der Italiener hatten. Für die NS-Führung sollte Jugoslawien eine wichtige Rolle in einem künftigen „Wirtschaftsraum Großdeutschland-Südost“ spielen und als Rohstoffexporteur Eisenerz, Kupfer und Agrarprodukte nach Deutschland liefern.<ref name="Calic 2014" details="S. 133." /> Prinzregent Paul unternahm im Sommer 1939 Staatsbesuche in Italien (Mai 1939) und Deutschland (Juni 1939). Hitler drängte auf einen Freundschaftsvertrag oder einen jugoslawischen Beitritt zum Antikominternpakt und sprach wenig verhüllte Drohungen über eine mögliche deutsche Förderung des kroatischen Separatismus aus. Kurz darauf reiste der Prinzregent im Juli 1939 nach London, wo er sich mit Georg VI. und Neville Chamberlain traf und den britischen Premierminister ermahnte, dass Deutschland mit der Sowjetunion verhandeln könne, um die Sicherheitslage in Mittelosteuropa zu Deutschlands Gunsten zu verändern. Paul warnte die Briten, einer deutsch-sowjetischen Übereinkunft (August 1939: Molotow-Ribbentrop-Pakt) nach Möglichkeit zuvorzukommen.<ref name=":1" details="S. 221–222." />
Im April 1939 verschärfte sich die jugoslawische Bedrohungslage durch Italien noch einmal deutlich, als italienische Truppen in Albanien einmarschierten.<ref name="Calic 2014" details="S. 135." /> Eine vom italienischen Außenminister Galeazzo Ciano bereits im Januar 1939 angebotene symbolische jugoslawische Beteiligung an der Beute in Albanien durch kleinere Grenzkorrekturen lehnte Prinzregent Paul mit dem Hinweis ab, dass es bereits ‚genug Albaner in Jugoslawien‘ gäbe.<ref name=":1" details="S. 218." />
Nach dem deutschen Angriff auf Polen erklärte Jugoslawien am 5. September 1939 zunächst seine Neutralität im Krieg. Die Achsenmächte, die mit der jugoslawischen Neutralitätspolitik im Sommer 1939 unzufrieden waren, misstrauten der Belgrader Regierung jedoch.<ref name=":1" details="S. 222–223." /> Hitler gab Mussolini bereits im August 1939 den Ratschlag, Jugoslawien schnellstmöglich den ‚Gnadenstoß‘ zu versetzen,<ref name="Calic 2014" details="S. 135." /> was in den ersten Kriegstagen vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop noch einmal befeuert wurde.<ref name=":1" details="S. 222–223." /> Daraufhin erhöhten die Italiener den Druck auf die mit ihnen verbündeten Ustascha. Der Ustascha-Führer Pavelić erklärte den Italienern bereits im Januar 1940, dass die kroatischen Faschisten aufstandsbereit seien.<ref name="Calic 2014" details="S. 135." />
Der schnelle Sieg über Polen und die anschließende Teilung zwischen Deutschland und der Sowjetunion hatten in Jugoslawien Befürchtungen erregt, dass das eigene Land ähnlich zwischen den unfreundlichen Staaten entlang seiner Grenzen geteilt werden könne. Der deutsche Gesandte in Belgrad Viktor von Heeren berichtete, dass der deutsche Angriff auf Polen die öffentliche Meinung in Jugoslawien zuungunsten Deutschlands verschoben habe und dass selbst die eher deutschfreundlichen Kroaten nicht an einem Kriegseintritt Jugoslawiens interessiert seien. Die deutsche Wehrmachtsführung schätzte den Zustand der königlich-jugoslawischen Armee als sehr schlecht ein und maß ihr nur geringen Kampfwert zu, der von illoyalen kroatischen Elementen innerhalb der Truppe noch einmal unterminiert wurde.<ref name=":1" details="S. 222–224." />
Prinzregent Paul versuchte, die Jahre 1939–1941 für ein Rüstungsprogramm zu nutzen, um Jugoslawiens Abwehrfähigkeiten gegen die Achsenmächte zu verbessern. Die jugoslawische Regierung ließ bei den Westalliierten Waffenlieferungen und sogar die Möglichkeit alliierter Expeditionstruppen in Südosteuropa anfragen. Die Zurückhaltung der Franzosen und die Ablehnung der Briten verhinderte eine engere Anlehnung Jugoslawiens an die Westalliierten. Der Versuch Pauls, die Balkanentente mit einem Gipfeltreffen am 2. Februar 1940 enger zusammenzuschweißen und damit das mit Deutschland befreundete Bulgarien zu bremsen, waren ebenfalls wenig erfolgreich.<ref name=":1" details="S. 224." /> In einem bis dahin beispiellosen Manöver suchte Paul sogar eine Annäherung an die in der Belgrader Elite verhasste kommunistische Sowjetunion, da Hilfeleistungen der Westalliierten ausblieben. Im Juli 1940 wurde Milan Gavrilović als erster jugoslawischer Botschafter in Moskau akkreditiert. Die Annäherung zwischen Jugoslawien und der UdSSR erregte Misstrauen in Deutschland, wo die NS-Führung eine sowjetische Einmischung in Balkanangelegenheiten vermutete. Ribbentrop kommunizierte mit seinem sowjetischen Amtskollegen Wjatscheslaw Molotow im Verlauf des Jahres 1940 intensiv über Balkanfragen, während im Hintergrund bereits auf Hochtouren deutsche Angriffsvorbereitungen gegen die Sowjetunion getroffen wurden.<ref name=":1" details="S. 226." />
Obwohl sich auch Italien zunächst für ‚nicht-kriegführend‘ (aber nicht ‚neutral‘) erklärte und erst im Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg eintrat, war aus jugoslawischer Sicht die Gefahr groß, dass Italien Jugoslawien angreifen könne. Im Frühjahr 1940 erklärte die jugoslawische Regierung gegenüber dem britischen Außenminister Lord Halifax und dem deutschen Diplomaten Carl August Clodius mehrfach, dass Jugoslawien bereit sei, seine eigene territoriale Integrität auch militärisch zu schützen.<ref name=":1" details="S. 222–225." /> Die Italiener arbeiteten in den Jahren 1939/1940 eine gegen Jugoslawien gerichtete „Operation E“ aus,<ref name="Calic 2014" details="S. 135." /> aber die NS-Führung hatte aufgrund der Rückschläge in der Luftschlacht um England im Herbst 1940 ihre Meinung geändert und bezeichnete Kampfhandlungen im Balkan als der gegen Großbritannien benötigten Kräftekonzentration abträglich und damit nicht wünschenswert. Mussolini war zwar durchaus kriegsgewillt, doch ließ sich von seinem Generalstabschef Rodolfo Graziani überzeugen, dass die italienische Armee nicht angriffsbereit sei.<ref name=":1" details="S. 225–226." />
Der Sieg der Achsenmächte im Westfeldzug und die französische Kapitulation im Juni 1940 verschob das Machtverhältnis in Europa noch einmal entscheidend zuungunsten der Alliierten. Nach dem Sieg über Frankreich ließ der deutsche Außenminister Ribbentrop über den Gesandten Heeren ein Ultimatum an die jugoslawische Regierung überstellen, sofort alle Rohstoffausfuhren nach Frankreich zu beenden und stattdessen seine Mineralien und insbesondere seine Kupferausfuhr nach Deutschland umzuleiten.<ref name=":1" details="S. 225–226." />
Mussolini entschied sich im Oktober 1940, anstatt des Plans gegen Jugoslawien zunächst einen Angriff auf Griechenland durchzuführen, dessen katastrophaler Verlauf Jugoslawien eine Atempause verschaffte.<ref name="Calic 2014" details="S. 135." /> Mussolini hatte sich in seiner Angriffsentscheidung bewusst über den deutschen Wunsch auf Frieden im Balkan hinweggesetzt. Für die jugoslawische Regierung barg der italienische Angriff auf Griechenland, dass die Einkesselung durch die Achsenmächte verstärkt und einer der letzten verbliebenen nicht jugoslawienfeindlichen Nachbarstaaten zerschlagen werden könnte. Das griechische Thessaloniki war über seine Verbindungsstraßen nach Nordmazedonien der einzige Seehafen für Jugoslawien, der außerhalb des Zugriffs der Achsenmächte lag, da Jugoslawiens eigene Küstenlinie an der Adria von der italienischen Marine allzu leicht blockiert werden könnte. Am 1. November 1940 entschied der jugoslawische Kronrat, durch Truppenaufmärsche an der albanischen Nordgrenze italienische Verbände zu binden und damit Griechenland zu entlasten. Im Verlauf der Monate November und Dezember 1940 schickte die jugoslawische Regierung Hilfslieferungen an Waffen, Munition, Nahrung und Pferden an die griechische Armee, was schnell durch die Achsenmächte entdeckt wurde. Ribbentrop stornierte zur Bestrafung deutsche Lieferungen von Hochwertmaterial an die jugoslawische Luftwaffe.<ref name=":1" details="S. 227–228." />
Der italienisch-griechische Krieg drohte Anfang November 1940 auf Jugoslawien überzugreifen, nachdem italienische Flugzeuge irrtümlich Bitola im westlichen Nordmazedonien bombardierten. Bei einem Treffen zwischen Hitler und Mussolini am 18. November 1940 auf dem Obersalzberg schärfte der deutsche Diktator seinem italienischen Amtskollegen ein, dass wegen der Existenz britischer Festungen auf Kreta und Malta sowie des in den Gesprächen mit Molotow gezeigten starken sowjetischen Interesses an der Balkanregion eine Ausweitung des Krieges auf Jugoslawien zu vermeiden sei. Hitler forderte Mussolini auf, Jugoslawien durch Zusicherungen seiner territorialen Integrität zunächst zu neutralisieren.<ref name=":1" details="S. 228." />
Am 23. November 1940, dem Tag, an dem Rumänien und Ungarn dem Dreimächtepakt der Achsenmächte beitraten, lud Hitler den Prinzregent Paul ein, in bei Fuschl am See zu besuchen. Am 27. November entschied sich der jugoslawische Kronrat, Cincar-Marković zu einem Besuch zu Hitler an den Berghof zu schicken, wo der jugoslawische Außenminister am 29. November ankam. Hitler sicherte Cincar-Marković zu, dass Deutschland die Neutralität Jugoslawiens am Herzen läge und dass Italien im Balkan Fehler gemacht hätte, forderte aber, dass Jugoslawien ebenfalls dem Dreimächtepakt beitreten solle. Im Gegenzug machte Hitler das Angebot, dass Deutschland auf Truppenbewegungen durch jugoslawisches Territorium verzichten würde und dass auch nach der Besetzung Griechenlands der jugoslawische Zugriff auf den Seehafen Thessaloniki erhalten bleiben würde. Zum Abschied bat Hitler seinen Gesprächspartner, wiederum eine Einladung an den Prinzregenten Paul sowie an den Ministerpräsidenten Cvetković zu übermitteln und stellte den Jugoslawen eine Frist von drei Monaten, sich bezüglich des Dreimächtepakts zu entscheiden.<ref name=":1" details="S. 228–229." />
Staatsstreich 1941
Um Südosteuropa vor den Zugriff anderer Mächte weiter abzuschirmen, verfolgten die Achsenmächte die Inklusion der südosteuropäischen Staaten im Dreimächtepakt von 1940. Der italienische Angriff auf Griechenland, zu dessen Unterstützung deutsche Truppen bald im Gebiet von Deutschlands Partner Bulgarien aufmarschierten, brachte Jugoslawien in ein zusätzliches Dilemma. Die Belgrader Regierung wollte die eigene Neutralität bewahren und verweigerte deshalb Truppentransporte der Achsenmächte durch jugoslawisches Gebiet, um Kriegserklärungen durch die Alliierten zu vermeiden. Um die Deutschen zu beschwichtigen, erklärte Prinzregent Paul am 25. März 1941 das jugoslawische Einverständnis, dem Dreimächtepakt beizutreten, wie es die Regierungen der Nachbarstaaten Ungarn, Rumänien und Bulgarien bereits getan hatten. Im Gegenzug erhielt der Prinzregent eine deutsche Zusicherung der territorialen Integrität Jugoslawiens und einen Verzicht der Achsenmächte auf militärische Unterstützung gegen Griechenland. Dieser Plan, der aus Sicht des Prinzregenten die Fortsetzung der Neutralität ermöglichen und Angriffe der Alliierten wie auch der Achsenmächte gegen Jugoslawien sollte, löste in der jugoslawischen Öffentlichkeit Proteststürme aus. Heftige Demonstrationen gegen die Regierung animierten eine Clique serbischer Armeegeneräle, am 27. März einen unblutigen Staatsstreich gegen den Prinzregenten durchzuführen und die Volljährigkeit des minderjährigen Königs Peter II. zu proklamieren. Dušan Simović, General der jugoslawischen Luftwaffe, übernahm das Amt des Ministerpräsidenten und auch der Kroatenführer Maček gab schließlich nach einer Zusicherung der fortwährenden Gültigkeit des Sporazums dem Kabinett seine Unterstützung.<ref name="Calic 2014" details="S. 133–136." />
In Berlin rief Hitler noch am Tag des Staatsstreiches eine Geheimkonferenz ein und erklärte seinen Generälen erzürnt, dass hinter dem Staatsstreich die Briten steckten und dass Jugoslawien fortan von Deutschland als Feind betrachtet werden müsse. Jugoslawien wurde kurzfristig in den Angriffsplan gegen Griechenland eingeschlossen, sodass mit dem Beginn des Balkanfeldzugs am 6. April 1941 deutsche Land- und Luftverbände sowohl gegen Griechenland als auch gegen Jugoslawien losschlugen.<ref name="Calic 2014" details="S. 136." />
Zweiter Weltkrieg, 1941–1945 Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.
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Balkanfeldzug Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.
Zwischen dem 6. und 17. April 1941 wurde Jugoslawien im Balkanfeldzug der Achsenmächte zerschlagen.<ref name="Vogel 1984">Detlef Vogel: Das Eingreifen Deutschlands auf dem Balkan. In: Detlef Vogel, Gerhard Schreiber, Bernd Stegemann (Hrsg.): Der Mittelmeerraum und Südosteuropa – Von der „non belligeranza“ Italiens bis zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 3). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, ISBN 3-421-06097-5, S. 417–514.</ref> Die deutsche 12. Armee marschierte aus Bulgarien in Nordmazedonien, Südserbien und Nordgriechenland ein.<ref name="Vogel 1984" details="S. 460–476." /> Weiter nördlich griffen die italienische 2. Armee aus Istrien, die deutsche 2. Armee aus Österreich, die ungarische 3. Armee aus Südungarn und das deutsche XXXXI. Korps aus Westrumänien an.<ref name="Vogel 1984" details="S. 476–484." /> Die jugoslawische Regierung um König Peter II. und Dušan Simović musste außer Landes fliehen und formierte sich im Ausland zur Jugoslawischen Exilregierung.<ref name="Lytle 1991"></ref>
Das jugoslawische Staatsgebiet wurde zwischen den Achsenmächten aufgeteilt; Nordslowenien wurde Teil der an das Deutsche Reich angegliederten CdZ-Gebiete Untersteiermark und Kärnten und Krain, Westslowenien ging als Provinz Laibach an Italien, das Prekmurje-Gebiet in Nordostslowenien an Ungarn. Im nordwestlichen Zentrum Jugoslawiens entstand ein neues Staatsgebilde, der Unabhängige Staat Kroatien ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), „NDH“), dessen Südwestteile dem italienischen und Nordostteile dem deutschen Einflussgebiet zugeschlagen wurden, der aber darüber hinaus auch im Rahmen der Kroatischen Heimwehr und Ustascha-Milizen eigene Streitkräfte unterhielt. Der NDH-Staat umfasste weite Teile der heutigen Staaten Kroatien und Bosnien-Herzegowina, musste aber im Mai 1941 große Küstengebiete in Dalmatien an Italien abtreten. In Montenegro entstand ein Unabhängiger Staat Montenegro unter italienischem Schutz. Kleine Teile des montenegrinisch-albanischen Grenzgebiets sowie des westlichen Nordmazedonien wurden zusammen mit dem von Serbien abgetrennten Kosovo einem vergrößerten Königreich Albanien zugeschlagen, welches seit der Besetzung im Jahr 1939 Teil des italienischen Machtbereichs war. Das östliche Nordmazedonien ging an das Königreich Bulgarien, während die Batschka und Baranja in Nordserbien Ungarn zugeschlagen wurden. Im restlichen Serbien wurde das Militärverwaltungsgebiet Serbien eingerichtet, welches unter direkter deutscher Militärverwaltung stand. Die Deutschen setzten eine serbische Kollaborationsregierung unter Milan Nedić ein. Im zu diesem Militärverwaltungsgebiet zugehörigen Westbanat richteten die Deutschen eine Zivilverwaltung ein, die hauptsächlich von den in der Gegend stark vertretenen Jugoslawiendeutschen gestellt wurde.<ref name="Tomasevich 2001" details="S. 61–65, 177, 179, 205."></ref>
Partisanenkrieg in Jugoslawien Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.
Da besonders die kroatischen Ustascha in ihrem Gebiet mit äußerster Brutalität vorgingen und ethnische Säuberungen begannen, um in Kroatien eine ethnische Homogenität zu erzwingen, begannen schon ab Sommer 1941 Revolten in Bosnien und der Herzegowina, die den Startpunkt des Partisanenkriegs in Jugoslawien markierten, der das Land zwischen 1941 und 1944 erschütterte. Dem Aufstand in Montenegro 1941 gegen die Italiener folgte der Aufstand in Serbien 1941 gegen die Deutschen. Hierbei begannen im großen Stil auch die italienischen und deutschen Kriegsverbrechen in Jugoslawien, von denen die Massaker von Kraljevo und Kragujevac (Oktober 1941) die aufsehenerregendsten waren.<ref name="Schmider 2002" details="S. 55–90.">Klaus Schmider: Partisanenkrieg in Jugoslawien 1941–1944. Verlag E. S. Mittler & Sohn GmbH, 2002, ISBN 3-8132-0794-3.</ref> Die deutsche Führung setzte im besetzten Jugoslawien mit Vorliebe österreichische Offiziere wie Edmund Glaise-Horstenau und Franz Böhme ein.<ref name="Calic 2014" details="S. 143." />
Die Aufstandsbewegung gegen die Achsenmächte war intern gespalten. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 stiegen auch die Partisanenabteilungen der KPJ, die später zur Volksbefreiungsarmee unter dem Oberbefehl von Josip Broz Tito werden würden, intensiv in den Partisanenkrieg ein.<ref name="Schmider 2002" details="S. 55–57." /> Antikommunistische serbische Nationalisten organisierten sich stattdessen in den bereits in der Vorkriegszeit weit in Jugoslawien verbreiteten Tschetnik-Gruppierungen, deren bekanntester Anführer Draža Mihailović war. Obwohl die Partisanen und die Tschetniks in den Aufständen zum Jahresende 1941 zunächst einigermaßen effektiv zusammenarbeiteten, brach ab dem 1./2. November 1941 nach einem Angriff der Tschetniks auf die von den Partisanen errichtete Republik Užice ein heftiger Bürgerkrieg zwischen den beiden Fraktionen aus, der bis 1945 andauern sollte.<ref name="Schmider 2002" details="S. 75–76." />
Der Krieg verlief zwischen 1941 und 1944 hauptsächlich entlang den Linien der Guerillakriegführung; die Widerstandsbewegungen setzten den Besatzern mit Nadelstichen, Hinterhalten und Überraschungsangriffen auf Eisenbahnlinien und entlegene Ortschaften beständig zu. Die Achsenmächte antworteten darauf mit Anti-Partisanen-Operationen und attackierten bestimmte Gebiete, in denen Widerstandsgruppen erkannt oder vermutet wurden. Zwar konnten die Besatzungstruppen sich im Zuge dieser Operationen bei direkten Gefechten üblicherweise durchsetzen, aber die Widerstandsgruppen zerstreuten sich oft schon im Angesicht gegnerischer Großverbände, verlagerten ihre Positionen und setzten den Kampf andernorts fort. Weitläufige und oft verlustreiche Rückzüge waren für die Partisanenbewegung nichts ungewöhnliches. Im Verlauf der Jahre 1942–1944 wurde die kommunistische Volksbefreiungsarmee immer professioneller und kampfstärker, weshalb auch die Schlachten an Größe und Intensität zunahmen (Schlacht an der Neretva, Schlacht an der Sutjeska). Im Verlauf des Jahres 1944 nahm die Volksbefreiungsarmee die Züge einer konventionellen Armee an, die ihren Gegner entlang regulärer Frontlinien bekämpfte und bis Mai 1945 nordwärts aus dem Land vertrieb.<ref name="Schmider 2002" details="Passim." />
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Neben Partisanen und Tschetniks gab es weitere örtliche Gruppierungen mit jeweils eigenen Zielsetzungen und Loyalitäten. Zu diesen Gruppen gehörten die Slowenische Heimwehr und Osvobodilna Fronta in Slowenien,<ref name="Thomas 1995"></ref> die im Kosovo aktive Balli Kombëtar und Kommunistische Partei Albaniens,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 235.">Holm Sundhaussen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011: Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2012, ISBN 978-3-205-78831-7.</ref> das mit den Deutschen verbündete Serbische Freiwilligen-Korps sowie die faschistische ZBOR-Bewegung in Serbien,<ref name="Schmider 2002" details="S. 66, 102f., 424f." /> verschiedene muslimisch-bosniakische Milizen<ref name="Zaugg 2021" details="S. 209.">Franziska Anna Zaugg: Rekrutierungen für die Waffen-SS in Südosteuropa. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, ISBN 978-3-11-073077-7.</ref> und die aus Kroatiendeutschen rekrutierte Einsatzstaffel der Deutschen Mannschaft.<ref name="Schmider 2002" details="S. 108." /> Dazu kamen noch verschiedene militärische Verbände, welche die Besatzungsmächte aus der lokalen Bevölkerung rekrutierten. Die deutschen Streitkräfte rekrutierten mehrere Divisionen für Heer und Waffen-SS (369, 373, 392, „Prinz Eugen“, „Handschar“) und stellten aus russischen Emigranten in Jugoslawien das Russische Schutzkorps auf.<ref name="Schmider 2002" details="S. 20, 60, 66, 203, 370–373." />
Die Gesamtverluste Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg beliefen sich nach den Berechnungen des kroatischen Demographen Vladimir Žerjavić auf 1.027.000 und entfielen nach Nationalitäten auf 530.000 Serben, 192.000 Kroaten, 103.000 Bosniaken, 57.000 Juden, 42.000 Slowenen, 28.000 Jugoslawiendeutsche, 20.000 Montenegriner, 18.000 Roma, 18.000 Albaner, 6.000 Nordmazedonier, 5.000 Russen und Ukrainer, jeweils 2.000 Türken und Ungarn und jeweils 1.000 Polen und Tschechoslowaken sowie 2.000 Angehörige anderer Nationalitäten.<ref>Ivor Graovac: Der Zweite Weltkrieg: Menschenverluste. In: Dunja Melcic (Hrsg.): Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Springer Fachmedien, 1999, ISBN 3-663-09609-2, S. 184–190.</ref>
Neben der Million Kriegstoten hatte Nachkriegsjugoslawien mit 3,5 Millionen Obdachlosen fertigzuwerden. Im Krieg waren ~289.000 bäuerliche Wirtschaften zerstört worden. 40 % der bäuerlichen Bevölkerung verfügten als Folge des Krieges über keine landwirtschaftlichen Geräte oder Fahrzeuge.<ref name="Calic 2014" details="S. 184." />
Kommunistischer Machtgewinn
Schon während des Partisanenkriegs bereitete sich die kommunistische Volksbefreiungsarmee auf die Errichtung einer neuen Nachkriegsordnung vor, die nicht mehr dem monarchischen Vorkriegsjugoslawien ähneln sollte. Bereits im Herbst 1941 riefen die Kommunisten in der von ihnen kontrollierten Stadt Užice eine eigene Republik Užice aus, die jedoch kurz darauf von einer deutschen Gegenoffensive zerschlagen wurde. Anschließend verlagerten die Kommunisten ihren Operationsschwerpunkt ins westliche Bosnien-Herzegowina, wo sie im Umkreis der Stadt Bihać eine neue Partisanenrepublik, die Republik Bihać, proklamierten. Hier sammelten die Kommunisten am 26./27. November 1942 Delegierte aus allen Landesteilen, um den Antifaschistischen Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens („AVNOJ“) zu bilden.<ref name="Calic 2014" details="S. 149–150." /> Der AVNOJ schreckte bei seiner ersten Tagung im November 1942 noch vor einer unilateralen Erklärung einer Machtergreifung zurück, holte dies aber bei der zweiten Versammlung in Jajce am 29./30. November 1943 nach. Die Delegierten des AVNOJ erklärten sich in Missachtung der jugoslawischen Exilregierung in London selbst zur obersten gesetzgebenden und exekutiven Gewalt und gaben sich das Ziel der Schaffung eines ‚sozialistischen Föderalstaats gleichberechtigter Völker und Republiken‘, der zusätzlich um das seit 1918 zu Italien gehörige Istrien erweitert werden solle.<ref name="Calic 2014" details="S. 154–155." /> Minderheitenrechte sollten garantiert werden.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 50." /> Dem zur Exilregierung gehörigen jugoslawischen König Peter II. wurde vom AVNOJ die Rückkehr nach Jugoslawien verboten.<ref name="Calic 2014" details="S. 154–155." />
Im Folgejahr traf sich Tito mit dem Exilregierungschef Ivan Šubašić, mit dem er am 16. Juni 1944 eine gemeinsame Vereinbarung traf, welche die Entscheidung der künftigen Staatsform auf die Nachkriegszeit vertagte. Tito band neben seinen eigenen Kommunisten auch Sozialdemokraten, Monarchisten, Agrarier und einige Bürgerliche in seine „Einheitliche Befreiungsfront“ ein, die ab 1945 „Volksfront“ hieß. Am 21. September 1944 reiste Tito nach Moskau, um Stalin um militärische Hilfeleistung in Nord- und Zentralserbien zu bitten und damit auch eine britische Intervention zugunsten der jugoslawischen Exilregierung unwahrscheinlicher zu machen. Am 1. November einigte sich Tito mit Šubašić auf eine Fusion der kommunistischen und der exiljugoslawischen Regierungen. Die Regierung des neuen Staates „Demokratisches Föderatives Jugoslawien“ (DFJ) konstituierte sich am 7. März 1945. An die Seite Titos als Regierungschef trat Šubašić als Außenminister. In das Interimsparlament wurden sowohl Mitglieder des AVNOJ als auch der alten Skupština eingeladen.<ref name="Calic 2014" details="S. 172–176." /> Am 1. März wurde die Volksbefreiungsarmee in Jugoslawische Armee umbenannt, am 7. März erkannten die Alliierten das neue DFJ als gleichberechtigte alliierte Macht an.<ref name=":0" details="S. 85." />
In den Jahren 1943–1945 bereiteten die Kommunisten ihre autoritäre Nachkriegsstruktur auch mit Gewalt und Kriegsverbrechen vor. In den Wochen und Monaten vor und nach Kriegsende kam es zum umfangreichen Kriegsverbrechen und Morden an den ehemaligen Kriegsgegnern, denen zehntausende zum Opfer fielen. Die letzten Nachkriegsmassaker fanden noch weit nach Kriegsende in den letzten Monaten des Jahres 1945 statt. Die Partisanen töteten von ihren Gegnern ~60.000 in den Kampfhandlungen der letzten Kriegsmonate und ermordeten weitere ~70.000 in Standgerichten. Das berühmteste Kriegsverbrechen der Sieger ist das Massaker von Bleiburg, aber zahlreiche Massengräber in Slowenien bezeugen auch andere Hinrichtungsorte. Ab 1943 wurden hunderte Italiener in Istrien und Dalmatien in den sogenannten Foibe-Massakern ermordet. Gemäß der AVNOJ-Beschlüsse des Jahres 1944 wurden die im Land ansässigen Jugoslawiendeutschen enteignet und, teilweise nach Gefangenschaft in Internierungslagern wie Rudolfsgnad, schließlich zu hunderttausenden aus Jugoslawien vertrieben. Außerdem wurde 1944 ein eigener Geheimdienst, die für die Bestrafung von Kollaborateuren zuständige OZNA, gegründet, aus der später der jugoslawische Staatssicherheitsdienst UDBA hervorgehen sollte.<ref name="Calic 2014" details="S. 171–173, 179–180." />
Jugoslawien unter Tito, 1945–1980 Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.
Errichtung des Einparteienstaats
Schon während des Krieges hatten die dem Kommunismus zugeneigten jugoslawischen Partisanen staatsähnliche Strukturen im Untergrund aufgebaut.<ref name=":2" details="S. 504.">Marie-Janine Calic: Südosteuropa: Weltgeschichte einer Region. 1. Auflage. C.H.Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69831-6.</ref> Die Integration der Exilregierung und der bürgerlichen Widerstandsbewegungen brachte mit sich, dass die KPJ-Führung kommunistische Phrasen und Parolen zunächst vermied und sich stattdessen auf Forderungen des Antifaschismus und nationaler Einheit beschränkte. Die bürgerlichen Minister begannen jedoch im Sommer 1945, sich unter Protest gegen den zunehmend autoritären Kurs der Kommunisten aus dem Kabinett zurückzuziehen, was einem politischen Selbstmord der antikommunistischen Opposition gleichkam.<ref name="Calic 2014" details="S. 175–177." />
Die wichtigsten Politiker der frühen jugoslawischen Nachkriegszeit neben Tito als Machthaber waren Aleksandar Ranković (Geheimdienst), Edvard Kardelj (Außenpolitik), Milovan Đilas (Propaganda) und Boris Kidrič (Wirtschaft).<ref name=":17" details="S. 322."></ref>
Verfassunggebende Versammlung
Im November 1945 fanden Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung statt, von der ~200.000 angebliche Kollaborateure von vorn herein ausgeschlossen waren. Über 90 % der Bevölkerung gaben ihre Stimme für die von den Kommunisten geführte Volksfront ab. Stimmen gegen die Volksfront mussten in eine separate Box geworfen werden, weswegen die Wahl nicht frei und geheim war. Am 29. November 1945 schaffte die verfassunggebende Versammlung die jugoslawische Monarchie offiziell ab und proklamierte eine Republik. Dem abgesetzten König Peter II. wurde die Heimkehr nach Jugoslawien verboten.<ref name="Calic 2014" details="S. 175–177." />
Im Januar 1946 wurde die neue sozialistische Verfassung Jugoslawiens verabschiedet, die für die Föderative Volksrepublik zunächst fünf gleichberechtigte Staatsvölker (Slowenen, Kroaten, Serben, Montenegriner, Mazedonier) nannte, denen in den 1960er-Jahren die muslimischen Bosniaken als sechstes Staatsvolk hinzugefügt werden würden. Zur Föderation gehörten sechs Teilrepubliken (Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro) mit jeweils eigenen Verfassungen. Innerhalb der serbischen Teilrepublik wurden zwei autonome Provinzen, Vojvodina und Kosovo, eingerichtet.<ref name="Calic 2014" details="S. 180–181." /> Die kommunistische Führung betonte die Wichtigkeit der Lokalpolitik, was mit dem Schlagwort »Volksherrschaft« (narodna vlast) begründet wurde. Diskussionen über ein Mehrparteiensystem, die auch innerhalb der KPJ geführt worden waren, wurden auf Befehl von Tito verboten und sollten mit dem Verweis auf die vermeintliche Volksherrschaft ausgeschlossen werden.<ref name="Calic 2014" details="S. 175–177." />
Geheimpolizei
Bereits während des Krieges hatten die jugoslawischen Kommunisten im Mai 1944 eine Geheimpolizei, die OZNA (»Abteilung für den Schutz des Volkes«), eingerichtet.<ref name=":0" details="S. 84–86." /> Befehlshaber der OZNA war Aleksandar Ranković.<ref name="Calic 2014" details="S. 172." /> Ihre Nachfolgebehörde wurde im März 1946 die UDBA (»Behörde für Staatssicherheit«).<ref name=":0" details="S. 84–86." /> Schon vor Kriegsende begann die OZNA, Listen und Karteien von vermuteten Kriegsverbrechern und Kollaborateuren anzulegen, um diesen später den Prozess machen zu können.<ref name="Calic 2014" details="S. 172." /> Die UDBA blieb bis 1990 ein unerlässliches Instrument zur Durchsetzung der kommunistischen Herrschaft.<ref>Bosko S. Vukcevich: Tito. Architect of Yugoslav disintegration. Rivercross Publications, New York 1994, ISBN 0-944957-46-3, S. 331 ff. (Kapitel The Role of UDBA and KOS in 1948 and Afterwards).</ref> Auch die Abwendung von der Sowjetunion und die Einführung einer wirtschaftlichen Arbeiterselbstverwaltung änderten nicht den Auftrag der UDBA, abweichlerische politische Strukturen zu verhindern und zu zerschlagen.<ref name=":0" details="S. 97." />
Kriegsverbrecherprozesse
Der AVNOJ hatte schon während des Krieges die Durchführung von Kriegsverbrecherprozessen im Nachkriegsjugoslawien angekündigt.<ref name="Calic 2014" details="S. 154." /> Auf den Karteien der Geheimpolizei waren zehntausende Kollaborateure verzeichnet, wobei allein in Slowenien ~17.000 Verräter gelistet wurden.<ref name="Calic 2014" details="S. 172." /> Der wichtigste Kriegsverbrecher, der Ustascha-Diktator Ante Pavelić, war gegen Kriegsende nach Argentinien entkommen, aber anderen hochrangigen Beschuldigten wie dem serbischen Kollaborationsführer Milan Nedić, dem Tschetnik-Führer Draža Mihailović oder dem mit den Ustascha verbündeten katholischen Bischof Alojzije Stepinac sollte der Prozess gemacht werden. Nedić entkam einem Todesurteil durch sein frühes Ableben, während Mihailović zum Tode verurteilt wurde. Stepinac wurde zu einem langjährigen Hausarrest verurteilt.<ref name="Calic 2014" details="S. 177–178." />
Ab 1946 predigte Tito einen gesellschaftlichen Versöhnungskurs unter der Voraussetzung, dass ‚alle Verführten‘ zu ‚loyalen Bürgern der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien‘ würden.<ref name="Calic 2014" details="S. 178." />
Außenpolitik unter Tito
Die Außenpolitik des titoistischen Jugoslawiens lässt sich in mehrere Phasen teilen: In der unmittelbaren Nachkriegszeit verhielt sich die jugoslawische Regierung außenpolitisch zunächst äußerst aggressiv, drückte entlang der Grenzen zu Österreich und Italien auf Gebietsgewinne, beteiligte sich aktiv am Griechischen Bürgerkrieg, verfolgte das Ziel einer Balkanföderation mit Bulgarien und versuchte, in Albanien Einfluss zu gewinnen. Der Eigensinn und die Unberechenbarkeit der jugoslawischen Außenpolitik verprellten die Sowjetunion, die Jugoslawien im Jahr 1948 aus dem kommunistischen Ostblock ausstieß und als Feind denunzierte. Durch die neue Feindschaft zur Sowjetunion ging die jugoslawische Außenpolitik sogleich in eine zweite Phase über, in der sich Jugoslawien durch die Beilegung der Grenzstreitigkeiten und neue Handels- und Rüstungsabkommen in den frühen 1950ern den Westmächten annäherte und mit Reformen des eigenen Staatssozialismus die Sowjetunion bewusst provozierte. Dennoch gab Tito sein Misstrauen gegenüber dem kapitalistischen Westen nie auf und hielt zu beiden Machtblöcken eine gewisse Distanz. Der Tod Stalins 1953 und die Entstalinisierung in Moskau brachten sodann auch eine partielle Entspannung der sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen, weswegen sich Jugoslawien voll auf ein Projekt einer internationalen Blockfreiheit fokussieren konnte. Als eine der führenden Mächte der im Jahr 1961 in Belgrad gegründeten Bewegung der Blockfreien Staaten erwarb sich die Tito-Regierung besonders unter Drittweltländern einen guten Ruf. Die Politik der Blockfreiheit blieb bis zu Titos Tod und darüber hinaus bis zum Zerfall des jugoslawischen Staates eine wichtige Säule der jugoslawischen Außenpolitik.<ref name=":8" details="S. 208–216."></ref>
Gebietsansprüche auf Italien und Österreich
Noch in den letzten Kriegstagen hatte Tito seine Truppen über die Vorkriegsgrenze nach Italien geschickt, um das seit dem Ende des Ersten Weltkriegs italienische Istrien auch ohne Zustimmung der Alliierten für Jugoslawien zu sichern. Zum großen Streitpunkt wurde die Stadt Triest, die von Jugoslawien beansprucht und von den Westalliierten für Italien veranschlagt wurde. Erst nachdem die Sowjetunion der Tito-Regierung ihre Unterstützung versagte, kam es im Juni 1945 zu einem Kompromiss, in dem eine zunächst vorläufige Demarkationslinie gezogen wurde. In der Pariser Friedenskonferenz 1946 wurde ein Freies Territorium von Triest eingerichtet, welches zwischen angloamerikanischen und jugoslawischen Truppen geteilt war. Dieses Provisorium blieb bis 1954 bestehen. Der jugoslawische Einmarsch in Istrien brachte bis 1947 mindestens 200.000 italienische Flüchtlinge mit sich, die aus dem besetzten Gebiet ins italienische Mutterland flohen.<ref name="Calic 2014" details="S. 178–179." />
Neben den Streitigkeiten mit Italien über die Zugehörigkeit Istriens bot sich für Tito ebenfalls die Aussicht, die slowenische Minderheit im südlichen Österreich in den jugoslawischen Staatsverband einzuschließen. Im Jahr 1945 erhob Tito einen Gebietsanspruch auf Kärnten, in das in der Folge Partisanenabteilungen vordrangen. Die jugoslawische Regierung appellierte an ihre Verbündeten, dass eine vermeintliche Massengermanisierung der slawischen Bevölkerung im Grenzgebiet rückgängig gemacht werden müsse. Letztlich konnten die Jugoslawen jedoch die schon in der Vorkriegszeit gültige Nordgrenze ihres Landes nicht zu ihren Gunsten revidieren, da die Sowjetregierung einerseits zusehends die Geduld mit den grandiosen militärischen und diplomatischen Drohungen Jugoslawiens verlor und deshalb die Unterstützung für jugoslawische Gebietsgewinne in Österreich verweigerte, während andererseits die Westalliierten ein nichtkommunistisches Österreich dem sozialistischen Jugoslawien vorzogen. Die Westmächte hielten im Jahr 1946 sogar einen jugoslawischen Angriffskrieg für nicht unwahrscheinlich.<ref name=":8" details="S. 34–40." /> Die Westalliierten blockierten auch jugoslawische Versuche, eine Besatzungszone in Österreich zugesprochen zu bekommen.<ref name=":11" details="S. 59."></ref>
Griechischer Bürgerkrieg
Während in Bulgarien, Rumänien und Ungarn unter der Ägide der Roten Armee kommunistische Regierungen entstanden, waren in Griechenland im Oktober 1944 britische Truppen interveniert. Die Rückkehr des griechischen Königs Georg II. brachte den blutigen Griechischen Bürgerkrieg, in dem Titos Jugoslawien die kommunistische Seite unterstützte.<ref name=":2" details="S. 505." /> Die jugoslawische Regierung stellte sich als Verteidigerin der Interessen der slawischsprachigen Minderheit in Südmakedonien dar.<ref name=":10" details="S. 161."></ref> Besonders der nordmazedonische Ableger der KPJ war ein starker Verfechter einer jugoslawischen Einmischung in den Bürgerkrieg, von der sich die Nordmazedonier die Möglichkeit des Aufbaus eines großmazedonischen Gebiets versprachen.<ref name=":10" details="S. 182." /> Bis 1949 starben über 100.000 Menschen und über 1700 Dörfer wurden zerstört. Das Ende des Krieges brachte den Sieg der antikommunistischen Seite.<ref name=":2" details="S. 505." />
Balkanföderation
In Südosteuropa wollte Tito eine Balkanföderation unter jugoslawischer Führung errichten. Dazu sollten auch Bulgarien, Albanien und eventuell ein Großmazedonien gehören. Die Mazedonienfrage war wegen des Griechischen Bürgerkriegs wieder offen. Jugoslawien unterstützte seit 1946 die griechischen Kommunisten, die gerade im Norden Griechenlands (Ägäis-Mazedonien) stark waren und nicht zuletzt unter den Angehörigen der slawischen Minderheit viele Anhänger hatten.
Auf dem Weg zur Balkanföderation verfolgte Tito enge Bindungen mit Bulgarien. Mit dem bulgarischen Staatschef Georgi Dimitroff schloss Tito im Jahr 1947 die Abkommen von Bled, in dem die Mazedonier auch von der bulgarischen Seite als eigenes Volk anerkannt wurden, um die seit den Balkankriegen der 1910er zwischen Belgrad und Sofia akute Mazedonienfrage zu glätten. Bulgarien und Jugoslawien einigten sich außerdem auf einen Beistandspakt und sogar eine wirtschaftliche Zollunion.<ref name="Calic 2014" details="S. 180, 189." /> Da sich die Bulgaren und Jugoslawen in ihrem Vorgehen nicht mit der Führungsmacht Sowjetunion absprachen, und da besonders die bulgarische Seite im großmazedonischen Projekt auch das von den Westmächten geschützte Griechenland ins Visier nehmen wollte, wurde das Projekt der Balkanföderation im Februar 1948 durch eine diplomatische Intervention der Stalin-Regierung torpediert. In einem Treffen in Moskau knickte Dimitroff, der sich in der Mazedonien-Frage ohnehin dem Widerstand national gesinnter Bulgaren in der eigenen Partei ausgesetzt sah, vor den sowjetischen Forderungen ein. Am 1. März 1948 teilte die KPJ-Führung der sowjetischen Seite jedoch mit, sich nicht mit seinen in Moskau geäußerten Forderungen nach einer sowjetischen Führungsrolle in der jugoslawischen Außenpolitik abfinden zu wollen.<ref name=":0" details="S. 91–92." />
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Mit dem kommunistischen Albanien von Enver Hoxha hatte Tito bereits einen Freundschaftsvertrag unterschrieben. Ende 1947 bereitete Tito die Verlegung jugoslawischer Heeresdivisionen nach Albanien vor, um das albanische Gebiet vor einem Überspringen des Griechischen Bürgerkriegs abzuschirmen. Diese Eigenmächtigkeit verärgerte wiederum die Sowjets.<ref name="Calic 2014" details="S. 189." />
Bruch mit Stalin
In der unmittelbaren Nachkriegszeit waren die sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen nicht grundsätzlich negativ. Obwohl die von der sowjetischen Seite angebotene Wirtschaftskooperation wesentlich schlechter funktionierte als die aus dem Westen kommenden UNRRA-Hilfszahlungen, war die KPJ wie selbstverständlich eine der sieben Gründungsparteien der Kominform, eines im September 1947 unter sowjetischer Leitung gegründeten Forums kommunistischer Parteien.<ref name=":0" details="S. 91–92." /> Tito war einer der Hauptbefürworter einer solchen Organisation gewesen, um die amerikanische Politik der Truman-Doktrin (März 1947) und des Marshallplans (vorgestellt im Juni 1947) zu beantworten.<ref name=":4" details="S. 220." /> Belgrad wurde sogar als Hauptveröffentlichungsort der Kominform-eigenen Zeitschrift »Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!« auserkoren. Doch die nie mit Moskau koordinierten jugoslawischen Tendenzen zur Bildung einer Balkanföderation verärgerten die Sowjetregierung ebenso wie regelmäßige Beschwerden der jugoslawischen Seite über sowjetische Spionage in Jugoslawien. Die Abmachung, die (wiederum ohne Absprache mit der Sowjetunion) im August 1947 zwischen Jugoslawien und Bulgarien auf dem Weg zu einer Balkanföderation zur Lösung der Mazedonienfrage geschlossen wurde, untergrub die sowjetische Führungsrolle im Ostblock. Die offene Unterstützung der jugoslawischen Regierung für die griechischen Kommunisten im Griechischen Bürgerkrieg besorgte die Sowjetregierung noch zusätzlich, da sich die Regierung des US-Präsidenten Harry S. Truman demonstrativ an die Seite der griechischen Regierung gestellt und damit den Ausbruch eines Dritten Weltkriegs im Balkan ermöglicht hatte.<ref name=":0" details="S. 91–92." />
Im Februar 1948 wurden Dimitrow und der jugoslawische Ideologe Edvard Kardelj nach Moskau zitiert und für ihre Eigenmächtigkeiten im sowjetischen Machtbereich gerügt. Da die Jugoslawen gemäß des KPJ-Beschlusses vom 1. März 1948 jedoch nicht einlenkten, zog die Sowjetunion am 18. März ihre Militärberater aus Belgrad ab. Als zwei Tage später die Westmächte im Triest-Streit zwischen Jugoslawien und Italien einmütig für Italien Partei ergriffen, blieb jeder sowjetische Protest zugunsten Jugoslawiens aus.<ref name=":0" details="S. 92." /> Die KPdSU schickte im April anklagende Briefe an die KPJ.<ref name="Calic 2014" details="S. 189–190." /> Im gleichen Monat wurden Sreten Žujović und Andrija Hebrang wegen ihrer Vermittlungsversuche des illegalen Kontakts mit sowjetischen Diplomaten bezichtigt und aus dem Zentralkomitee der Partei ausgeschlossen.<ref name=":0" details="S. 92–93." /> Jugoslawischerseits herrschten nunmehr offene Frustrationen über den sowjetischen Bündnispartner vor, da sich Belgrad von Moskau weder im Weltkrieg noch in den Grenzfragen der Nachkriegszeit ausreichend unterstützt gefühlt hatte und da sowjetische Spionage und Wirtschaftseinflussnahme die Beziehungen belasteten.<ref name="Calic 2014" details="S. 189–190." /> Am 20. Mai 1948 bekräftigte die KPJ eine vorherige Weigerung, sich einem Schiedsspruch der Kominform zu unterziehen.<ref name=":0" details="S. 93." /> Eine Rede Titos in Ljubljana Ende Mai 1945, die eine jugoslawische Politik ‚außerhalb von Interessensphären‘ ankündigte, wurde von Moskau mit einer Protestnote quittiert. Die KPJ-Führung beschloss zwar im April 1948 noch als symbolisches kommunistisches Fanal die Kollektivierung der Landwirtschaft, um die Sowjetführung zu besänftigen, konnte aber Stalins persönlichen Unmut mit Tito nicht lindern. Am 28. Juni 1948, dem serbischen Nationalfeiertag, wurde die KPJ unter „Kapitalismusverdacht“ aus der Kominform ausgeschlossen.<ref name="Calic 2014" details="S. 189–190." /> Der Zeitpunkt wurde von der Kominform auch mit dem Ziel gewählt, den zeitgleich stattfindenden 5. Parteikongress der KPJ in Belgrad, der am 21. Juni 1948 begonnen hatte, ins Chaos zu stürzen. Dies gelang jedoch nicht, da die zu großen Teilen aus Partisanenveteranen bestehende Parteibasis sich hinter die Tito-Führung stellte.<ref name=":0" details="S. 94." />
Am 29. September 1949 widerrief die sowjetische Regierung den sowjetisch-jugoslawischen Freundschaftsvertrag. In einer folgenden Geheimsitzung erklärte das jugoslawische Parlament einen nationalen Notstand, um einer befürchteten sowjetischen Invasion vorzubeugen. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen schlug sich mehrheitlich auf die Seite Jugoslawiens und wählte symbolisch Jugoslawien am 25. Oktober als nichtständiges Mitglied in den Weltsicherheitsrat.<ref name=":0" details="S. 94." />
Im November 1949 verabschiedete die Koninform eine zweite Anti-Tito-Resolution, in der die jugoslawische Führung als „Tito-Ranković-Clique“ verhöhnt und mit der deutschen NS-Führung verglichen und die KPJ-Parteielite als „Spione“, „Mörder“ und „Feinde des jugoslawischen Volkes“ denunziert wurden. Anti-Titoismus wurde Teil der Staatsideologien des realsozialistischen Ostblocks; der bulgarische Vizepremier Trajtscho Kostow wurde unter dem Anklagepunkt des Titoismus verurteilt und hingerichtet. Die KPJ antwortete mit einer internen Säuberung vermuteter Koninform-Sympathisanten.<ref name=":0" details="S. 94–95." />
Ab 1949/1950 wandte sich die jugoslawische Staatsführung von einem stalinistischen Wirtschaftsmodell ab und einer Arbeiterselbstverwaltung zu. Das Wort „Bürokratismus“ wurde im jugoslawischen politischen Sprachgebrauch als Hohnbegriff eingeführt, um die sowjetische Gesellschaftsordnung zu beschreiben.<ref name=":0" details="S. 96." />
Annäherung an den Westen
Der Bruch zwischen Belgrad und Moskau bedeutete für die Westmächte eine Gelegenheit, sich in Jugoslawien entweder einen Partner oder zumindest eine wohlwollende Neutralität zu sichern. Vor dem Hintergrund der antisowjetischen Containment-Politik lag es im amerikanischen Interesse, alle Gegner der Sowjetunion zu stützen.<ref name=":0" details="S. 95." /> Die »Keilstrategie« ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) des US-Außenministeriums sah vor, durch die Stärkung der jugoslawischen Regierung einen Riss im kommunistischen Lager zu verursachen.<ref name=":3" details="S. 2, 20, 37.">Carla Konta: US Public Diplomacy in Socialist Yugoslavia, 1950–70. Manchester University Press, 2020, ISBN 978-1-5261-4075-3, S. en.</ref> Die amerikanischen Analysten waren zwischen 1948 und 1952 der Ansicht, dass ein sowjetischer Überfall auf Jugoslawien im Bereich des Möglichen lag.<ref name=":8" details="S. 64." /> Neben amerikanischen Krediten schloss Jugoslawien im Oktober 1951 sogar einen militärischen Beistandspakt ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) mit den USA. Durch das Gegenseitige Verteidigungshilfeprogramm ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) erhielt die jugoslawische Armee Zugang zu amerikanischen Maschinengewehren, Artilleriegeschützen und Kampfflugzeugen vom Typ Lockheed T-33A.<ref name=":3" details="S. 19." />
Im Gegenzug für seinen Rückzug aus dem Griechischen Bürgerkrieg erhielt Jugoslawien außerdem Zugang zu dringend benötigten britischen Krediten.<ref name="Calic 2014" details="S. 191." /> Im Jahr 1951 wurde der Kriegszustand mit Westdeutschland und Österreich formell beigelegt. Im gleichen Jahr beschlossen die drei westlichen Hauptsiegermächte (USA, Großbritannien, Frankreich) einen trilateralen Kredit von 500 Mio. US-Dollar, um die lahmende jugoslawische Wirtschaft anzukurbeln. Bis 1955 stieg die Gesamtsumme US-amerikanischer Wirtschafts- und Militärhilfe an Jugoslawien auf 1,187 Mrd. USD, zuzüglich zu weiteren 420 Mio. USD in Wiederaufbauhilfen der UNRRA.<ref name=":0" details="S. 95." />
Der Tod Stalins und das Ende des Koreakriegs im Jahr 1953 reduzierten die Spannungen des Kalten Krieges. Für Tito bedeutete die geringere Bedrohung der Sowjetunion, dass er auf westliche Hilfe wieder etwas weniger angewiesen war. Ab 1953 unternahm Tito betont Reisen in blockfreie Staaten (Chile, Brasilien, Burma, Indien), was die Grundlagen für die spätere neutralistische Außenpolitik legte.<ref name=":3" details="S. 24." /> Versuche der Eisenhower-Regierung, Jugoslawien zum NATO-Beitritt zu bewegen, scheiterten.<ref name=":3" details="S. 29." />
Nachdem die Westmächte am 8. Oktober 1953 ankündigten, sich aus der angloamerikanischen Besatzungszone um Trieste zurückziehen zu wollen, flammte der Grenzstreit zwischen Jugoslawien und Italien wieder auf. Die Jugoslawische Volksarmee marschierte an der Nordwestgrenze auf, wodurch ein Krieg zwischen Jugoslawien und Italien zu drohen schien. Das Londoner Memorandum (5. Oktober 1954) legte den Streit bei.<ref name=":3" details="S. 25." /> Das Freie Territorium Triest wurde zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt; die Stadt und ein schmaler Küstenstreifen gingen an Italien, während das Hinterland dauerhaft bei Jugoslawien blieb.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 128." /> Die Lösung der Triestfrage leistete einen wichtigen Beitrag zur Entspannungen der jugoslawischen Beziehungen mit den Westmächten.<ref name=":5" details="S. 54." />
Amerikanische Finanz- und Militärhilfen für Jugoslawien gingen bis in die frühen 1960er-Jahre weiter, bis Tito diesen Beziehungsstrang schließlich kappte. In der Folgezeit verärgerte die jugoslawische Regierung die amerikanische Führung, in dem sie sich im Sechstagekrieg (1967) und im Jom-Kippur-Krieg (1973) an die Seite der arabischen Staaten stellte.<ref name="Calic 2014" details="S. 201." />
1968 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit Jugoslawien ein Anwerbeabkommen für Gastarbeiter.<ref name=":4" details="S. 352." /> Andere beliebte Ziele für jugoslawische Gastarbeiter waren Schweden und die Schweiz. Im Jahr 1971 lebten fast 775.000 jugoslawische Staatsbürger im Ausland.<ref name=":4" details="S. 271." /> Unter den Auswanderern waren bis auf die Slowenen alle Völker Jugoslawiens stark vertreten.
Balkanpakt
Jugoslawien näherte sich auch den beiden nichtkommunistischen Ländern in Südosteuropa an. Am 28. Februar 1953 wurde der dreiseitige Balkanpakt mit der Türkei und dem ehemaligen Gegner Griechenland geschlossen. Dieses Bündnis wurde am 9. August 1954 um einen zwanzigjährigen Beistandspakt erweitert. Da aber nach Stalins Tod im Jahr 1953 einerseits der sowjetische Druck in Südosteuropa nachließ und andererseits die beiden Bündnispartner Griechenland und Türkei sich zunehmend im Zypernkonflikt verstrickten, wurde der Balkanpakt bereits ab Mitte der 1950er-Jahre machtpolitisch bedeutungslos, auch wenn keine der drei Seiten ihn aufkündigte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 128." />
Beziehungen mit dem Ostblock nach 1953
Die Bedrohung Jugoslawiens durch die Sowjetunion war nach Stalins Tod und mit dem Einsetzen der so genannten »Tauwetter-Periode« viel geringer geworden.<ref name=":14" details="S. 101."></ref> Im Frühjahr 1955 besuchte der neue sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow Belgrad, um die Versöhnung der beiden Staaten zu demonstrieren. Tito machte 1956 einen Gegenbesuch in Moskau.<ref name="Calic 2014" details="S. 200." /> Solche gegenseitigen Besuche wurden im Oktober 1962 in Belgrad und Dezember 1962 in Moskau wiederholt.<ref name=":3" details="S. 120." />
Der Ungarische Volksaufstand (Oktober/November 1956) brachte die jugoslawische Regierung in die außenpolitisch peinliche Lage, sich in Anbetracht der sowjetischen Militärintervention zu einer bestimmten Haltung durchringen zu müssen, ohne dabei die Machtposition im eigenen Land zu delegitimieren. Die titoistische Führung musste einerseits das Recht auf einen autonomen Weg zum Sozialismus betonen, durfte aber andererseits nicht die Legitimität einer direkten Volksherrschaft implizieren. Letztlich verurteilte die jugoslawische Regierung die erste sowjetische Intervention gegen die Proteste gegen die Rákosi-Regierung, aber begrüßte die zweite Intervention, die auf Wunsch der laut jugoslawischen Politikern legitimen Regierung von János Kádár durchgeführt wurde, da so ein versuchter Bürgerkrieg durch ‚Horthyisten‘ und ‚Westler‘ verhindert würde.<ref name=":0" details="S. 100." />
Als außenpolitisches Zugeständnis erkannte die jugoslawische Regierung 1957 die DDR diplomatisch an.<ref name="Calic 2014" details="S. 201." />
Nach dem Sturz Chruschtschows und der Machtergreifung durch Leonid Breschnew im Jahr 1964 waren die Beziehungen zwischen Belgrad und Moskau zunächst weiterhin generell positiv. Der bilaterale Handel war ein wichtiger Faktor und die beiden Staaten fanden in der gemeinsamen Ablehnung des amerikanischen Engagement im Vietnamkrieg zueinander. Dass Jugoslawien jedoch im Jahr 1965 gewisse marktwirtschaftliche Reformen einleitete und sich Tito für Reformkommunisten wie Alexander Dubček begeisterte, belastete die Beziehungen zur Sowjetunion zusehends.<ref name="Calic 2014" details="S. 236." />
Als die Sowjetarmee ab dem 20. August 1968 gegen den Prager Frühling intervenierte, löste dies die dritte Krise der jugoslawisch-sowjetischen Beziehungen (nach 1948 und 1956) aus. Die jugoslawische Regierung kritisierte die Intervention wesentlich schärfer als noch 1956 und reagierte im Februar 1969 mit einem neuen „Gesetz über die Volksverteidigung“, welches allen Jugoslawen explizit verbot, im Falle einer feindlichen Invasion eine Kapitulation zu erklären oder eine solche anzuerkennen. Das Gesetz bestätigte die Pflicht aller Männer und Frauen zwischen 16 und 65 Jahren, im Rahmen der Armee oder der neu geschaffenen Territorialverteidigung (TO) an den Kampfhandlungen zur Verteidigung Jugoslawiens teilzunehmen. Für die jugoslawische Führung bedeutete der Prager Frühling eine innenpolitische Stabilisierung, da die erneuerte Furcht vor einer möglichen sowjetischen Invasion im Stile der Intervention in Prag zu einer Konsolidierung der Bevölkerung hinter der Regierung führte,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 137–139." /> nachdem es im Juni noch größere Studentenproteste in Jugoslawien gegeben hatte.<ref></ref> Die jugoslawischen Staatsmedien verspotteten die am 25. September 1968 formulierte Breschnew-Doktrin, der zufolge die Sowjetunion zu Interventionen zum Schutz des realsozialistischen Systems anderer Staaten berechtigt sei.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 137–139." />
Die neue jugoslawische Antipathie zur Sowjetunion paarte sich mit der seit den späten 1950ern zunehmenden Entfremdung zwischen der UdSSR und der Volksrepublik China, um die chinesisch-jugoslawischen Beziehungen wiederzubeleben, die seit den späten 1950ern eingefroren gewesen waren. Nachdem im Sommer 1968 die bilateralen Kontakte zugenommen hatten, schlossen Jugoslawien und China im März 1969 einen Handelsvertrag ab.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 139." />
Weil auch die eigentlich mit der Sowjetunion verbündete Sozialistische Republik Rumänien (RSR) unter Nicolae Ceaușescu die sowjetische Intervention öffentlich anprangerte, wurden in der Folge die Beziehungen zwischen Belgrad und Bukarest enger. Auch die vom Ostblock entfremdete Sozialistische Volksrepublik Albanien schickte im Frühjahr 1970 Entspannungssignale nach Belgrad, auch wenn die albanischen Parteifunktionäre betonten, dass die Kosovofrage weiterhin ungelöst sei. Im Gegensatz dazu versuchte die streng auf Sowjetlinie operierende Volksrepublik Bulgarien, in der Mazedonienfrage wieder an Boden zu gewinnen.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 139." />
Die Beziehungen zur Sowjetunion verbesserten sich ab 1969 wieder; beide Seiten bestätigten die Belgrader und Moskauer Deklarationen von 1955/1956 als weiterhin gültig.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 139." />
Auch der sowjetische Einmarsch in Afghanistan im November 1979 wurde von der jugoslawischen Regierung erneut verurteilt; der hochbetagte Staatsführer Tito bezeichnete die sowjetische Invasion noch kurz vor seinem Tod im Mai 1980 noch als „Schweinerei“.<ref name=":4" details="S. 376." />
Bewegung der Blockfreien Staaten
Tito begeisterte sich ab den 1950er-Jahren für eine Politik der Blockfreiheit. In den Jahren 1954 und 1955 brach Tito zur einer Asientour auf. Er zeigte sich von den Vorbereitungen der Bandung-Konferenz beeindruckt und traf sich Ende 1954 in Indien zu mehreren langen Gesprächen mit Jawaharlal Nehru, mit dem er schnell ein gutes Rapport aufbaute. In einer Ansprache vor dem indischen Parlament am 21. Dezember 1954 präsentierte er der Weltöffentlichkeit erstmals Jugoslawiens neue außenpolitische Doktrin der Blockfreiheit. In einer von Tito und Nehru gemeinschaftlich verfassten Abschlusserklärung des Staatsbesuchs in Indien forderten beide Staatschefs eine Weltpolitik auf der Basis gegenseitigen Respekts und staatlicher Unabhängigkeit und betonten gleichzeitig, dass es nicht ihre Absicht sei, einen dritten Machtblock im Kalten Krieg aufzubauen. Unmittelbar nach der Weiterreise nach Burma, wo er sich zwischen dem 6. und 17. Januar 1955 aufhielt, ermahnte er die burmesischen Politiker um U Nu, sich weder Washington noch Moskau anzuschließen. Auf seiner Rückreise aus Asien machte Tito einen Zwischenstopp in Ägypten, wo er sich mit dem Militärdiktator Gamal Abdel Nasser traf, der sich in Gesprächen mit Tito ebenfalls als ein Verfechter des Konzepts einer geopolitischen Äquidistanz von beiden Machtblöcken entpuppte.<ref name=":14" details="S. 101–105." />
Am 19. Juli 1956 unterzeichnete Tito gemeinsam mit Nasser und Nehru nach einem Treffen auf der Insel Brioni am 18. und 19. Juli 1956 die »Brioni-Erklärung«.<ref name=":14" details="S. 106." />
Im September 1961 fand in Belgrad eine große Zusammenkunft von 25 Staatschefs statt, um die »Bewegung der Blockfreien Staaten« formell zu konstituieren.<ref name="Calic 2014" details="S. 201." /> Dabei waren die 24 anderen Teilnehmerstaaten allesamt außereuropäische Länder. Sowohl die US-Regierung als auch die Sowjetführung waren über die Konferenz verärgert. Die Abschlusserklärung der Konferenz, die hauptsächlich von der jugoslawischen Delegation verfasst worden war, forderte eine positive Neutralität nach dem Grundsatz friedlicher Koexistenz, die Unterstützung der kolonialen Befreiungsbewegungen, die Vermeidung von Militärbündnissen und die Ablehnung fremder Militärstützpunkte.<ref name=":4" details="S. 301–302." />
Die neue Bewegung der Blockfreien Staaten verstand sich als Forum der Friedensstiftung. Zum Anlass des Baus der Berliner Mauer (1961) und während der Kubakrise (1962) schickte die Bewegung Delegationen nach Washington und Moskau, um die beiden Weltmächte zur friedlichen Zusammenarbeit aufzufordern.<ref name=":4" details="S. 303." />
Die jugoslawische Regierung stellte ihren eigenen Propagandaapparat in den Dienst der neuen Außenpolitik; der Non-Aligned News Agencies Pool (NANAP) mit der jugoslawischen TANJUG im Zentrum sollte ein von den Weltmächten unabhängiges journalistisches Netzwerk schaffen.<ref name=":4" details="S. 306." />
Titos Blockfreiheitspolitik brachte ihm große Popularität in den Staaten der Dritten Welt ein, innerhalb derer Jugoslawien in der Gruppe der 77 (G 77) eine Führungsrolle einnahm.<ref name=":2" details="S. 603." /> Die G 77 konnte sogar gegen den Willen der hochentwickelten Westmächte die Gründung der UNCTAD durchsetzen. Die jugoslawische Regierung war ebenfalls einer der Hauptsponsoren der »Erklärung über die Errichtung einer Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung« (1974), in der die Eigenständigkeit der nationalen Wirtschaften, Beschränkungen der Autonomie multinationaler Großkonzerne sowie Schuldenerlass für die Entwicklungsländer gefordert wurden.<ref name=":4" details="S. 305." /> Politiker wie Gamal Abdel Nasser und Muammar al-Gaddafi benannten Tito später als ein wichtiges politisches Vorbild.<ref name=":2" details="S. 603." />
Die jugoslawische Regierung hielt auch zu inopportunen Momenten an ihrer Politik fest; die Ölkrise 1973 schadete mit schnell steigenden Ölpreisen zwar der jugoslawischen Volkswirtschaft, aber die Tito-Regierung stellte sich trotzdem hinter die Staaten der OPEC.<ref name=":4" details="S. 306." /> Trotz der schwächelnden Wirtschaft war Jugoslawien außenpolitisch so stark wie nie und verzeichnete Verbesserungen in den Beziehungen zu beiden Weltmächten. Tito profilierte sich als neutraler Friedensstifter zwischen den Machtblöcken und beteiligte sich ab 1972 aktiv am Projekt der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), deren KSZE-Schlussakte 1975 er begrüßte und deren Fortführung er in einem Folgetreffen in Belgrad 1977 betreute.<ref name="Calic 2014" details="S. 257." />
Beziehungen zu den deutschen Staaten
In Hinsicht auf die DDR hatte Tito zunächst gehofft, dass die Entstalinisierung eine deutsche Wiedervereinigung mit sich bringen könnte und versuchte, Chruschtschow von dieser Linie zu überzeugen. Stattdessen erkannte die UdSSR im Jahr 1955 die DDR als souverän an (»Zwei-Staaten-Theorie«) und besiegelte damit auf unbestimmte Zeit den Status Quo der deutschen Teilung. Daraufhin drängte DDR-Politiker Otto Grotewohl die Sowjetregierung, weitere Kredite an Jugoslawien von einer Anerkennung der DDR abhängig zu machen. Im Oktober 1957 knickte Tito schließlich ein und erkannte die DDR an.<ref name=":4" details="S. 293." /> Dies führte gemäß der westdeutschen Hallstein-Doktrin von 1955 zum Abbruch der Beziehungen seitens der Bundesrepublik Deutschland. Jugoslawien war neben Kuba der einzige Staat, bei dem die Hallstein-Doktrin zur Anwendung kam.<ref name="Calic 2014" details="S. 201." /> Jugoslawien versuchte, die Bundesrepublik dadurch zu beschwichtigen, dass es der DDR nur einen Gesandten statt eines Botschafters zugestand, konnte den Abbruch der Beziehungen aber nicht verhindern. Die erste DDR-Gesandte in Belgrad wurde Eleonore Staimer, Tochter des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck. Erst im Jahr 1966 wurde die Mission der DDR zu einer vollwertigen Botschaft hochgestuft.<ref name=":4" details="S. 294." /> Die Beziehungen mit der DDR verbesserten sich nach der formellen Anerkennung weiter. 1965 besuchte Tito gemeinsam mit seiner Frau Jovanka Broz Ost-Berlin und wurde dort feierlich empfangen.<ref name=":4" details="S. 266." /> Trotz ostdeutscher Bemühungen um höhere Exporte nach Jugoslawien, die auch den westdeutschen Handelseinfluss eindämmen sollten, waren DDR-Einführen nach Jugoslawien nur etwa halb so hoch wie Importe aus der Bundesrepublik.<ref name=":4" details="S. 294." />
Westdeutsch-jugoslawische Beziehungen wurden erst 1968 wieder aufgenommen, da der westdeutsche Außenminister Willy Brandt den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger hatte überzeugen können, dass die Tito-Regierung einen großen Einfluss in der Dritten Welt besaß und in der Entspannungspolitik eine wichtige Rolle spielen könnte.<ref name=":4" details="S. 351." /> Die Westmächte hatten die Bundesrepublik gewarnt, die Hallstein-Doktrin zwischenzeitlich nicht zum Grund eines jugoslawischen Abdriftens in den Ostblock werden zu lassen, woraufhin die Bundesregierung ihren Verbündeten zusicherte, die Wirtschafts- und Kulturbeziehungen zu Jugoslawien fortsetzen zu wollen. Zwischen 1957 und 1966 wuchsen die westdeutschen Exporte nach Jugoslawien von 325,6 auf 756,6 Mio. D-Mark. Jährlich kamen in den 1960ern ~700.000 westdeutsche Touristen nach Jugoslawien, während in der Gegenrichtung über 100.000 Jugoslawen als Gastarbeiter in die Bundesrepublik übersiedelten.<ref name=":4" details="S. 294." /> Trotzdem hatte es kleinere Reibereien zwischen Belgrad und Bonn gegeben; die jugoslawische Regierung beschwerte sich etwa Anfang der 1960er-Jahre darüber, dass die Bundesregierung den Kroatischen Volkswiderstand (HNO), der in Jugoslawien als Terrororganisation verfolgt wurde, mit Geldern des Bundesvertriebenenministeriums von über 10.000 DM pro Jahr bezuschusste.<ref name=":4" details="S. 339." /> Exilkroatische Terroristen in der Bundesrepublik begingen bis 1973 insgesamt 55 Anschläge mit 13 Todesopfern. 1962 kam es zu einem Sprengstoffattentat auf die jugoslawische Vertretung in Bad Godesberg-Mehlem; im Jahr 1976 wurde der jugoslawische Vizekonsul in Frankfurt am Main erschossen.<ref name=":4" details="S. 352." /> Auch nach der Wiederaufnahme der Beziehungen im Jahr 1968 war die Belgrader Regierung mit der westdeutschen Verfolgung exiljugoslawischer Terrorgruppen unzufrieden; die Jugoslawen revanchierten sich 1978, indem sie sich weigerten, Brigitte Mohnhaupt und drei gesuchte weitere RAF-Terroristen an die Bundesrepublik auszuliefern.<ref name=":4" details="S. 339." />
1968 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit Jugoslawien ein Anwerbeabkommen für Gastarbeiter. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses befanden sich bereits über 100.000 jugoslawische Gastarbeiter in der Bundesrepublik. Die Zahl der Gastarbeiter stieg bis Mitte der 1970er auf über 500.000.<ref name=":4" details="S. 352–353." />
Die Wiederaufnahme der Beziehungen im Jahr 1968 war von Fragen der Kriegsentschädigung geprägt, da die Bundesregierung bereits ~972 Mio. D-Mark Entschädigungsgelder an zwölf westeuropäische Staaten und allein 3,2 Mrd. D-Mark an den Staat Israel gezahlt hatte. Die jugoslawische Regierung vertrat daraufhin den Standpunkt, dass die Bundesregierung für die zwischen 1941 und 1945 in Jugoslawien von den deutschen Besatzungstruppen verursachten Kriegsschäden aufkommen müsse. Tito stand innenpolitisch auch in den Kreisen seiner alten Partisanen unter Druck, gegenüber den Westdeutschen keine Nachlässigkeit zu zeigen. Brandt wiederum wurde von seinen konservativen Gegnern für den allzu freundlichen Umgang mit dem kommunistischen Ostblock gerügt und ermahnt, in Verhandlungen um Kriegsentschädigung auch jugoslawische Verpflichtungen zur Kriegsgräberpflege zur Sprache zu bringen, was wiederum in der jugoslawischen Regierung spöttisch quittiert wurde.<ref name=":4" details="S. 353." /> Die westdeutsche Seite befürchtete zudem, dass Zugeständnisse an Jugoslawien Reparationsforderungen in anderen Staaten Osteuropas befeuern könnte.<ref name=":4" details="S. 349–350." /> Der Streit um die Reparationsfrage beschleunigte in der westdeutschen Maschke-Kommission auch die Arbeit an einer dokumentarischen Kriegsgefangenengeschichte, die helfen sollte, jugoslawische Maximalforderungen zu kontern.<ref>Birgit Schwelling: Zeitgeschichte zwischen Erinnerung und Politik: Die Wissenschaftliche Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte, der Verband der Heimkehrer und die Bundesregierung 1957 bis 1975. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jg. 56, Heft 2. München 2008, S. 227–263 (ifz-muenchen.de [PDF]).</ref> Auf der jugoslawischen Seite wiederum begann 1964 erstmals ein Projekt, möglichst viele Kriegstote der Jahre 1941 bis 1945 namentlich zu erfassen, um konkrete Opferzahlen für die Reparationsforderungen an der Hand zu haben.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 72–73." />
Tito besuchte im Sommer 1974 mit großen Zeremoniell die Bundesrepublik, wo er gemeinsam mit Bundeskanzler Schmidt sowohl Bonn als auch Schmidts Heimatstadt Hamburg besuchte und sich außer dem Kanzler auch mit dem Bundespräsidenten, den Parteiführern und hohen Gewerkschaftsfunktionären traf. Tito nutzte die Gelegenheit, sich mit der jugoslawischen Fußballnationalmannschaft zu treffen, die zeitgleich an der Weltmeisterschaft in Westdeutschland teilnahm. Dem Eröffnungsspiel seiner Mannschaft gegen Brasilien blieb Tito aber fern, da der deutsche Verfassungsschutz Anschläge exilkroatischer Terroristen befürchtete. Titos zeremonieller Staatsbesuch in Westdeutschland war der erste solche Großbesuch eines kommunistischen Machthabers in der Bundesrepublik.<ref name=":4" details="S. 349–350." />
Titoistische Ideologie und Parteilinie
Das politische System des sozialistischen Jugoslawiens sowie die ideologischen Grundtendenzen der Staatspartei, ab 1952 Bund der Kommunisten Jugoslawiens genannt, werden als „Titoismus“ bezeichnet,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 166." /> auch wenn dieser bereits zu seinen Lebzeiten unter westlichen Wissenschaftlern verbreitete Begriff von Josip Broz Tito selbst stets mit dem Hinweis abgelehnt wurde, dass die jugoslawische Führung lediglich den Marxismus-Leninismus implementiere und diesem nichts hinzugefügt habe.<ref name="Calic 2014" details="S. 193." />
Noch während des Zweiten Weltkriegs hatte der kommunistisch dominierte AVNOJ mehrere Grundtendenzen der späteren titoistischen Ideologie vorgezeichnet. Dem Zentralismus des Königreichs Jugoslawien sollte im neuen sozialistischen System stattdessen eine föderale Struktur gleichberechtigter Völker folgen. Der Jugoslawismus als Ideologie wurde erneuert: Wo der ‚ethnische Jugoslawismus‘ des Königreichs das Ziel einer ethnischen Verschmelzung der Teilvölker gehabt hatte, verfolgte der im kommunistischen Jugoslawien gelehrte ‚politische Jugoslawismus‘ lediglich die gegenseitige Anerkennung, Achtung und Gleichberechtigung aller jugoslawischen Völker.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 50." /> Eine ethnische Verschmelzung zu einem Einzelvolk lehnten die Kommunisten ab.<ref name="Calic 2014" details="S. 181." />
Zu den großen Parteikongressen der KPJ (bis 1952) bzw. des BdKJ während der Tito-Zeit gehörten der 5. Parteikongress (Juli 1948), der 6. Parteikongress (November 1952), der 7. Parteikongress (April 1958), der 8. Parteikongress (Dezember 1964), der 9. Parteikongress (März 1969), der 10. Parteikongress (Mai 1974), der 11. Parteikongress (Juni 1978), der 12. Parteikongress (Juni 1982), der 13. Parteikongress (Juli 1986) und zuletzt der 14. Parteikongress (Januar 1990), der nach einem Boykott der slowenischen und kroatischen Delegationen abgebrochen werden musste.<ref name=":0" details="S. 94, 96, 101, 109, 120, 126, 129, 141, 147, 154." />
Auf dem 5. Parteikongress im Juni und Juli 1948 wurde Tito mit großer Mehrheit zum Parteichef wiedergewählt.<ref name="Calic 2014" details="S. 191." /> Der sowjetische Versuch, die Autorität der KPJ durch den Ausschluss aus der Kominform am 28. Juni 1948 zu untergraben, misslang. Die KPJ-Parteibasis machte in der Hoffnung auf eine Wiederaufnahme Lippenbekenntnisse an die KPdSU, stellte sich aber auch nicht gegen Tito.<ref name=":0" details="S. 94." /> Die KPJ antwortete auf den äußeren Druck mit ihrer inneren Säuberung; von ~500.000 Parteimitgliedern wurden wegen ‚kominformistischer Tendenzen‘ ~60.000 aus der Partei ausgeschlossen und ~12.000–13.000 ins Gefängnis geworfen. Etwa ~200.000 Beamte wurden entlassen oder auf andere Posten verschoben, davon die Hälfte allein im Jahr 1950. Die Gefängnisinsel Goli Otok füllte sich mit Opfern der Säuberungen.<ref name=":0" details="S. 94–95." /> Trotz dieser Vorgänge wuchs die Partei zwischen 1948 und 1952 von ~500.000 auf ~750.000 Mitglieder.<ref name=":0" details="S. 97." />
Auf dem 6. Parteikongress im November 1952 wurde die bisherige Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) in Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) umbenannt.<ref name=":0" details="S. 96." /> Der föderale Staatsaufbau des sozialistischen Jugoslawien sollte so auch im Namen der herrschenden Partei zum Ausdruck kommen. Offiziell waren seit dem Parteitag innerhalb des BdKJ auch Meinungspluralismus und politische Diskussionen zugelassen. Wenn der Diskurs aber gewisse Grenzen überschritt, wurden unbotmäßige Mitglieder nach wie vor abgestraft. Schon gar nicht durften das Machtmonopol der Kommunisten im jugoslawischen Einparteienstaat in Frage gestellt werden.<ref name="Calic 2014" details="S. 193." />
Im Januar 1953 übernahm Tito auch das Amt des Staatspräsidenten, das ihm die Bundesversammlung später mittels einer Verfassungsänderung auf Lebenszeit verlieh.<ref name="Calic 2014" details="S. 193–194, 261." />
1954 setzte die Partei auf Geheiß Titos Milovan Đilas ab, der im Krieg und den ersten Jahren danach ein enger Vertrauter Titos gewesen war.<ref name="Calic 2014" details="S. 194–195." /> Đilas hatte sich ab der Jahreswende 1953/1954 in Beiträgen zur Parteizeitung Borba kritisch über die neu entstandene kommunistische Funktionärskaste geäußert,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 111." /> mit deren Hilfe Tito das Land beherrschte. Đilas kritisierte auch den Einfluss der Geheimpolizei und die privilegierte Stellung der Parteielite.<ref name="Calic 2014" details="S. 195." /> Đilas forderte eigentlich nur ein, was auf dem 6. Parteikongress beschlossen worden war, aber traf in der Parteiführung auf Unverständnis, da der Tod Stalins im Jahr 1953 Hoffnungen auf eine Wiederannäherung an die Sowjetunion geweckt hatte, wodurch eine Demokratisierung des Systems weniger dringlich erschien. Đilas wurde in einer Sondersitzung des ZK Mitte Januar 1954 des Revisionismus und der Anarchie bezichtigt und aus dem ZK, der Partei und der Regierung ausgeschlossen. Nachdem Đilas seine Kritik an der Partei fortsetzte, wurde er zunächst im Januar 1955 zu einer anderthalbjährigen Bewährungsstrafe verurteilt, die nach erneuter Kritik an der Staatsmacht vor dem Hintergrund der Ungarischen Revolution (1956) auf eine Gefängnisstrafe von drei Jahren erhöht wurde. Im Gefängnis vertrieb er seine Zeit damit, an einem Manuskript zu arbeiten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 111–113." /> Sein Buch, »Die neue Klasse«,<ref>Milovan Djilas: Nova klasa. Kritika savremenog komunizma. Deutsch u.d. Titel: Die neue Klasse. Eine Analyse des kommunistischen Systems. München 1958.</ref> wurde ein internationaler Bestseller.<ref name="Calic 2014" details="S. 195." /> Nachdem das Manuskript im Jahr 1957 in den USA erschienen war, wurde Đilas' Haftstrafe prompt um sieben Jahre verlängert. Anfang 1961 wurde er vorzeitig entlassen, nur um nach der Veröffentlichung eines weiteren Buches, »Gespräche mit Stalin«, erneut angeklagt und Mitte 1962 unter dem Vorwurf der Preisgabe von Staatsgeheimnissen zu weiteren fünf Jahren Gefängnis verurteilt zu werden.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 113." />
Nach Verbüßung einer mehrjährigen Haftstrafe war Đilas seit Ende der 1960er als Dissident wieder publizistisch tätig. Seine aus Sicht eines Insiders geschriebenen Analysen<ref>Milovan Djilas: Tito. Eine kritische Biographie. Fritz Molden, Wien 1980, ISBN 3-217-01158-9; ders.: Jahre der Macht. Kräftespiel hinter dem Eisernen Vorhang. Memoiren 1945–1966. München 1983.</ref> über den kommunistischen Machtapparat in Jugoslawien wurden im Westen viel gelesen.
Auf dem 7. Parteikongress im Jahr 1958 erhob die Partei vier Konzepte zu politischen Eckpfeilern der eigenen Bewegung: Erstens sollten unterschiedliche Wege zum Sozialismus weltweit gleichberechtigt anerkannt werden, zweitens sollten die sozialistischen Staaten miteinander gleichberechtigt sein, drittens sollte die Wirtschaft auf dem Konzept der Arbeiterselbstverwaltung beruhen und viertens sollten sich Staaten um internationale Blockfreiheit bemühen. Diese Grundsätze wurden im sozialistischen Ostblock als Revisionismus abgelehnt und scharf attackiert.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 133." /> Daneben gilt als weiterer wichtiger Pfeiler der titoistischen Ideologie der Interessenausgleich zwischen den Teilnationalitäten des jugoslawischen Staatsverbands.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 166." /> Bemerkenswert am 7. Kongress, der in seiner Stoßrichtung von der sowjetischen Entstalinisierung der Chruschtschow’schen Geheimrede von 1956 ermöglicht worden waren, war es, dass die Reformversprechen in etwa den Thesen von Milovan Đilas entsprachen, der für eben diese Thesen im Gefängnis saß.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 114." />
Die Herausforderung der Parteilinie durch die Studentenbewegung (1968), die sich in die Tradition der oppositionellen Praxis-Gruppe (1963) stellte, konnte zunächst mit Verweis auf die Bedrohung Jugoslawiens durch die sowjetische Intervention gegen den Prager Frühling (1968) noch vertagt werden.<ref name="Calic 2014" details="S. 233–236." /> Zwischen 1967 und 1971 unternahm die Parteiführung umfangreiche Verfassungsreformen, um den Zusammenhalt des Staatsverbandes zu stärken.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 186–187." /> Öffentliche Reformdebatten kehrten jedoch spätestens mit dem „Kroatischen Frühling“ (1971) zurück.<ref name="Calic 2014" details="S. 251–252." /> In der Folge fasste Tito wieder stärker zentralistische und autoritäre Reformen ins Auge; 1973 wurde die Autonomie der regionalen Medien stark beschränkt und im Jahr 1975 ein restriktives Strafgesetz entlassen. Im Jahr 1975 hatte Jugoslawien nach der Sowjetunion und Albanien den weltweit dritthöchsten Bevölkerungsanteil politischer Gefangener.<ref name="Calic 2014" details="S. 257." />
Das Projekt des Jugoslawismus hatte im Verlauf der 1960er-Jahre schweren Schaden genommen. Bei der Volkszählung 1971 tauchte bei den Auswahlmöglichkeiten zur Volkszugehörigkeit die Option »Jugoslawe« nur noch mit Anführungszeichen und an letzter Stelle auf.<ref name="Calic 2014" details="S. 254." />
Teilrepubliken und Nationalitätenkonflikte unter Tito
Das sozialistische Jugoslawien wurde in sechs Teilrepubliken gespalten: SR Slowenien, SR Kroatien, SR Bosnien und Herzegowina, SR Serbien, SR Montenegro und SR Mazedonien. Fünf dieser Republiken waren jeweils einem der fünf ursprünglich anerkannten Staatsvölker (Slowenen, Kroaten, Serben, Montenegriner, Mazedonen) zugeordnet. Lediglich Bosnien-Herzegowina erhielt bereits im Krieg den Sonderstatus, dass das Land keiner seiner drei Hauptbevölkerungsgruppen (Serben, Kroaten, Slawische Muslime) zugeordnet sein solle, sondern allen drei Völkern gleichermaßen gehören solle. Den Slawischen Muslimen blieb zwar zunächst der Status als Staatsvolk verwehrt, aber immerhin waren sie in die trinationale Konzeption der SR Bosnien-Herzegowina explizit eingeschlossen.<ref name="Calic 2014" details="S. 180–181." /> Trotz der formellen Stellung der jeweiligen Hauptvölker hatten alle Republiken außer dem sehr homogenen Slowenien gemeinsam, dass die Bevölkerungen stark ethnisch durchmischt waren, wodurch die ethnischen und politischen Grenzen inkongruent waren.<ref name="Calic 2014" details="S. 254." /> In Kroatien waren Kroaten nur 78 % der Bevölkerung, in Mazedonien die Mazedonier lediglich 66 %.<ref name="Calic 2014" details="S. 180–181." />
Nachdem die Verfassung von 1946 eine bikamerale Struktur mit einem Nationalitätenrat als Oberhaus eingerichtet hatte, wurde dieser in den Verfassungsreformen von 1953 zunächst abgeschafft und dem Unterhaus, dem Jugoslawischen Bundesrat, angegliedert, während der Produzentenrat die Stellung des Oberhauses annahm. Der Nationalitätenrat war in der Verfassungsordnung nach 1953 nur noch eine Abteilung des Bundesrats, der ein aufschiebendes Vetorecht bei Verfassungsänderungen mit Bezug auf die Teilrepubliken hatte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 110." /> Die Verfassung von 1963 ließ dieses Arrangement zunächst unverändert, bis die Verfassungsreformen von 1967 den Nationalitätenrat mit umfangreichen Vetorechten ausstattete und als wichtigste Kammer des Parlaments etablierte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 187." />
Regelung in Mazedonien
Schon während des Krieges hatte sich die KPJ mit Nationalitätenfragen befasst. Die Mazedonienfrage und die Zugehörigkeit der zwischen Belgrad, Sofia und Athen umstrittenen Mazedonier sollte dadurch gelöst werden, den Mazedoniern eine eigene Teilrepublik innerhalb Jugoslawiens zu geben.<ref name="Calic 2014" details="S. 180." /> Im August 1944 war die ASNOM als nordmazedonischer Ableger des AVNOJ gegründet worden.<ref name=":0" details="S. 88." /> Die Kommunisten hatten damit eine Politik verfolgt, die sie erstmals 1937 beworben hatten. Die KPJ betrieb ein aktives Programm zur Förderung mazedonischen Nationalgefühls und förderte eine neu kodifizierte mazedonische Sprache, um die Mazedonen stärker von den Bulgaren zu trennen und damit bulgarische Gebietsansprüche auf Mazedonien abzuschwächen.<ref name="Calic 2014" details="S. 180." />
Regelung im Kosovo und in der Vojvodina
Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden. Noch unangenehmer für die KPJ als die Situation in Nordmazedonien war gegen Kriegsende die Einstellung der kosovoalbanischen Kommunisten, die zur Jahreswende 1943/1944 Unterstützung für eine Angliederung des Kosovo an Albanien verkündet hatten.<ref name="Calic 2014" details="S. 180." /> Viele Albaner hatten mit dem von Italien und dem Deutschen Reich gestützten Königreich Albanien sympathisiert, welches auch den Kosovo umfasst hatte. Anfang 1945 erschütterte ein schwerer antikommunistischer Aufstand den Kosovo.<ref name=":0" details="S. 88." /> Tito versuchte, mit der Errichtung einer „Autonomen Region Kosovo und Metohija“ am 2. September 1945 innerhalb der SR Serbien einen Kompromiss zwischen serbischen Herrschaftsansprüchen und kosovoalbanischem Sezessionismus zu finden. Die Verfassung der Teilrepublik Serbien im Jahr 1947 gab den autonomen Regionen Kosovo-Metohija und Vojvodina das Recht auf eigene verfassungsähnliche Statute, die aber mit den Verfassungen Jugoslawiens und Serbiens kohärent sein müssten. Kosovo-Metohija gab sich im Jahr 1948 ein solches Statut, welches aber der Regierung der SR Serbien umfangreiche Vetorechte in der Autonomen Region gab, inklusive des Rechts, den Regionalen Volksrat der Provinz aufzulösen. Die Kosovoalbaner hatten von Anfang an mit starker systemischer Diskriminierung zu kämpfen; wo die Autonome Republik Vojvodina sogar einen eigenen obersten Gerichtshof unterhalten durfte, wurde die Selbstständigkeit der Judikative in Kosovo-Metohija stark unterdrückt.<ref name=":15" details="S. 70–72."></ref>
Die Verfassungsreformen von 1968 zur Verfassung von 1963 brachte für die beiden autonomen Provinzen größere Autonomierechte mit sich. Erstmals wurde es den ethnischen Minderheiten erlaubt, die albanische Flagge bzw. die ungarische Flagge zu hissen.<ref name="Calic 2014" details="S. 231." /> Die bisherige „Autonome Region Kosovo und Metohija“ wurde zur „Autonomen Sozialistischen Republik Kosovo“ umbenannt.<ref name=":15" details="S. 75–76." />
Die Verfassung von 1974 verstärkte die Autonomie der beiden Autonomen Republiken noch weiter, indem sie sie zu Bestandteilen des jugoslawischen Staatsverbands statt nur ihrer Mutterrepublik Serbien erklärte und damit ihre Grenzen und Verwaltungsorgane festschrieb. Trotzdem blieb ein Qualitätsunterschied zwischen den Teilrepubliken und den Autonomen Republiken, die keine Flagge und kein Wappen führen durften und auch keine nationale Identität zugesprochen bekamen, sondern stattdessen als selbstverwaltende Gemeinden ihrer jeweiligen Bevölkerungen galten.<ref name=":15" details="S. 76–77." />
Kroatischer Frühling 1971
1971 erschütterte der „Kroatischen Frühling“ das innenpolitische Klima Jugoslawiens, als das ZK des kroatischen BdKJ schwere Vorwürfe gegen „unitaristisch-zentralistische Kräfte“ innerhalb der Partei erhob. Die kroatische Parteiführung hatte bereits seit Anfang 1970 einen größeren Autonomiekurs von der Zentralregierung verfolgt und forderte jetzt eine Erweiterung sihrer Finanzautonomie und eine Reform des Außenhandels. Als Tito die Republiken zur Beratung zusammenrief, meldete Serbien Bedenken wegen der Autonomie seiner Provinzen an, während die Delegationen aus Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien sich über die innerjugoslawischen Beziehungen der Teilrepubliken beschwerten.<ref name="Calic 2014" details="S. 251–252." />
Die kroatische Parteiführung unter Savka Dabčević-Kučar setzte gezielt auf Öffentlichkeitsarbeit, um die eigenen Forderungen im Volk bekannt und populär zu machen. Die Massenbewegung MASPOK, die Kulturorganisation Matica hrvatska, die Wochenzeitschrift Hrvatski tjednik und kroatische Studentengruppierung zeigten sich öffentlichkeitswirksam einig in ihren Forderungen nach größerer kroatischer Autonomie, die in Einzelfällen sogar eine eigene Armee und Außenpolitik oder Grenzrevisionen zugunsten Kroatiens entlang der Grenze mit Bosnien-Herzegowina forderten. Die kroatischen Wortführer beklagten sich über vermeintlichen Kulturverlust, nationale Diskriminierung, Überfremdung und die Emigration kroatischer Gastarbeiter. Dabčević-Kučar forderte die verfassungsmäßige Festschreibung der Republik als kroatischen Nationalstaat und die Verringerung des vermeintlichen zu hohen Anteils an Nicht-Kroaten an der Polizei, im Offizierskorps der Armee und in der höheren Verwaltung. Politiker wie Marko Veselica und der spätere Staatspräsident Franjo Tuđman profilierten sich in dieser Phase mit nationalistischen Ansprachen. Die Tendenz der kroatischen Parteiführung, für alle Probleme der frühen 1970er-Jahre einen vermeintlichen Belgrader Zentralismus zum Sündenbock zu machen, sorgte selbst unter ausländischen Diplomaten für internationale Belustigung.<ref name="Calic 2014" details="S. 251–253." />
Tito zitierte die kroatische Parteiführung im Dezember 1971 nach Karađorđevo, wo er die nationalistische Agitation der kroatischen Parteiführung aufs schärfste kritisierte und dann Dabčević-Kučar aus ihrem Amt entließ. Es folgte eine Säuberung der kroatischen Partei, während derer 741 Parteimitglieder ausgeschlossen und 411 ihrer Posten enthoben wurden. Die „Zagreber Elf“, zu denen auch Franjo Tuđman gehörte, mussten sich vor Gericht verantworten. Darüber hinaus nutzte Tito die Chance, auch die zunehmend wirtschaftsliberale Parteiführung in Serbien zu säubern. Die serbischen Parteiführer Marko Nikezić und Latinka Perović wurden aus ihren Ämtern verdrängt. Als letztes regionalpolitisches Opfer der Säuberungen der frühen 1970er wurde schließlich im Jahr 1972 auch Stane Kavčič, der liberalistisch gesinnte Parteichef in Slowenien, aus seinem Amt entfernt.<ref name="Calic 2014" details="S. 253–254." />
Bildung unter Tito
Nach 1945 wurden vermutete Kollaborateure aus dem Dienst an jugoslawischen Universitäten ausgeschlossen.<ref name="Calic 2014" details="S. 238." />
Das sozialistische Jugoslawien unternahm auf allen Ebenen Anstrengungen zum Ausbau des Bildungswesens.<ref name="Calic 2014" details="S. 187." /> Die Bildungs- und Kulturausgaben stiegen von 2,6 % (1947) auf 4,7 % (1950) des Bruttosozialprodukts.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 161." /> Ein großer Fokus lag auf der Alphabetisierung der Landbevölkerung und der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht. Im Sinne des kommunistischen Agitprop sollte die Bevölkerung eine Unterrichtung mit sozialistischen Inhalten erfahren. Das neue Bildungssystem enthielt Marxismus, Humanismus, Solidarität, die Gleichberechtigung der Geschlechter, Heimatverbundenheit, Patriotismus und die nationale Einheit Jugoslawiens als zentrale Bildungsinhalte. Religiöse Inhalte sollten hingegen unterdrückt werden, da die Religion als potenzieller Streitfaktor der Nationalitäten galt und der Klerus für eine antikommunistische Gesellschaftsschicht gehalten wurde.<ref name="Calic 2014" details="S. 187." />
Zur selben Zeit wurde die achtjährige Schulpflicht eingeführt. Die Analphabetenquote sank während der titoistischen Herrschaft deutlich: von mehr als 50 % (1945)<ref name="Calic 2014" details="S. 221." /> auf etwa 25 % (1948),<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 161." /> danach unter 20 % (1961)<ref name="Calic 2014" details="S. 221." /> und zuletzt auf etwa 9,5 % (1981).<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 161." /> Knapp zwei Millionen Erwachsene beteiligten sich zwischen 1945 und 1950 an Alphabetisierungskursen. Im gleichen Zeitraum wurden ~2500 neue Schulen gebaut.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 161." /> Allerdings blieb auch beim Bildungsstand das starke Nord-Süd-Gefälle bestehen. So gab es in den 1980er Jahren in Slowenien eine Analphabetenrate von unter 1 %, während im Kosovo über 17 % der Jugendlichen und Erwachsenen Analphabeten waren.<ref name="Calic 2014" details="S. 272." /> Die Alphabetisierungsrate war auch geschlechterungleich verteilt: Im Jahr 1948 waren 11 % der Männer und 30 % der Frauen Analphabeten. Die beiden Quoten sanken bis 1981 auf 4,1 % der Männer und 14,7 % der Frauen. Besonders hoch war der weibliche Analphabetismus im Kosovo (26 %) und in Bosnien-Herzegowina (23 %).<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 161–162." />
Kernstück des Bildungswesens war die achtjährige allgemeinbildende Grundschule, auf die je nach Bildungsgang das vierjährige Gymnasium oder zwei bis drei Jahre Fachschule folgte. 1974 wurde die weiterführende Ausbildung grundlegend reformiert. Die bestehenden mittleren Fachschulen und Gymnasien wurden zu Mittelschulzentren zusammengefasst. Der neue Schultyp war kein Erfolg. Das Ausbildungsniveau sank wegen zu starker Fächeraufsplitterung und der ausufernden Selbstverwaltungsbürokratie. Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen kehrte man daher seit 1989 in den einzelnen Teilrepubliken wieder zu voneinander getrennten Gymnasien und Berufsschulen zurück.<ref>Peter Rehder (Hrsg.): Das neue Osteuropa von A-Z. Artikel Jugoslawien. München 1993, S. 289.
Conditions, problems and policy of education in Yugoslavia, hrsg. v. Organisation for Economic Cooperation and Development, Directorate for Social Affairs, Manpower and Education. Paris 1981.
Nikša Nikola Šoljan (Hrsg.): Higher education in Yugoslavia. Zagreb 1989, ISBN 86-7273-007-0.</ref>
Wo es im Königreich Jugoslawien insgesamt 30 höhere Bildungseinrichtungen gegeben hatte, von denen lediglich drei Universitäten waren (Belgrad, Zagreb, Ljubljana), wurde im sozialistischen Jugoslawien bis 1980 die Zahl der höheren Bildungseinrichtungen auf 356 mehr als verzehnfacht. Die Zahl der Studenten erhöhte sich von Vorkriegswerten von 17.000 Männern und 4000 Frauen auf 224.000 männliche und 187.000 weibliche Studenten im Jahr 1980. Die Zahl der Absolventen der Fachschule vervierfachte sich zwischen 1953 und 1981, während die Zahl der Universitätsabsolventen sich verfünffachte. Der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung stieg von 0,6 % (1953) auf 5,6 % (1981), der Anteil der Akademikerinnen an der weiblichen Bevölkerung im gleichen Zeitraum von 0,3 % auf 4 %. Die jährliche Zahl von Frauen mit neuerworbenen Doktortiteln stieg von sechs (1939) auf über 200 (1981).<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 161–162." />
Kultur und Intellektualismus unter Tito
Die frühe von der Staatsmacht vorgeschriebene kulturelle Stoßrichtung des jugoslawischen Staates stand ganz im Zeichen der Einheit der südslawischen Völker, die freiwillig in einem gemeinsamen Staat leben sollten, ohne von diesem zu einer gemeinsamen Ethnie zwangsverschmolzen werden zu müssen. Die im Jahr 1945 ausgewählte Nationalhymne Hej Sloveni bediente sich bewusst am Panslawismus des 19. Jahrhunderts.<ref name="Calic 2014" details="S. 182." />
Die 1960er-Jahre waren eine für Kulturschaffende ergiebige Zeit, die vom jugoslawischen Filmemacher Želimir Žilnik als „reifer Titoismus“ bezeichnet wurde.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 159." /> Obwohl die Staatsmacht oft auf das Mittel der Zensur zurückgriff, waren Berufsverbote im Stil der Sowjetunion in Jugoslawien eine Ausnahme. Žilnik erhielt im Jahr 1969 den Goldenen Bären für seine oft pessimistische filmische Aufarbeitung der jugoslawischen Lebensrealität. Als Dušan Makavejev im Jahr 1971 mit Wilhelm Reich: Mysterien des Organismus jedoch einen Preis bei den Festspielen von Cannes gewann, wurde die Aufführung seines Films in Jugoslawien wegen der Verspottung der Jugoslawischen Volksarmee untersagt. Autoren wie Slobodan Selenić und Dragoslav Mihailović verarbeiteten ihre negativen Erfahrungen mit der Staatsmacht in ihren Texten.<ref name="Calic 2014" details="S. 233." />
Die im Jahr 1963 konstituierte Praxis-Gruppe konterte die Parteilinie mit Forderungen nach einem undogmatischen Marxismus. Die Gruppe bestand aus wichtigen jugoslawischen Intellektuellen (Gajo Petrović, Milan Kangrga, Predrag Vranicki, Mihailo Marković, Ljubomir Tadić, Svetozar Stojanović, Veljko Rus, Žarko Puhovski), die ähnlichen linksintellektuellen Gruppierungen wie den Praktikern der Kritischen Theorie in Westdeutschland nahestanden. Im Jahr 1964 entstand die Zeitung Praxis, zu deren Beirat auch wichtige internationale Intellektuelle (Jürgen Habermas, Ernst Bloch, Leszek Kołakowski, Henri Lefebvre, Georg Lukács, Herbert Marcuse) gehörten und die sich inhaltlich mit reformmarxistischen Überlegungen auf der Basis von Denkern wie Jean-Paul Sartre, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Isaac Deutscher befasste.<ref name="Calic 2014" details="S. 233." />
Im Jahr 1968 erlebte auch Jugoslawien seinen Ableger der Studentenbewegung. Nachdem es am 2. Juni 1968 bei einem Popkonzert in Belgrad-Neustadt zu einer Massenschlägerei zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen war, besetzten Studenten am 3. Juni das Gebäude der Universität Belgrad und riefen eine „Rote Universität Karl Marx“ aus. Bereits am Folgetag griffen die Proteste auf Ljubljana, Zagreb und Sarajevo über. Die Demonstranten, mit denen sich viele Intellektuelle solidarisierten, beklagten Parteikorruption sowie Lokalismus und forderten größere demokratische Beteiligung, soziale Gerechtigkeit und Universitätsreformen. Die Parteielite wurde von den Studenten als „rote Bourgeoisie“ denunziert und ein genuiner Sozialismus gefordert. Tito wandte sich am 9. Juni 1968 in einer Radio- und Fernsehansprache an die Bevölkerung, in der er Fehler der Regierung einräumte und Besserungen versprach. Nach der Ansprache entspannte sich die angeheizte Stimmung auf den Straßen der Großstädte. Die jugoslawische Regierung konnte tiefgreifende Reformen jedoch auch vor dem Hintergrund der sowjetischen Intervention in Prag im August 1968 umgehen, da die äußere Bedrohung durch die Sowjetunion die innenpolitischen Reformforderungen zeitweise zurückstellte.<ref name="Calic 2014" details="S. 234–236." />
Spätestens in den 1970er-Jahren zeigte sich immer stärker der steigende Einfluss des politischen und kulturellen Nationalismus der einzelnen Völker. Der kulturelle Jugoslawismus war stark angeschlagen. Der serbische Philosophieprofessor Mihailo Đurić erregte im März 1971 Aufsehen, als er offen über die Möglichkeit eines Zerfalls Jugoslawiens sprach und für diesen Fall forderte, dass die Grenzen Serbiens um die serbischen Minderheitsgebiete in den Nachbarrepubliken erweitert werden müssten. Đurić wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, durfte aber später an seine Professur zurückkehren.<ref name="Calic 2014" details="S. 254." />
In den 1970ern nahm die gesellschaftliche Repression in Jugoslawien wieder zu. Die Filme der Schwarzen Welle und die Bücher von Schriftstellern wie Dobrica Ćosić wurden jetzt häufiger zensiert, Zeitschriften wie Praxis und Filosofija verboten und Universitätsprofessoren wie Mihailo Marković, Ljubomir Tadić und Dragoljub Mićunović im Jahr 1975 von ihren Lehrstühlen verdrängt. Die unterdrückten Oppositionellen beantworteten diese Zensur mit erzürnten Verweisen auf die Garantien der Meinungsfreiheit in der von Jugoslawien mitgesponsorten KSZE-Schlussakte 1975 und organisierten ab 1976 sogenannte fliegende Universitäten mit Vortragsreihen in Privatwohnungen.<ref name="Calic 2014" details="S. 258." />
Trotz der wirtschaftlichen Schwächephase und der politischen Repression hatte die Regierung immer noch viel Rückhalt in der Bevölkerung. Der Liedermacher Đorđe Balašević landete 1978 mit seinem regierungstreuen Lied Računajte na nas ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) einen Megahit.<ref name="Calic 2014" details="S. 258." />
Religion unter Tito
Die jugoslawische Verfassung von 1946 schrieb in Artikel 25 die Trennung von Kirche und Staat fest, auch wenn der ‚Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken und die Aufstachelung zum Völkerhass‘ explizit unter Strafe gestellt wurde und der regelmäßige Gottesdienstbesuch für Parteimitglieder ein Grund zum Parteiausschluss war. Religiöse Feiertage (Weihnachten, Ostern, Georgstag, Pasah, Bajram) blieben ebenso erlaubt wie Figuren wie Väterchen Frost und Sankt Nikolaus, doch die neue Regierung organisierte zu hohen Feiertagen gezielt explizit säkulare Treffen und Feste, um den Religionsgemeinschaften die Teilnehmer abzugraben.<ref name="Calic 2014" details="S. 187–188." /> Schon früh geriet die neue kommunistische Staatsmacht mit dem religiösen Establishment aneinander. Der öffentlichkeitswirksame Kriegsverbrecherprozess gegen den katholischen Bischof Alojzije Stepinac verärgerte den katholischen Klerus, während der spätere bosnisch-herzegowinische Präsident Alija Izetbegović für religiöses Engagement in der Organisation »Junge Muslime« zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.<ref name=":0" details="S. 86." /> Besonders stark ging die jugoslawische Regierung gegen die religiösen Institutionen und Bräuche der muslimischen Glaubensgemeinschaft vor; die Scharia wurde zurückgedrängt, islamische religiöse Stiftungen und Schulen geschlossen und die Frauenverschleierung verboten.<ref name="Calic 2014" details="S. 188." />
Durch die Einschnitte in die religiöse Autonomie in der Freizeitgestaltung sowie der Schul-, Ehe- und Familienpolitik machte sich die jugoslawische Regierung die religiösen Eliten zum Feind. Zu einem besonders erbitterten und mächtigen Gegner wurde der Vatikan, der im Jahr 1949 per Dekret jedem Mitglied der KPJ die Exkommunikation androhte. Im Stepinac-Prozess stellte sich die katholische Welt weitgehend hinter den als Kriegsverbrecher angeklagten Bischof, dem der Papst im Jahr 1952 zum Ärger der jugoslawischen Regierung die Erhebung zum Kardinal versprach. Daraufhin brach Jugoslawien die diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl ab.<ref name="Calic 2014" details="S. 188." />
Durch die Gründung von staatlich gelenkten „Priestervereinigungen“ versuchte das Regime Einfluss auf den Klerus der beiden christlichen Kirchen sowie auf die islamischen Imame zu bekommen. Die „Bundeskommission für religiöse Fragen“ stellte ein staatliches Machtinstrument dar. Dies gelang bei den Katholiken weniger als bei den Orthodoxen, denn Letztere waren stärker auf die staatlichen Gehaltszahlungen angewiesen und wegen ihrer Familien auch erpressbarer durch das Regime. Dahingehend waren die weitgehend autonomen Strukturen der Katholiken eher in der Lage, ihre Priesterschaft unabhängig zu halten. Selbst das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965), welches die katholische Priesterschaft explizit zu Werten von Demokratie, Menschenrechten, Pluralismus und Religionsfreiheit aufforderte, hatte auf die nationalpolitische Auslegung des Katholizismus durch viele kroatische Priester nur wenig Einfluss. Die beiden christlichen Kirchen verstanden sich auch noch in den 1960ern als nationale Institutionen mit engen Bindungen an ihre jeweiligen Teilrepubliken. Nicht einmal Opposition gegen die atheistische und antireligiöse Grundhaltung der kommunistischen Regierung vermochte es, die nationalen Ressentiments zwischen den beiden christlichen Kirchen zu kitten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 167–168." />
Für die muslimische Glaubensgemeinschaft, die neben 1,5 Millionen bosnischen Muslimen noch einmal 250.000 „Slawische Muslime“ außerhalb Bosnien-Herzegowinas sowie weitere 1,4 Millionen Kosovoalbaner, Türken und Roma kamen,<ref name="Calic 2014" details="S. 244." /> bedeutete die Tito-Zeit politische Anerkennung und eine gewisse Selbstständigkeit. Die Zahl der aktiven Moscheen mit Minarett in Bosnien stieg von 677 (1949) auf 1074 (1970). Die Amtszeit des jugoslawischen Großmuftis Sulejman Kemura zwischen 1957 und 1975 wird auch als „islamische Wiedergeburt“ bezeichnet. Die Imame profitierten auch von der jugoslawischen Außenpolitik der Blockfreiheit, die zunehmend auf Kooperation mit mehrheitlich muslimischen Staaten ausgerichtet war. Eine wachsende Zahl von Auslandsstudenten aus Ägypten, Jordanien, Syrien und anderen Ländern der arabischen Welt beeinflussten den bosnischen Islam. Trotzdem blieb die religiöse Kultur Bosnien-Herzegowinas von der lange etablierten Position des Sufismus geprägt, wodurch Volksnähe, religiöse Toleranz und ein großer Mystizismus Hindernisse für einen genuinen fundamentalen Islamismus darstellten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 168–169." /> Anders als beim Klerus der christlichen Kirchen waren die muslimischen Imame fast ausnahmslos projugoslawisch eingestellt.<ref name="Calic 2014" details="S. 244." />
Besonders in Serbien setzte eine Säkularisierung ein, weil die Zahl der Gläubigen stark rückläufig war.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 167–168." />
Aus nationalpolitischen Gründen förderte der BdKJ die Gründung einer neuen Kirche. Die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche mit dem Erzbistum Ohrid erklärte sich im Jahr 1958 für von der serbischen Kirche unabhängig, was der serbische Klerus auf Druck der kommunistischen Partei im Jahr 1967 anerkannte. Die separate Existenz einer eigenen Kirche sollte das von den Kommunisten gezielt geförderte mazedonische Nationalbewusstsein stärken.<ref name="Calic 2014" details="S. 243." />
1966 unterzeichneten Jugoslawien und der Heilige Stuhl ein Protokoll (kein formales Konkordat), in dem das päpstliche Jurisdiktionsrecht über die katholischen Bistümer anerkannt und freie Religionsausübung für die Katholiken zugestanden wurden. Im Jahr 1970 nahm die jugoslawische Regierung wieder formelle diplomatische Beziehungen mit dem Vatikan auf, nachdem diese 1952 abgebrochen worden waren.<ref name="Calic 2014" details="S. 188, 216–217." /> Das Verhältnis von katholischer Kirche und dem Staat blieb gleichwohl schwierig. Eine große Kontroverse löste 1981 der Zagreber Erzbischof Franjo Kuharić aus, der sich für die Seligsprechung von Alojzije Stepinac engagierte.<ref name=":6" details="S. 59." />
Demographie unter Tito
| Ethnische Struktur der SRFJ, 1971<ref>Slobodan Stanković: Final Results of Yugoslavia's 1971 Census, 1973 bei Radio Free Europe, auf der Grundlage eines Artikels in der jugoslawischen Parteizeitung Politika.</ref> | ||
|---|---|---|
| Nationen („Staatsvölker“) | ||
| Serben | 8,14 Mio. | 39,7 % |
| Kroaten | 4,53 Mio. | 22,1 % |
| Slowenen | 1,68 Mio. | 8,15 % |
| Slawische Muslime (Bosniaken) | 1,73 Mio. | 8,4 % |
| Mazedonier | 1,19 Mio. | 5,8 % |
| Montenegriner | 509.000 | 2,5 % |
| Nationalitäten (nichtjugoslawische Minderheiten) | ||
| Magyaren | 479.000 | 2,3 % |
| Albaner | 1,31 Mio. | 6,5 % |
| Andere Nationalitäten<ref>Tschechen, Slowaken, Ruthenen, Bulgaren, Rumänen u. a.</ref> | 270.000 | 1,35 % |
| 20,52 Mio.<ref>Über 3 Prozent der Staatsbürger (656.000 Menschen) machten keine Angaben zur nationalen Zugehörigkeit oder bezeichneten sich als Jugoslawen.</ref> | 100 % | |
Vom Kriegsende bis in die sechziger Jahre gab es in allen Teilen Jugoslawiens ein hohes Bevölkerungswachstum und Geburtenraten von mehr als drei Kindern je Frau, so dass die Kriegsverluste zahlenmäßig rasch ausgeglichen waren. Die Familienplanung der 1960er-Jahre führte zu einer drastischen Abnahme der Geburtenraten. Das Heiratsalter stieg, die Familien wurden kleiner und der Bevölkerungszuwachs halbierte sich von 1,47 % (1948) auf 0,75 % (1981). Hierbei zeigte sich in der Demographie wieder der Nord-Süd-Gegensatz: Das demographische Muster in Slowenien entsprach mit einer niedrigen Geburtenrate, einer hohen Lebenserwartung und einem großen Anteil der mittleren und älteren Generationen an der Gesamtbevölkerung etwa dem westeuropäischen Standard, während insbesondere der Kosovo mit hohen Geburtenraten eine sehr junge Altersstruktur vorwies.<ref name="Calic 2014" details="S. 218." />
Dass der Anteil der Kosovoalbaner an der Gesamtbevölkerung des Kosovo wegen der nach Ethnie verschiedenen Geburtenraten von 74 % (1971) auf 77,4 % (1981) stieg, heizte serbische Narrative über eine absichtliche Verdrängung aus dem Kosovo durch die Albaner an.<ref name=":0" details="S. 143–144." />
Sport unter Tito
Jugoslawien war Teilnehmer und Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft 1976, in welcher sich die tschechoslowakische Nationalmannschaft im Finale mit einem später nach dem Schützen Antonín Panenka benannten Strafstoß gegen die westdeutsche Auswahl durchsetzte. Von den vier Teilnehmern beendete die jugoslawische Mannschaft das Turnier auf dem vierten und letzten Platz, da sie erst im Halbfinale der Tschechoslowakei mit 1:3 n. V. unterlag und dann das Spiel um Platz 3 mit 2:3 n. V. gegen die Niederlande verlor.<ref>EURO 1976: Alles, was Ihr wissen müsst. In: de.uefa.com. UEFA, 18. März 2020, abgerufen am 16. Januar 2026.</ref>
Wirtschaftspolitik unter Tito
Wiederaufbauprojekte
Unmittelbar nach Kriegsende hatte die jugoslawische Regierung mit großen Kriegsschäden umzugehen. Unter dem Motto »Wiederaufbau ohne Rast!« (Nema odmora dok traje obnova!) gingen hunderte Arbeitsbrigaden an die Arbeit. Etwa 1,3 Millionen Jugendliche und junge Erwachsene leisteten gemeinsam insgesamt mehr als 60 Millionen unbezahlte Arbeitsstunden und betätigten sich an der Reparatur von Brücken und Straßen, dem Bau von Wohnhäusern, Schulen und Sportanlagen, in der Brennholzsammlung und der Erntearbeit und bauten zwischen 1945 und 1952 elf Eisenbahnlinien, 14 Industriebetriebe und den Abschnitt Belgrad–Zagreb der Autoput (M1), der wichtigsten Fernstraße des Landes.<ref name="Calic 2014" details="S. 184–185." />
Jugoslawien war ein Profiteur der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA) und auf westliche Wiederaufbauhilfen angewiesen. Trotzdem lehnte die auf Eigenständigkeit bedachte sowjetische Regierung im Juni 1947 eine Beteiligung am amerikanischen Marshallplan ab.<ref name=":0" details="S. 90–91." />
Stalinistische Wirtschaftspolitik
Gemäß den AVNOJ-Beschlüssen begannen auch die Enteignungen und Verstaatlichungen der jugoslawischen Unternehmen. Schon in einem Beschluss vom November 1944 hatte der AVNOJ über 80 % des Privateigentums in den Schlüsselindustrien beschlagnahmt. Das »Gesetz über Landreform und Kolonisierung« (August 1945) legalisierte die Konfiszierung des agrarischen Grundbesitzes und beschränkte Bauernwirtschaften auf maximal 25 bis 35 Hektar. Hauptverlierer waren die Banken, Kirchen, Klöster und Großgrundbesitzer der Vorkriegszeit sowie die gesamte Volksgruppe der Jugoslawiendeutschen, die in den AVNOJ-Beschlüssen gezielt entrechtet wurden.<ref name="Calic 2014" details="S. 185." /> Alle privaten Bauernhöfe über 25 Hektar sowie alle Betriebe über 45 Hektar wurden verstaatlicht, wodurch 1,57 Millionen Hektar Land in Staatsbesitz übergingen.<ref name=":0" details="S. 90–91." /> Die Hälfte der konfiszierten Ländereien ging an ~300.000 Veteranen und landlose Kleinbauern,<ref name="Calic 2014" details="S. 185." /> wobei letztere 43 % der Begünstigten ausmachten. Jene, die im Krieg die Partisanen unterstützt hatten, wurden bevorzugt behandelt. Die umverteilten Parzellen waren mit durchschnittlich drei Hektar sehr klein.<ref name=":0" details="S. 91." /> Die andere Hälfte des beschlagnahmten Landes ging an Staatsbetriebe und Kooperativen.<ref name="Calic 2014" details="S. 185." />
Ab November 1946 wurden Industrie, Bankwesen und Großhandel offiziell verstaatlicht, wobei nur Bauernwirtschaften, Handwerksbetriebe und Wohnhäuser von den Reformen ausgeklammert waren.<ref name="Calic 2014" details="S. 185." />
Am 28. April 1947 beschloss die Parteiführung einen Fünfjahresplan,<ref name=":0" details="S. xv–xviii („Chronology of Events“)." /> wodurch gigantische wirtschaftliche Wachstumsziele gesetzt wurden. Die Industrieproduktion sollte um 400 % und die Landwirtschaft um 150 % wachsen. 200 verschiedene Großprojekte sollten durchgeführt und zu ihrer Umsetzung die Zahl der gelernten Arbeiter verdoppelt werden. Der Plan folgte dem sowjetischen Vorbild einer beschleunigten autarken Industrialisierung. Um wirtschaftspolitisch völlig unabhängig zu bleiben, lehnte die jugoslawische Regierung im Juni 1947 sogar Aufbauhilfen aus dem US-amerikanischen Marshallplan ab. Andererseits trat die Partei aber der im September 1947 unter sowjetischen Führung gegründeten Kominform bei.<ref name=":0" details="S. 90–91." />
Der mit dem Fünfjahresplan befasste slowenische Politbüro-Politiker Boris Kidrič verteidigte den Standpunkt, dass die schnelle Industrialisierung zulasten der Bauernschicht kommen würde und müsste. Dazu sollte die »Otkup«, eine feste Getreideabgabequote, durchgesetzt werden.<ref name=":0" details="S. 90–91." /> Die Otkup sicherte dem Staat günstige Getreideankäufe, verärgerte aber aufgrund des geringen Gewinns die Bauernschaft, weswegen der Schwarzmarkt florierte. Kernelement der Industrialisierungspolitik war ein Urbanisierungsschub; kommunistische Funktionäre gingen in die Dörfer, um dort durch Angebote oder Drohungen Binnenmigration in die Städte zu gewinnen. Zwischen 1945 und 1953 verließen 1,5 Millionen Jugoslawen ihre dörfliche Umgebung und zogen in die Großstädte. Weitere ~800.000 wurden zu Nebenerwerbsarbeitern oder Pendlern.<ref name="Calic 2014" details="S. 185–186." /> Die Bauern waren nicht bereit, sich der Herrschaft der kommunistischen Kader einfach zu fügen; kleinere Aufstände und Unruhen sowie hunderte Festnahmen waren die Folge.<ref name=":0" details="S. 90–91." /> Im Januar 1949 befahl die Partei die Beschleunigung der landwirtschaftlichen Kollektivierung, wobei es sich nicht mehr primär um ein außenpolitisches Signal an das seit 1948 mit Belgrad verfeindete Moskau, sondern umso mehr um eine innenpolitische Bemühung zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft handelte.<ref name=":0" details="S. 95." /> Eine schwere Dürre im Jahr 1950 brachte die Kollektivierungswelle de facto zu ihrem Ende.<ref name=":0" details="S. 91." /> Mehr als 700 muslimische und serbische Bauern, zu denen auch einige ehemalige Partisanen gehörten, erhoben sich am 6. Mai 1950 in einem Aufstand gegen die Kollektivierung im Raum Cazin–Slunj–Velika Kladuša. Dieser Aufstand beschleunigte den Prozess des Umdenkens in der Partei über die Kollektivierungspolitik.<ref name="Calic 2014" details="S. 199." /> Offiziell wurde die Politik erst 1953 abgeschafft,<ref name=":0" details="S. 96." /> aber die unpopuläre Otkup wurde bereits 1952 gestrichen.<ref name="Calic 2014" details="S. 199." />
Selbstverwalterische Wende
Der Streit zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion und der Ausschluss aus der Kominform führten für die jugoslawische Wirtschaft zu einer schweren Krise, nachdem das Land zu Beginn des Jahres 1949 aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe ausgeschlossen und mit einer Handelsblockade der Ostblockstaaten belegt worden war. Dass Jugoslawien neben dem Handelsembargo auch noch mit einer schweren Dürre im Jahr 1950 zu kämpfen hatte, führte zu einer schweren Wirtschaftskrise. Produktion und Konsum sanken und der Warenhandel wurde wegen Versorgungsengpässen durch ein Gutscheinsystem weiter eingeschränkt. Im Jahr 1952 war der Konsum auf zwei Drittel des Werts von 1941 gesunken.<ref name="Calic 2014" details="S. 190." />
Der außenpolitische Bruch mit der Sowjetunion bedeutete für die jugoslawische Staatsführung aber auch, dass Abweichungen vom stalinistischen Wirtschaftsmodell potenziell propagandistischen Wert im ideologischen Zweikampf mit Moskau haben könnten. Milovan Đilas nimmt für sich in Anspruch, gegen Ende des Jahres 1949 die aus bestimmten Passagen in Das Kapital abgeleitete Forderung nach Arbeiterselbstverwaltung in den Fabriken über Boris Kidrič und Edvard Kardelj an Tito herangetragen zu haben, der diese Idee begeistert übernommen habe. Der erste Fabrikarbeiterrat wurde am 31. Dezember 1949 in Split eingerichtet; der Schlachtruf »Die Fabriken den Arbeitern« wurde ein wichtiges Argument im antisowjetischen Diskurs. Tito warf sein politisches Gewicht hinter ein neues Gesetz,<ref name=":0" details="S. 96." /> das »Grundgesetz über die Verwaltung der Staatsbetriebe«.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 108." /> Das Gesetz wurde am 27. Juni 1950 unter großem Applaus einstimmig im jugoslawischen Parlament angenommen.<ref name=":0" details="S. 96." />
In der Wirtschaftsorganisation wandten sich die Kommunisten zumindest teilweise vom Zentralismus ab und führten auf Betriebsebene die sogenannte Arbeiterselbstverwaltung ein. Formal wurden die staatlichen Unternehmen zum Besitz ihrer Angestellten. Diese sollten über Arbeiterräte an allen unternehmerischen Entscheidungen beteiligt sein. Die Betriebsdirektoren wurden freilich weiterhin vom Staat bestimmt und sie hatten ein Vetorecht gegen die Beschlüsse der Arbeiterräte. Den erwirtschafteten „Mehrwert“ (also den betrieblichen Profit) durften die Räte nicht selbstständig verwalten. 1950 und 1951 beschloss das föderale Parlament eine Reihe von Gesetzen zur Implementierung der kollektiven Selbstverwaltung, das im Laufe der Zeit auf nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche und auf die Gemeindeverwaltungen ausgedehnt wurde. Trotz beträchtlicher Widerstände innerhalb der KPJ wurde der neue Wirtschaftskurs auf dem 6. Parteikongress im November 1952 bestätigt. Im Januar 1953 änderte das Bundesparlament die Föderationsverfassung, um sie an das neue System anzupassen. Dadurch reduzierten sich die ohnehin schon geringen Kompetenzen der Republikregierungen, hatten doch deren Zuständigkeiten zu einem erheblichen Teil auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet gelegen. Diese mussten nun an die Arbeiterräte der einzelnen Betriebe und die lokalen Räte abgetreten werden. Statt des Nationalitätenrats, die in der Verfassung von 1946 vorgesehen war, wurde jetzt ein Produzentenrat ins parlamentarische System eingegliedert, um die Neuausrichtung des staatlichen Wirtschaftssystems zu unterstreichen.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 108–110." />
Im Jahr 1953 erlaubte es die Staatsmacht den kollektivierten Bauern, unproduktive Genossenschaften aufzulösen, aus den Kollektiven auszutreten und wieder private Bewirtschaftung ihrer Ländereien zu betreiben.<ref name="Calic 2014" details="S. 199." />
Wirtschaftskrise der 1970er
Die 1970er-Jahre waren für Jugoslawien eine Zeit der Rezession. Die Ölkrise 1973 ließ die Wirtschaft lahmen und verschlimmerte die Konjunkturflaute, während der Wettbewerbsdruck außereuropäischer Niedriglohnländer den Industriesektor der europäischen Staaten zunehmend bedrängte. Wo die westeuropäischen Staaten im Zuge der dritten industriellen Revolution ihre Tertiärsektoren betonten, war es für die planwirtschaftlichen Staaten in Osteuropa wesentlich schwieriger, die Krise dynamisch zu meistern. Fehlplanung, Misswirtschaft, Investitionsmangel und Technologierückstand vermengten sich und ließen für Jugoslawien die Importe teurer werten und das Handelsbilanzdefizit wachsen. Um die Finanzschwäche zu kompensieren, nahmen sowohl die jugoslawische Bundesregierung als auch die Teilrepubliken immer mehr Kredite auf. Die Verlangsamung und Umkehrung des industriellen Wachstums sorgte außerdem für einen kritischen Legitimitätsverlust der traditionellen auf die städtische Arbeiterklasse ausgerichteten sozialistischen Staatsparteien.<ref name="Calic 2014" details="S. 255–256." />
Der jugoslawische Staat geriet in eine Schuldenkrise. Zwischen 1973 und 1981 stiegen die Verbindlichkeiten von 4,6 Mrd. auf 21 Mrd. USD.<ref name="Calic 2014" details="S. 256–257." /> Die Staatsausgaben der späten 1970er rächten sich jetzt; allein 85 % der Staatsschulden des Jahres 1981 waren im kurzen Zeitraum seit 1976 aufgenommen worden.<ref name="Calic 2014" details="S. 265." /> Die Zinsraten verdreifachten sich zwischen 1975 und 1981 von 5,8 % auf 16,8 %. Da die Teilrepubliken sich keiner Austeritätspolitik unterziehen wollten, musste die Zentralregierung mit dem inflationären Druck neuer Banknoten gegensteuern. Obwohl einige Wirtschaftsmarker wie das jährlich achtprozentige Wirtschaftswachstum und die Realeinkommen zunächst positiv blieben, zeigten sich im steigenden Handelsdefizit, der Inflationsspirale, den steigenden Lebenshaltungskosten und der wachsenden Arbeitslosigkeit die Vorzeichen einer ernsthaften Wirtschaftskrise. Die partikularistischen Tendenzen der Teilrepubliken verschlimmerten die Lage, da Jugoslawien anders als andere Staaten die Krise nicht mit engerer Kontrolle der Wirtschaft durch die Zentralregierung beantwortete, sondern im Gegenteil mehr Steuerungskompetenzen an die regionalen Machtzentren abgab. Die Teilrepubliken begannen, ihre Wirtschaftspolitik auf Autarkie auszurichten, wodurch der Anteil der intranationalen Tauschwaren an der Gesamtwarenmenge von 27,7 % (1970) auf 21,1 % (1980) zurückging. Die größere Wirtschaftsautonomie ließ die Wohlstandsschere zwischen den Regionen größer werden; Mitte der 1970er-Jahre waren die Slowenen im Durchschnitt siebenmal reicher als die Kosovoalbaner.<ref name="Calic 2014" details="S. 256–257." />
Militär und Verteidigung unter Tito
Die Armee hatte im sozialistischen Jugoslawien eine starke Stellung und war die wichtigste Stütze der Herrschaft Titos, der diese Stellung überhaupt erst wegen seines Kommandos über die Armee im Weltkrieg errungen hatte. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg genossen ihre Offiziere, die fast alle Partisanen gewesen waren, hohes Ansehen. Offiziere hatten zahlreiche Privilegien im Bildungs- und Wohnungssektor.<ref name="Calic 2014" details="S. 194." /> Fast das gesamte Offizierskorps waren Parteimitglieder. Die Armee galt als „Wächterin der Revolution und des Sozialismus“ und hatte eine eigene Parteiorganisation, die den Parteiorganisationen der Teilrepubliken formell gleichgestellt war, was der Armee den Spitznamen „siebte Republik“ einbrachte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 208–209." />
Mit dem »Gesetz über die Volksverteidigung« von 1969 wurde in Jugoslawien die Landesverteidigung zweigleisig organisiert. Neben der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) wurde die so genannte Territorialverteidigung (TO) gebildet. Es handelte sich um paramilitärische Einheiten, deren Aufstellung und Ausbildung den Republiken und Gemeinden oblag.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 137–139." /> Zur Aufrechterhaltung der Territorialverteidigung unterhielten die Gemeinden eigene Arsenale und militärische Ausbildungszentren. Die Teilrepublik erlangten mithilfe ihrer jeweiligen Ableger der TO effektiv eigene Streitkräfte, die bereits vor den Jugoslawienkriegen von internationalen Beobachtern als mögliche Keimzelle eines künftigen Bürgerkriegs erkannt wurden.<ref name="Calic 2014" details="S. 236–237." /> Der wachsende Partikularismus der Teilrepubliken machte aus der JVA in den Worten des Verteidigungsministers Veljko Kadijević eine „Armee ohne Staat“.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 208–209." />
Im Jahr 1979 umfasste die JVA insgesamt ~250.000 Berufssoldaten und Wehrpflichtige.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 208–209." />
Weil Jugoslawien nach dem Bruch mit der Sowjetunion bündnispolitisch isoliert war, blieb während der gesamten Existenz Jugoslawiens eine mögliche Invasion der Sowjetunion ein wichtiges Szenario für die Volksarmee.<ref name="Calic 2014" details="S. 194." />
Verfassungsgeschichte der SFRJ
Verfassung von 1946
Im Januar 1946 entstand die Verfassung der neuen Föderativen Volksrepublik Jugoslawien. Jugoslawien sollte entlang einer bikameralen Legislative aufgebaut werden.<ref name="Calic 2014" details="S. 180." /> Fünf Volksgruppen (Serben, Kroaten, Slowenen, Mazedoniern, Montenegrinern) wurde in der Verfassung von 1946 der Status ‚gleichberechtigter staatsbildender Völker‘ zuerkannt. Als sechstes Volk erhielten die Slawischen Muslime diesen Status erst in den 1960ern. Artikel 1 der Verfassung von 1946 definierte Jugoslawien als „Gemeinschaft gleichberechtigter Völker, die aufgrund des Selbstbestimmungsrechts, einschließlich des Rechts auf Lostrennung, ihren Willen bekundet haben, in einer föderativen Gemeinschaft zusammenzuleben“.<ref name="Calic 2014" details="S. 180–181." /> In Artikel 25 garantierte die Verfassung Religionsfreiheit und schrieb die Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen fest.<ref name="Calic 2014" details="S. 187." /> Die neue Verfassung garantierte erstmals die Geschlechtergleichheit; Mädchen wurden in die Schulpflicht explizit eingeschlossen, Frauen wurde das Erb- und Eigentumsrecht garantiert und das aktive und passive Frauenwahlrecht eingeführt.<ref name="Calic 2014" details="S. 217–218." /> Zuvor hatte es in Jugoslawien kein Frauenwahlrecht gegeben.<ref>Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 438</ref> Ehe und Familie erhielten einen besonderen verfassungsrechtlichen Status.<ref name="Calic 2014" details="S. 217–218." />
Verfassungsreform 1953
In einem Verfassungsgesetz vom Januar 1953 wurden die Reformen der ersten Nachkriegsjahre institutionalisiert; als jugoslawische Regierung wurde ein Bundesvollzugsrat (SIV; im Deutschen auch Bundesexekutivrat) eingerichtet, an dessen Spitze Tito stand, der zeitgleich Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der jugoslawischen Volksarmee war.<ref name="Calic 2014" details="S. 193–194." /> Neben dem Bundesvollzugsrat entstand als neues Legislativorgan der Produzentenrat, der den Nationalitätenrat als Oberhaus des bikameralen Systems verdrängte und dessen Existenz den neuen Fokus auf Arbeiterselbstverwaltung betonen sollte. Der Nationalitätenrat wurde als Unterabteilung dem Bundesrat angegliedert und hatte dort nur noch eib aufschiebendes Vetorecht bei Verfassungsfragen mit Bezug auf die Teilrepublik.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 110." />
Die Verfassungsreformen des Jahres 1953 waren so tiefgreifend, dass sie von einigen Historikern als zweite Verfassung oder eine „Quasi-Verfassung“ betrachtet werden.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 110." />
Verfassung von 1963
In einer neuen Verfassung des Jahres 1963 wurde der Staat in »Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien« (SFRJ) umbenannt. Den Teilrepubliken wurde größere Autonomie erteilt. Die SFRJ wurde in der Verfassung als Staat von sechs Nationen bezeichnet, der aus sechs Teilrepubliken bestehe. In der Verfassung von 1963 wurde noch deutlich eine aus Teilrepubliken gebildete staatliche Einheit herausgestrichen, die in der Folgeverfassung von 1974 weniger stark betont werden würde. Zu den wichtigsten Befürwortern der Verfassungsreform 1963 gehörte Edvard Kardelj, der Tito letztlich überzeugen konnte, den Reformgegner und Geheimdienstchef Aleksandar Ranković im Jahr 1966 politisch kaltzustellen.<ref name="Calic 2014" details="S. 231." />
Die legislative Ordnung wurde von einem Bikameralismus auf ein Fünfkammernsystem ausgeweitet, da dem Bundesrat (mit weiterhin angegliedertem Nationalitätenrat) nun vier Vertretungen der Gewerbesektoren (Produzierendes Gewerbe, Bildungswesen, Öffentlicher Dienst, Gesundheits-/Sozialwesen) an die Seite gestellt wurden.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 116–117." />
Verfassungsreform 1967–1971
Zwischen 1967 und 1971 erfolgte ein umfangreiches Paket von Verfassungsreformen, wobei die Verfassung von 1963 zunächst noch intakt blieb. An drei großen Stichtagen (18. April 1967, 26. Dezember 1968, 30. Juni 1971) wurden insgesamt 42 Verfassungsänderungen verabschiedet, die umfangreiche Reformen mit sich brachten. Der Nationalitätenrat, der bisher dem Bundesrat angegliedert war, wurde wieder zu einer selbstständigen Parlamentskammer aufgewertet und erhielt das Recht darauf, an allen Entschlüssen des Bundesparlaments beteiligt zu werden. Der Nationalitätenrat sollte aus jeweils zwanzig Abgeordneten pro Teilrepublik zuzüglich zu jeweils zehn Abgeordneten der Autonomen Provinzen bestehen. Der Bundesrat, das bisherige Unterhaus, wurde hingegen abgeschafft.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 186–187." />
Außerdem erhielten die Autonomen Provinzen (Kosovo, Vojvodina) den Status ‚konstitutiver Einheiten der Föderation‘, wodurch sie in ihrer Stellung gegenüber der Republik Serbien gestärkt wurden.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 187." />
Verfassung von 1974
Nachdem Anfang der 1970er-Jahre im sogenannten Kroatischen Frühling größere kulturelle Autonomie gefordert worden war, herrschte ab 1971 eine offen geführte Debatte um Verfassungsreformen in der Teilrepublik Kroatien.<ref name="Calic 2014" details="S. 251–252." /> Als Tito daraufhin im Jahr 1971 gegen die Führung der kroatischen Partei vorging, war er bemüht, im Jahr 1972 das gleiche mit der serbischen Parteiführung zu tun, um keinen nationalen Opfermythen Vorschub zu geben.<ref name="Calic 2014" details="S. 262." />
Als Endstufe des Reformprozesses späten 1960er und frühen 1970er stand die neue Verfassung von 1974, die eine noch stärkere Dezentralisierung als ihr Vorgänger von 1963 ankündigte.<ref name="Calic 2014" details="S. 259." /> Tito wurde zum Präsidenten auf Lebenszeit erhoben und ein Rotationsprinzip in Leitungsfunktionen eingeführt, welches Versuche der politischen Alleinnachfolge unterbinden sollte.<ref name="Calic 2014" details="S. 261." /> Die Machtrotation sollte außerdem die Rivalitätsdünkel der Republiken abschwächen, da sich die Republiken turnusmäßig abwechseln sollten.<ref name=":0" details="S. 131." /> An der Spitze des SIV stand der Ministerpräsident („Präsident des Bundesvollzugsrates“), der auf Vorschlag des Staatspräsidiums von den vier Räte-Parlamentskammern gewählt wurde und eine Amtszeit von vier Jahren hatte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 211." />
Die Verfassung von 1974 garantierte auf dem Feld der Familienpolitik erstmals auch die ‚geplante Elternschaft‘.<ref name="Calic 2014" details="S. 218." />
Den Regierungen der Teilrepubliken wurden stärkere Einflussmittel in der Bundespolitik gegeben, ohne dass dabei eine tatsächliche Demokratisierung des Landes stattgefunden hätte, da sich die politische Macht lediglich zwischen verschiedenen Ebenen der Staatspartei verschob. Die stets prekäre Kosovofrage wurde durch eine zweite Ebene der Föderalsubjekte gelöst, indem Kosovo und Vojvodina autonome Teilrepubliken innerhalb der Teilrepublik Serbien wurden.<ref name="Calic 2014" details="S. 259." /> Zum Ärger der serbischen Republikführung erhielten die autonomen Provinzen Vetorechte in Serbien, die es in der Gegenrichtung nicht gab.<ref name="Calic 2014" details="S. 275." /> Das neue Arrangement in Serbien befriedigte weder die Kosovoalbaner, die eine vollständig separate Teilrepublik gefordert hatten, noch die Serben, die in der Aufteilung der eigenen Republik eine ungerechte Sonderbehandlung sahen. Die Verfassung versprach eine paritätische Vertretung im Nationalparlament, was aber eine starke Überrepräsentation der minderbevölkerten Teilrepubliken bedeutete: Montenegro war im Vergleich zu Serbien zehnfach überrepräsentiert. Dadurch, dass politische Karrieren ausschließlich durch die Nationalverbände der Partei in den jeweiligen Teilrepubliken funktionierten, beschleunigte die Verfassung von 1974 durch ihre Betonung regionaler Autonomien den nationalistischen Polarisierungsprozess, der schließlich zum Zusammenbruch der SFRJ beitrug.<ref name="Calic 2014" details="S. 259." /> Sowohl die serbischen als auch die kosovoalbanischen Parteifunktionäre, die beide ihre jeweilige nationalistische Kritik an der Verfassung von 1974 wegen der Maßregelungen des Staatspräsidenten zurückhielten, warteten jetzt auf dessen Tod, um einen den neuen Status Quo schnellstmöglich zu revidieren.<ref name="Calic 2014" details="S. 262–263." />
Nach Titos Tod im Jahr 1980 gab es intensive Debatten, ob eine neue Verfassung das Land reformieren könne und ob dies mit mehr oder mit weniger staatlichem Zentralismus zu geschehen habe. Als die serbische Parteiführung im Oktober 1984 einen Plan vorstellte, der die Vetorechte der autonomen Provinzen beschneiden und die Bundesregierung stärken sollte, reagieren die Parteiführer in Slowenien, Kroatien, im Kosovo und in der Vojvodina mit Empörung.<ref name="Calic 2014" details="S. 270–271." />
Titos Tod 1980
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Noch im Jahr 1979 hatte der 87-jährige Staatsführer Tito persönlich die jugoslawische Delegation beim Kongress der Blockfreien Staaten in Havanna angeführt und eine lange Besichtigung des Kosovo unternommen. Im Januar 1980 wurde Tito jedoch zur Behandlung seines Beins in ein Krankenhaus in Ljubljana eingewiesen, welches er in seinen letzten Lebensmonaten nicht mehr verlassen sollte.<ref name=":20" details="S. 449." />
Josip Broz Tito starb am 4. Mai 1980 kurz nach 15:00 Uhr. Die Todesnachricht löste in weiten Teilen der Bevölkerung Bestürzung aus; mehr als eine halbe Million Jugoslawen erwiesen dem im jugoslawischen Parlament aufgebahrten Leichnam die letzte Ehre. Millionen Menschen trugen sich in im ganzen Land verteilten Kondolenzbüchern ein. Titos Begräbnis wurde zu einer Großveranstaltung, an der 209 Delegationen aus 128 Nationen teilnahmen. Zu den Trauergästen gehörten vier Könige, sechs Prinzen, 31 Präsidenten, 22 Premierminister und 47 Außenminister. Aus der Bundesrepublik Deutschland nahmen Kanzler Schmidt, Außenminister Genscher, Bundespräsident Carstens und der SPD-Vorsitzende Brandt teil. Das große Zusammentreffen vieler Politiker gab dem Begräbnis Aspekte eines diplomatischen Gipfels; Helmut Schmidt und der Staatsratsvorsitzende der DDR Erich Honecker nutzten die Gelegenheit für ein mehr als einstündiges Gespräch. Der lange Trauerzug an Staatsgästen begleitete den Sarg Titos am 8. Mai zur letzten Ruhestätte, dem Haus der Blumen in Belgrad-Dedinje.<ref name=":4" details="S. 374–376." />
Tito hatte für seinen Tod eine Nachfolgeregelung vorbereitet, die eine kollektive Führung auf Rotationsbasis vorsah.<ref name=":4" details="S. 377." /> Es gab dementsprechend keinen Nachfolger, der das autoritäre System hätte fortführen können. Unter der Parole „Nach Tito – Tito“ versuchte die Partei trotzdem, das Prestige des verstorbenen Staatsführers weiter zu nutzen und feierte weiterhin seinen Geburtstag mit Salutschüssen und druckte weiterhin sein Gesicht auf Plakate und T-Shirts.<ref name="Calic 2014" details="S. 267–268." />
Krisenzeit nach Titos Tod, 1980–1991
Mit dem Tod des seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden Staats- und Parteiführers Josip Broz Tito im Mai 1980 hatte Jugoslawien seine einzige Integrationsfigur verloren. In den vorangegangenen Jahren bereits vorhandene politische, wirtschaftliche und soziale Probleme nahmen zu und entwickelten sich zu einer lang anhaltenden Krise, an deren Ende der Zerfall des Staates und die Jugoslawienkriege standen. Die ungünstige wirtschaftliche Entwicklung und die Verarmung großer Teile der Bevölkerung begünstigten dabei – wie auch in anderen kommunistischen Regimen – den Verfall des politischen Systems.<ref name="Calic 2014" details="S. 264–265." />
Wirtschafts- und Finanzkrise
Bereits Mitte der 1970er-Jahre hatte sich die jugoslawische Wirtschaft in einer tiefen Krise befunden; die Inflationsrate betrug zwischen 1970 und 1977 knapp 18 % pro Jahr.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 152." /> Jugoslawische Industrieerzeugnisse waren international kaum noch konkurrenzfähig; Exportprodukte wie der jugoslawische Kleinwagen Zastava Yugo erzielten keine Erfolge im Ausland mehr.<ref name="Calic 2014" details="S. 265." /> Die Ölpreiskrisen von 1973/74 und 1979 verschärften die Situation zusätzlich.<ref name="Calic 2014" details="S. 255–256." /> Ende der 1970er-Jahre war Jugoslawien eines der am höchsten verschuldeten Länder Europas.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 152." />
Die wichtigsten Devisenquellen Jugoslawiens waren in den 1980ern der Tourismus an der Adria und die Überweisungen der Gastarbeiter, die im Jahr 1978 mit 1 Mrd. USD bzw. 2 Mrd. USD das Handelsdefizit noch gerade ausgleichen konnten.<ref name=":0" details="S. 130." /> Besonders die Gastarbeiter fielen aber als Einnahmequelle zunehmend weg, da es seit den in Westeuropa wirtschaftsschwachen 1970ern für Gastarbeiter schwieriger war, Arbeit zu finden.<ref name="Calic 2014" details="S. 266." />
Das Kriegsrecht in Polen 1981–1983 verkomplizierte die jugoslawische Wirtschaftssituation, da die westeuropäischen Staaten nach dem Kreditrückzahlungsmoratorium der polnischen Regierung auch gegenüber anderen sozialistischen Regierungen misstrauisch waren und weniger freiwillig Kredite vergaben.<ref name=":0" details="S. 139." /> Die jugoslawische Staatsführung musste in den frühen 1980ern die Staatsausgaben zurückschrauben, wodurch Wirtschaftsinvestitionen noch stärker zurückgingen.<ref name="Calic 2014" details="S. 265." />
Die Kehrseite des jugoslawischen Systems der Arbeiterselbstverwaltung lag darin, dass die Betriebe es selbst bei Unrentabilität oder Überschuldung vermieden, Arbeitskräfte zu entlassen. Dadurch wurde die jugoslawische Wirtschaft weniger wettbewerbsfähig und die Jobsuche für Berufseinsteiger war besonders schwierig.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 217." /> Die Arbeiterselbstverwaltung geriet in der Folge in eine tiefe Legitimitätskrise und wurde von Professoren, Studenten und den öffentlichen Medien immer häufiger als ineffizient, verschwenderisch und korrupt denunziert. So konnten jugoslawische Wirtschaftswissenschaftler nachweisen, dass über 86 % der Entscheidungen in den selbstverwalteten Betrieben aus der Unternehmensführung kamen und dass nur sehr wenige Arbeiter überhaupt ausreichend gebildet oder informiert waren, um weitsichtige Entscheidungen über den eigenen Betrieb treffen zu können.<ref name="Calic 2014" details="S. 269." />
Anfang der 1980er entschied die Regierung, dass die fast ausschließlich mit Auslandskrediten finanzierte Entwicklung der Industrie nicht mehr weitergeführt werden könne und grundlegende Reformen notwendig seien. 1982 veröffentlichte die Kraigher-Kommission ein langfristiges wirtschaftliches Reformprogramm, das marktwirtschaftliche Elemente im Wirtschaftssystem stärken sollte, grundsätzlich aber an der Arbeiterselbstverwaltung festhielt. Obwohl die Regierung sich Kraighers Vorschlägen widerwillig fügen wollte, wurde ein Großteil der Vorschläge im Parlament blockiert und der größte Teil des Reformprogramms wurde nicht umgesetzt.<ref name=":0" details="S. 141." /> Die starke Rivalität zwischen den ärmeren Republiken, die mehr Investitionen und Ausgleichszahlungen verlangten, und den reicheren Republiken, die Geldverschwendung im System beklagten und mehr Finanzkompetenzen an sich ziehen wollten, verhinderten eine zweckorientierte Wirtschaftsreformgesetzgebung.<ref name="Calic 2014" details="S. 266." />
Mit der Dezentralisierung des Wirtschaftssystems seit den 1950ern kamen auch sozio-ökonomische Probleme, welche traditionell der kapitalistischen Marktwirtschaft zugeschrieben werden: Konjunkturzyklen mit dementsprechenden Schwankungen der Produktion und Beschäftigung, steigende Einkommensungleichheiten, sowie Verteilungskonflikte in Form von Lohn-Preisspiralen.<ref>Howard J. Sherman: Socialism. In: J. E. King (Hrsg.): The Elgar Companion to Post Keynesian Economics. Second Edition Auflage. Edward Elgar, Cheltenham UK – Northampton, MA, USA 2012, ISBN 978-1-84980-318-2, S. 497.</ref> Die hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung war während des gesamten Bestehens des Staates ein bedeutendes Problem, obwohl zwischen den 1950ern und 1970ern ein zunehmender Teil der Arbeitslosen als Gastarbeiter in westlichen Industrieländern arbeiten konnte.<ref>Susan L. Woodward: Socialist Unemployment: The Political Economy of Yugoslavia, 1945–1990. 1995, S. 199, 378, doi:10.2307/j.ctv15r57gf.</ref>
Die Auslandsschulden stiegen von 9,5 Mrd. USD (1977) über 19 Mrd. USD (1980) auf 21 Mrd. USD (1981). Dazu kamen gigantische Inlandsschulden von Unternehmen, Banken und Privatpersonen, die durch kurz- und langfristige Kredite von 1 Bio. Dinar (1979) auf 3,3 Bio. Dinar explodierten, was über 26 Mrd. USD entsprach.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 216." /> Die Inflation, die im Zeitraum 1970–1977 knapp 18 % pro Jahr betrug,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 152." /> erreichte 1988 beträchtliche 251 %.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 225." /> Gezielte Abwertungen des Dinar, die Tito zu Lebzeiten noch abgelehnt hatte, im Juni 1980 um 30 % sowie erneut im Oktober 1982 um 20 % verschlechterten den Wechselkurs zum US-Dollar von 19,2 (1979) über 29,3 (1980), 41,8 (1981) und 125,6 (1983) bis auf 1244,5 (1987) Dinar pro USD.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 216." />
Von den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise waren die einzelnen Republiken unterschiedlich stark betroffen. Die Arbeitslosenquote war in Slowenien sehr niedrig, während im Kosovo der frühen 1980er mehr als 23 % der arbeitsfähigen Bevölkerung eine Arbeit suchte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 237." /> Hatten sich Lohnunterschiede zwischen den Regionen zwischen den 1950ern und 1970ern eher verringert, sprang die Schere der Lohnunterschiede ab den 1970ern wieder stark auseinander, wobei Slowenien den reichsten und Kosovo und Mazedonien die ärmsten Landesteile darstellten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 174." /> Bei steigenden Lebenshaltungskosten sanken die inflationsbereinigten Realeinkommen der Arbeiter ab den späten 1970ern stetig.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 216." />
Politische Krise
Der Niedergang der Wirtschaft war eine der wichtigsten Ursachen für die Staatskrise, die zu Beginn der 1980er-Jahre begann. Daneben traten lange unterdrückte Konflikte zwischen den Nationen wieder deutlich hervor und beherrschten bald den politischen Diskurs. Schließlich offenbarten sich die strukturellen Schwächen der 1974 verordneten Verfassung. Die konkurrierenden Kompetenzen von Republiken und Gesamtstaat in fast allen Bereichen begünstigten gegenseitige Blockaden und das Festhalten am Status Quo; sie verhinderten Mehrheitsentscheidungen und notwendige Reformen.<ref name="Calic 2014" details="S. 266." />
Nach Titos Tod griff im kollektiven Staatspräsidium das in der Verfassung von 1974 festgelegte Rotationsprinzip. Jeweils für ein Jahr stellte eine der Republiken bzw. autonomen Provinzen den Vorsitzenden. Den Anfang machten der Mazedone Lazar Koliševski als Staatspräsident und der Stefan Doronski aus der Vojvodina als Parteivorsitzender.<ref name=":17" details="S. 403." /> Keiner der rotierenden Führer war landesweit populär; gleiches galt für die in den 1980er-Jahren regierenden Ministerpräsidenten. Die Inhaber der höchsten Positionen im Staat waren damals ausschließlich konservative Funktionäre, denn fast alle reformorientierten Politiker im Bund der Kommunisten (BdKJ) hatten ihre einflussreichen Staats- und Parteiämter während mehrerer Säuberungswellen noch zu Lebzeiten Titos verloren. Wegen Korruption und Vetternwirtschaft waren die meisten staatlichen Institutionen und nicht zuletzt auch der BdKJ bei der Bevölkerung schon weitgehend diskreditiert. In vielen Teilen Jugoslawiens artikulierte sich aus diversen Richtungen wieder Opposition, die jetzt die mit Titos Namen verbundene Form des Sozialismus auch grundsätzlich in Frage stellte. Nicht zuletzt das 1977 in Belgrad abgehaltene KSZE-Folgetreffen ermutigte Dissidenten, größere individuelle Freiheiten zu fordern. Die Führungen von BdKJ und Staat sowie der einzelnen Republiken reagierten darauf mit scharfen Repressionen, Verhaftungen und Gefängnisstrafen.<ref name="Calic 2014" details="S. 257–258." /> So fand zum Beispiel 1983 ein Schauprozess gegen muslimische Intellektuelle in Sarajevo statt, die eine »Islamische Deklaration« verfasst hatten. Unter den Angeklagten war der spätere bosnisch-herzegowinische Staatspräsident Alija Izetbegović. Sie wurden wegen angeblicher Pläne zur Zerstörung Jugoslawiens zu hohen Haftstrafen verurteilt.<ref name=":18" details="S. 142.">Agilolf Keßelring: Wegweiser zur Geschichte: Bosnien-Herzegowina. Ferdinand Schöningh, 2007, ISBN 978-3-506-76428-7.</ref>
Die 1980er waren ein Jahrzehnt der Stärke für antikommunistische Exilverbände im Ausland. Insbesondere exilkroatische Nationalisten in Westdeutschland, Österreich, der Schweiz, den USA, Kanada und Argentinien verstärkten ihre Propagandaaktivitäten. Darüber hinaus gab es aber auch slowenische, montenegrinische, albanische und mazedonische Separatisten.<ref name="Calic 2014" details="S. 269." />
Besonders hart griffen die Behörden im Kosovo durch, wo 1981 vornehmlich aus sozialen Gründen Unruhen unter albanischen Studenten und Jugendlichen ausgebrochen waren. Die Kosovo-Albaner stellten bald auch nationale Forderungen, darunter unter dem Schlachtruf »Kosova Republika!« die Erhebung des Kosovo zur gleichberechtigten Teilrepublik. Viele Demonstranten waren wegen der ärmlichen Verhältnisse im unterentwickelten Kosovo mit seinen hohen Geburtenraten und entsprechend geringen Aufstiegschancen frustriert (obwohl der Kosovo mehr Entwicklungszahlungen aus den zentralen Fonds erhielt als jeder andere Landesteil), andere wehrten sich gegen Pläne der serbischen Regierung zur Beschränkung der Autonomie. Die serbische Minderheit, die wegen hoher albanischer Geburtenraten und zahlreicher serbischer Emigranten zwischen 1948 und 1991 von 24 % auf 10 % der Bevölkerung des Kosovo gesunken war, befürchtete gewaltsame Übergriffe. Mit den Unruhen von 1981 stiegen die Emigrationszahlen sogar noch schneller.<ref name="Calic 2014" details="S. 271–273." /> Die Regierung setzte zur Wiederherstellung der inneren Sicherheit Truppen der Jugoslawischen Volksarmee ein.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 209." />
Vor allem in Slowenien gab es Proteste gegen das harte Vorgehen der serbischen Behörden im Kosovo. Auch die dortigen Parteiführungen äußerten sich ablehnend. So vertiefte sich der Dissens zwischen den Republiken. Waren bis dahin vor allem wirtschafts- und finanzpolitische Fragen strittig gewesen, kamen nun Innen- und Nationalitätenpolitik hinzu. Pro-albanische Kundgebungen in Slowenien erzeugten wütende Gegenkundgebungen in serbischen Großstädten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 268." />
Der 1986 ins Amt gekommene Ministerpräsident Branko Mikulić versuchte mit einer Reihe von halbherzigen und unkoordinierten Wirtschaftsreformen, die Staatsverschuldung und die Inflation in den Griff zu bekommen. Die widersprüchlichen Interessen der Zentralregierung, des IMF und der Teilrepubliken erschwerten aber die Implementierung jeder Reform. Mikulić, der zwischen Mai 1986 und März 1989 im Amt war, erklärte Ende November 1988 seinen Rücktritt, nachdem seine durch den Agrokomerc-Skandal geschwächte Stellung durch eine Abstimmungsniederlage im Parlament unhaltbar geworden war. Das Parlament beschloss Ende November 1988 noch einmal 39 Verfassungsänderungen, die die Arbeiterselbstverwaltung abschwächen und Bedingungen für ausländische Investitionen verbessern sollten. Inflation, Arbeitslosigkeit und Staatsschulden erreichten im Jahr 1988 neue Rekordwerte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 224–225." />
Im März 1989 wurde der kroatische Wirtschaftsexperte Ante Marković zum letzten Ministerpräsidenten des geeinten Jugoslawien. Er schloss sich mit ausländischen Beratern wie Jeffrey Sachs kurz und legte letztlich im Dezember 1989 ein Programm der Schocktherapie vor, welches vor dem Hintergrund der 1989er-Revolutionen im Ostblock schnell durchs Parlament ging. 17 von 24 Gesetzesvorschlägen wurden sofort beschlossen und die anderen provisorisch angenommen. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten ein provisorischer Lohnstopp auf dem Niveau vom November 1989, die Deregulierung der meisten Preise, die Verschärfung des Insolvenzrechts, das Verbot von Subsidienzahlungen und Krediten für bankrotte Unternehmen, die Bereitstellung von Hilfsmitteln für arme Regionen, Privatisierungsvorbereitungen und eine Währungsreform. Zum 1. Januar 1990 wurde der hyperinflationäre (alte) Dinar im Wechselkurs 10.000:1 durch einen neuen (konvertiblen) Dinar ersetzt, der im festen Wechselkurs von 7:1 an die Deutsche Mark gebunden wurde. Die Wirtschaftsreformen zeigten sofortige Resultate: Die Inflationsrate viel binnen weniger Monate auf null, Exporte und Importe stiegen, Devisenreserven verbesserten sich und bis Mitte 1990 entstand 1200 neue Joint Ventures mit ausländischen Firmen. Zehntausende neue Firmen wurden in Jugoslawien gegründet. Auf der Gegenseite brach aber die Industrieproduktion ein, Geld und Kredite verknappten sich und Privatinvestitionen wurden prohibitiv teuer. Unrentable Unternehmen gingen reihenweise unter, was mit Massenentlassungen einherging. Die Wirtschaftsreform wurde am 28. Dezember 1990 vom serbischen Parlament in einer Geheimabstimmung torpediert, indem die serbische Regierung die Erlaubnis erhielt, 18,243 Mrd. Dinar nachzudrucken, um überfällige Gehälter und Schulden zu bezahlen. Ministerpräsident Marković wurde erst am 4. Januar 1991 von dieser Maßnahme überhaupt informiert und bezeichnete sie später als „Akt zur Liquidation Jugoslawiens“. Die Erfolgschancen von Markovićs hartem Sparprogramm können aufgrund der Interventionen der Teilrepubliken nicht genau geschätzt werden. Er war als Regierungschef trotz (oder gerade wegen) der harten Austeritätspolitik durchaus beliebt.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 225–228." /> In allen Teilrepubliken außer Kroatien und Slowenien hatte das Reformprogramm die absolute Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 291." /> Die Sezessionen Kroatiens und Sloweniens und der Ausbruch der Jugoslawienkriege im Verlauf des Jahres 1991 bedeutete für Marković einen Machtverlust gegenüber dem serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, der jetzt der eigentliche Machthaber in den verbliebenden Teilrepubliken Jugoslawiens war. Nachdem das von Milošević kontrollierte Staatspräsidium 81 % des Staatshaushalts 1992 für Militärausgaben reservierte, trat Marković am 20. Dezember 1991 von seinem Amt zurück.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 331." />
Wege in die Sezession
Im September 1989 gab das slowenische Regionalparlament sich selbst durch eine Verfassungsänderung das Recht auf Sezession, was von der Zentralregierung sowie vom Verfassungsgericht schnell für illegal erklärt wurde.<ref name="Calic 2014" details="S. 298." /> Auf dem 14. Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens im Januar 1990 setzten sich die Delegierten Sloweniens für mehr Selbstständigkeit der Republiken und für die Einführung eines Rechtsstaates ohne politische Justiz ein. Sie wurden dabei von den anderen Delegierten überstimmt. Als über das, ihrer Ansicht nach undemokratische, Parteistatut abgestimmt werden sollte, verließen sie unter Protest in der Nacht des 22. Januar 1990 den Saal. Als die Serben und Montenegriner den Parteitag ohne die Slowenen fortsetzen wollten, protestierten die von Ivica Račan geführten Kroaten. Der Parteitag wurde abgebrochen. Die zunächst temporäre Unterbrechung wurde nie rückgängig gemacht; der Bund der Kommunisten hörte de facto auf, auf Bundesebene zu existieren.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 289." />
Eine weitere Verfassungsänderung gab es in Mazedonien, wo das Regionalparlament sich im Jahr 1989 entschied, die im Jahr 1974 formulierten Passagen, denen zufolge die Teilrepublik Mazedonien ein „Staat des mazedonischen Volkes sowie der albanischen und türkischen Nationalitäten“ sei, zu kürzen und die nationalen Minderheiten aus der Formulierung zu streichen. Diese Verfassungsänderung verärgerte die albanische Minderheit in Nordmazedonien.<ref name=":19" details="S. lxvi–lxvii."></ref>
Am 28. September 1990 gab sich Serbien eine neue Verfassung, in welcher die Teilrepublik als „souveräner und unabhängiger Staat“ ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) bezeichnet wurde. Die Teilrepublik gab sich selbst das Recht zur Sicherung ihrer eigenen territorialen Integrität und ein Recht auf internationale Beziehungen sowie nationale Verteidigung. Die im Jahr 1989 eingeführten Reformen im Kosovo und in der Vojvodina wurden bestätigt. Darüber hinaus gab sich die Teilrepublik das Recht, Beschlüsse der Zentralregierung zu ignorieren, sollten diese ‚die serbischen Interessen gefährden‘. Diese in der Formulierung von Srđa Popović „separatistische Verfassung“ brachte die Teilrepublik Serbien in einen widersprüchlichen politischen Status, da die Verfassung eigentlich explizite Merkmale eines unabhängigen Staates trug, sich die serbische Regierung aber (noch) weigerte, die Unabhängigkeit Serbiens vom jugoslawischen Staatsverband zu erklären.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 304–305." />
Der von den kroatischen und slowenischen Präsidenten am 4. Oktober 1990 vorgelegte und in der Folge von Mazedonien und Bosnien-Herzegowina unterstützte Plan, Jugoslawien in eine Konföderation mit gemeinsamen Markt umzuwandeln, wurde vom Staatspräsidenten Borisav Jović mit einem serbischen Gegenentwurf mit Föderationscharakter beantwortet; der kroatisch-slowenische Entwurf wurde nicht einmal zur Diskussion zugelassen.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 306." />
Am 22. Dezember 1990 gab sich die kroatische Teilrepublik eine neue Verfassung, die explizit am serbischen Vorbild orientiert war. Die Minderheiten innerhalb Kroatiens, insbesondere die Serben, befürchteten einen völligen Autonomieverlust oder sogar eine Rückkehr zum Völkermord von 1941–1945. Am Folgetag, den 23. Dezember 1990, wurde in Slowenien ein Unabhängigkeitsreferendum abgehalten, in welchem sich 88 % der Slowenen für die Loslösung von Jugoslawien aussprachen. Zunächst sollte die Unabhängigkeit aber um sechs Monate (bis zum 23. Juni 1991) vertagt werden, um Gelegenheit für letzte Verhandlungen zu geben.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 305." /> Das slowenische Parlament verabschiedete am 20. Februar 1991 ein Sezessionsgesetz und legte am 8. Mai das angestrebte Datum der Unabhängigkeit auf den 26. Juni 1991 fest. Das kroatische Parlament verabschiedete am 11. April ein Gesetz zur Bildung einer eigenen Streitmacht in der Form der Kroatischen Nationalgarde. Die Nationalgarde kam erstmals am 29. April zum Einsatz, um Dörfer nahe Knin zu besetzen. Am 12. Mai stimmte diese mehrheitlich serbische Region innerhalb Kroatiens in einem improvisierten Referendum für einen Verbleib bei Jugoslawien. Eine Woche später wurde in der ganzen Republik das Unabhängigkeitsreferendum in Kroatien abgehalten, in dem sich über 90 % der Bevölkerung für die Sezession aussprachen.<ref name=":16" details="S. 181–182." />
Im Mai 1991 nutzten die serbischen Eliten ihre Mehrheiten in Serbien, Montenegro, Vojvodina und dem Kosovo, um die turnusmäßige Rotation der Präsidentschaft zum Kroaten Stjepan Mesić zu blockieren, was das Ansehen der Zentralregierung in Slowenien und Kroatien noch mehr untergrub. Die slowenischen und kroatischen Delegation verließen unter Protest die Bundesversammlung.<ref name=":16" details="S. 181–182." />
Mit der Intervention der Jugoslawischen Volksarmee am 25. Juni begann in Slowenien der 10-Tage-Krieg, auch wenn die slowenische Sezession unter den serbischen Nationalisten wesentlich weniger Beunruhigung auslöste als die Abspaltungsbestrebungen jener Teilrepubliken, in denen sich signifikante serbische Minderheiten befanden. Am gleichen Tag brachen auch Kämpfe zwischen der Kroatischen Nationalgarde und der JVA in Kroatien aus, was den wesentlich längeren und opferreicheren Kroatienkrieg ankündigte. Sowohl Kroatien als auch Slowenien stimmten am 7. Juli zu, die Unabhängigkeit um drei Monate zurückzustellen, aber bereits Ende Juli begann der kroatische Präsident Franjo Tuđman die Treffen des Staatspräsidiums zu boykottieren. Am 4. August brach Kroatien die Beziehungen zu Serbien ab und am 22. August stellte Tuđman ein Ultimatum, dass die JVA die Bewaffnung serbischer Milizen einzustellen habe. Als dieses Ultimatum nicht befolgt wurde, rief Kroatien die Generalmobilmachung aus, um den ‚Befreiungskrieg‘ vorzubereiten.<ref name=":16" details="S. 181–182." />
Demographie der 1980er
Im Jahr 1981 fand die letzte vollständig ausgewertete Volkszählung der jugoslawischen Geschichte statt.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 26." /> Die Volkszählung von 1981 stellte eine Bevölkerung von 22.427.585 Menschen fest. Hierbei lag die Verteilung der einzelnen Ethnien bei 8.140.507 Serben (36 %), 4.428.043 Kroaten (19,7 %), 1.999.890 Slawischen Muslimen (8,9 %), 1.753.571 Slowenen (7,8 %), schätzungsweise 1.730.878 Albanern (7,7 %), 1.341.598 Mazedoniern (6 %), 1.209.024 selbstbezeichneten „Jugoslawen“ (5,4 %), 579.043 Montenegrinern (2,6 %), 426.867 Ungarn (1,9 %) und 818.174 Angehörigen anderer Volksgruppen. Die genaue Zahl der Albaner ist deshalb nicht exakt festzustellen, da es im Kosovo einen großflächigen Boykott der Volkszählung gab.<ref name=":16" details="S. 173."></ref>
Die Volkszählung von 1991 wurde wegen der Zerfallserscheinungen des Landes nur noch teilweise von der Zentralregierung durchgeführt und musste von den einzelnen Nachfolgestaaten separat kompiliert werden.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 26." /> Die Gesamtbevölkerung Jugoslawiens im Jahr 1991 betrug 23.528.230 Menschen. Nach Ethnie unterteilte sich die Bevölkerung in 8.526.872 Serben (36,2 %), 4.636.700 Kroaten (19,7 %), 2.353.002 Slawische Muslime (10,0 %), 2.178.393 Albaner (9,3 %), 1.760.460 Slowenen (7,5 %), 1.372.272 Mazedonier (5,8 %), 710.394 selbstbezeichnete „Jugoslawen“ (3,0 %), 539.262 Montenegriner (2,3 %), 378.997 Ungarn (1,6 %) und 1.070.878 Angehörige anderer Volksgruppen (4,6 %).<ref name=":16" details="S. 173." />
Kultur der 1980er
Das umfangreiche Krisenempfinden zeigte sich insbesondere in der Jugendkultur des Jugoslawiens der 1980er-Jahre. Die slowenische Musikgruppe Laibach, die schon mit ihrer dem in Jugoslawien unerwünschten deutschen Namen für Ljubljana entlehnten Bandbezeichnung die Obrigkeit verärgern wollte, bediente sich bewusst provokant an faschistischer Symbolik, um die Mythenbildung und das Selbstverständnis der Regierung aufs Korn zu nehmen.<ref name="Calic 2014" details="S. 142." />
Nationalistische Ressentiments entluden sich zum Beispiel im »Buch über Kosovo« (1985) des Literaturhistorikers Dimitrije Bogdanović, in dem dieser die Behauptung aufstellte, dass die serbische Bevölkerung des Kosovo seit 1912 das Ziel einer absichtlichen Verdrängung und ethnischen Vertreibung durch die Kosovoalbaner sei. Das Buch wurde von der kommunistischen Parteiführung als nationalistisch kritisiert, zog aber in Serbien große Kreise. Die Kosovofrage war für die Serben der 1980er stark nationalpolitisch aufgeladen; im April 1982 forderte ein Appell von 21 serbisch-orthodoxen Priestern, diese „Frage der spirituellen, kulturellen und historischen Identität des serbischen Volkes“ nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.<ref name="Calic 2014" details="S. 273." />
Bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo im Februar 1984 präsentierte sich Jugoslawien der Weltöffentlichkeit erfolgreich als funktionierender Staat. Etwa 1500 Athleten aus 49 Staaten und mehr als 3000 Journalisten wohnten den Spielen bei. Dem Spott slowenischer Politiker, dass das verarmte Bosnien-Herzegowina sich der Aufgabe als unwürdig erweisen würde, standen viele freiwillige Helfer entgegen, die bei starken Schneefällen gemeinschaftlich die Straßen und Sportstätten betriebsfähig hielten. IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch lobte Sarajevo 1984 als die bis dahin ‚besten Winterspiele der Geschichte‘.<ref name=":2" details="S. 554–555." />
Jugoslawienkriege, 1991–2001 Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.
Nach der Desintegration der Partei zerfiel Jugoslawien infolge der vielerorts offen artikulierten Autonomiebestrebungen, die sich schließlich zu Kämpfen und zu den Jugoslawienkriegen entwickelten. Die Teilrepubliken strebten, auch unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, ihre Unabhängigkeit an und errangen nach insgesamt rund 10 Jahren teils äußerst brutal geführter Kämpfe die internationale Anerkennung als souveräne Staaten (Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Mazedonien). In anderen Regionen, vor allem dem Kosovo, wird die Auseinandersetzung um staatliche Unabhängigkeit bis heute weitergeführt.
Kroatische und slowenische Sezession
Am 2. Juli 1990 erklärten die Regionalparlamente in Slowenien und Kroatien die ‚Souveränität‘ (aber noch nicht die ‚Unabhängigkeit‘) ihrer Teilrepubliken. Die slowenische Bevölkerung stimmte in einem Referendum im Dezember 1990 mit einer Mehrheit von 88,5 % für die Unabhängigkeit.<ref name="Calic 2014" details="S. 303." />
Am 25. Juni 1991 erklärten Kroatien und Slowenien ihre Unabhängigkeit. Nachdem es daraufhin zu heftigen Gewaltakten gekommen war, brachte die Europäische Gemeinschaft die slowenischen und kroatischen Entscheidungsträger im Juli 1991 dazu (Brioni-Abkommen), die Unabhängigkeit für drei Monate auszusetzen und einen Waffenstillstand zu schließen. Der darauffolgende Rückzug der jugoslawischen Regierungstruppen am 18. Juli markiert de facto das Ende der Herrschaft der jugoslawischen Zentralgewalt in Slowenien (10-Tage-Krieg). Die Belgrader Regierung, die sich längst mit dem drohenden Zerfall der jugoslawischen Union abgefunden hatte und sich stattdessen in Richtung eines konsolidierten serbischen Nationalstaats orientierte, konzentrierte sich statt des homogenen Sloweniens auf die multiethnischen Gebiete in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, wo eine große serbische Minderheit vor dem politischen Zugriff der neuen Staaten geschützt werden sollte. Die Entscheidung des jugoslawischen Generalstabs, der serbischen Zivilbevölkerung mit bewaffneten Verbänden zu Hilfe zu kommen, verlängerte den Kroatienkrieg in einen mehrjährigen Konflikt. Am 14. September befahl die kroatische Regierung, alle Kasernen der jugoslawischen Armee in Kroatien zu besetzen, woraufhin die jugoslawische Armee mit einer Offensive aus Ostslawonien antwortete. Die Städte Vukovar und (ab Oktober) Dubrovnik wurden von Regierungstruppen und serbischen Freischärlern belagert und schwer beschädigt. Am 19. Dezember rief Milan Babić in Knin die neue Republik Serbische Krajina aus, welche die mehrheitlich serbischen Territorien Kroatiens umfassen sollte, um dergestalt die serbische Minderheit vor der politischen Zugehörigkeit zu Kroatien zu bewahren.<ref name="Calic 2014" details="S. 308–309." />
Die internationale Gemeinschaft war insofern gespalten, als dass beide Seiten sich wahlweise auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker (Slowenien, Kroatien) oder auf das Recht auf Souveränität und territorialer Integrität (Jugoslawische Zentralregierung) beriefen. Ein früher Unterstützer der beiden Sezessionen war die deutsche Bundesregierung, während der UN-Generalsekretär gemeinsam mit den Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und der USA zunächst den Fortbestand des jugoslawischen Staatenverbands präferierte. Unter der Schirmherrschaft des luxemburgischen Außenministers Jacques Poos lud die Europäische Gemeinschaft beide Seiten am 7. September 1991 zu einem Friedenskongress ein, der jedoch aufgrund wiederholter Brüche verschiedener Waffenstillstände scheiterte. Der UN-Sonderbeauftragte Cyrus Vance kündigte im November 1991 die Aufstellung einer Blauhelmtruppe für Jugoslawien an.<ref name="Calic 2014" details="S. 309–310." /> Die UN-Resolution 724 (15. Dezember 1991) beschloss eine friedenssichernde Truppe für Kroatien,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 330." /> lehnte die Anerkennung der Sezessionen Kroatiens und Sloweniens jedoch noch ab.<ref name=":9" details="S. 548.">Matthias Vetter: Vom Kosovo zum Kosovo: Chronik von Krise und Krieg, 1986–1999. In: Dunja Melčić (Hrsg.): Der Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Springer Fachmedien, Wiesbaden 1999, ISBN 3-663-09609-2, S. 542–568.</ref> Milošević erklärte Belgrads Kriegsziele am 8. Januar 1992 für erfüllt, während die jugoslawischen Truppen etwa ein Drittel des kroatischen Territoriums besetzt hielten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 330." /> Anfang 1992 rückte die UNPROFOR in Kroatien ein,<ref name="Calic 2014" details="S. 309–310." /> die mit der UN-Resolution 743 (21. Februar 1992) legitimiert wurde.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 330." />
Bosnische Sezession
Am 14. Oktober 1991 stimmten die muslimischen und kroatischen Parteien im Regionalparlament von Bosnien-Herzegowina trotz der Opposition der serbischen Parteien für die Unabhängigkeit.<ref name="Calic 2014" details="S. 311." /> Daraufhin zog die serbische Minderheit wie schon in Kroatien die politischen Konsequenzen: zunächst votierte die Mehrheit der Serben in einem selbst organisierten Referendum im November 1991 für den Verbleib bei Jugoslawien, dann wurde am 9. Januar 1992 eine „Serbische Republik Bosnien-Herzegowina“ (später „Republika Srpska“) ausgerufen. Als die bosnisch-herzegowinische Regierung nach Maßgabe der Europäischen Gemeinschaft am 29. Februar und 1. März 1992 ein Unabhängigkeitsreferendum abhielten, wurde dies erwartungsgemäß vom Großteil der serbischen Bevölkerung boykottiert.<ref name="Calic 2014" details="S. 312." /> Gleichzeitig kam es zu Tendenzen der kroatischen Minderheit, sich ebenfalls von der Teilrepublik loszulösen; der nationalistische Flügel der HDZ drängte auf den Anschluss an Kroatien, woraufhin zunächst im November 1992 ein autonomes Gebiet in den kroatischen Landesteilen gebildet wurde.<ref name="Calic 2014" details="S. 313." />
Nordmazedonische Sezession
Bereits am 7. Juni 1990 hatte die Teilrepublik Mazedonien das Wort „sozialistisch“ aus dem eigenen Namen gestrichen. Aus den ersten freien Wahlen im November/Dezember 1990 ging die VMRO-DPMNE als Siegerin hervor, während der Bund der Kommunisten zweitstärkste Kraft wurde.<ref name=":19" details="S. xxxvi." /> Am 8. September 1991 stimmten 95 % der Bevölkerung Mazedoniens für ein „souveränes Mazedonien mit dem Recht, eine Union mit anderen ehemaligen jugoslawischen Republiken einzugehen“. Die Abstimmung wurde von den Albanern im westlichen Nordmazedonien boykottiert, die sich später in einem selbst organisierten Referendum im Januar 1992 für eine größere kulturelle Autonomie aussprachen.<ref name=":19" details="S. lxviii." /> Im November 1991 erklärte der heutige Staat Nordmazedonien, damals noch unter dem Namen »Mazedonien«, seine Unabhängigkeit. Die Namenswahl stieß in Griechenland auf Widerstand, da die Griechen das historische Erbe der Region Makedonien für sich selbst beanspruchten. Eine griechische Blockade der UN-Aufnahme unter den Namen Mazedonien erzwang die Nutzung der provisorischen Bezeichnung »Frühere Jugoslawische Republik Mazedonien«, unter der Nordmazedonien im Jahr 1993 der UNO beitreten durfte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 24." /> Da die Mazedonen sich auch Hoffnungen auf einen EU-Beitritt machen, der wiederum von Griechenland blockiert werden könnte, wurde im Juni 2018 als Kompromiss der derzeitige Staatsname »Nordmazedonien« eingeführt.<ref name=":13" details="S. 237."></ref>
Internationale Anerkennung der Sezessionen
Am 23. Dezember 1991 machte die deutsche Bundesregierung einen Alleingang, indem sie zum Ärger der eigenen Bündnispartner Slowenien und Kroatien als unabhängige Staaten anerkannte. Letztlich fügten sich die anderen europäischen Staaten aber am 15. Januar 1992 und erkannten die beiden neuen Staaten ebenfalls an.<ref name="Calic 2014" details="S. 310." /> Nachdem die Europäer nach dem Referendum vom 29. Februar und 1. März 1992 schließlich am 6. April 1992 auch Bosnien-Herzegowina anerkannten,<ref name="Calic 2014" details="S. 312." /> antworteten die serbischen Truppen mit einer blitzartigen Besetzung weiter Teile Bosniens (Bosnienkrieg). Die deutsche Bundesregierung war in der Folge stärkster Kritik aus anderen NATO-Staaten ausgesetzt.<ref name="Calic 2014" details="S. 310." /> Da das deutsche Recht zu diesem Zeitpunkt noch keine Bundeswehreinsätze außerhalb von NATO-Gebiet vorsah, verfügte Deutschland über keine Machtmittel, um die eigene vermeintlich harte Linie gegenüber der jugoslawischen Regierung durchzusetzen.<ref name="Calic 2014" details="S. 311." />
Bosnienkrieg
Im brutalen Bosnienkrieg (1992–1995) kam es zu brutalen Massakern und Scharmützeln. Ratko Mladić befehligte fast 250.000 Soldaten und Freischärler, mit denen er versuchte, die von Serben beanspruchten Gebiete ethnisch zu säubern. Die antiserbische Koalition aus der bosnischen Territorialverteidigung und der Patriotischen Liga konnten ihnen nur etwa 100.000 Kämpfer entgegenstellen. Im Verlauf von vier Kriegsmonaten eroberten die Serben bis Juli 1992 etwa zwei Drittel des Gebiets der Teilrepublik.<ref name="Calic 2014" details="S. 312." /> Um die bosnische Hauptstadt Sarajevo zogen die Serben einen engen Belagerungsring, den sie für 44 Monate hielten. Gleichzeitig brach die bosniakisch-kroatische Koalition auseinander, weil am 3. Juli 1992 die Autonomiegebiete der Kroaten als Kroatische Republik Herceg-Bosna für unabhängig erklärt wurden. Der Kroatische Verteidigungsrat, der die kroatischen Truppen des Bosnienkrieges umfasste, begann nun seinerseits mit Angriffen auf bosniakisch-kroatische Mischgebiete, um diese unter Kontrolle von Herceg-Bosna zu bringen. Der kroatische Angriff auf den vorherigen Bündnispartner war für die westeuropäischen Staaten höchst unwillkommen.<ref name="Calic 2014" details="S. 313." /> Die mehrheitlich muslimischen Bosniaken suchten sich indes andere Verbündete, besonders in der islamischen Welt, wo besonders Saudi-Arabien, Indonesien, Kuwait und Malaysia als Waffenexporteure nach Bosnien in Erscheinung traten.<ref name="Calic 2014" details="S. 320." /> Erst im März 1994 konnte zwischen Bosniaken und Kroaten ein Kompromiss gefunden werden, der den Weg für die Neugründung einer gemeinsamen Föderation Bosnien und Herzegowina als Teilrepublik Bosnien-Herzegowinas freimachte.<ref name="Calic 2014" details="S. 313." />
Am Morgen des 11. Juli 1995 attackierten bosnisch-serbische Soldaten und Polizisten die von der UNO eingerichtete Schutzzone bei Srebrenica,<ref name="Calic 2014" details="S. 321." /> wo sie in den Folgetagen das berühmteste Massaker des Krieges ausübten. Srebrenica war für die bosnischen Serben ein wichtiger Knotenpunkt, den es zu erobern galt, um die Grenze zwischen Serbien und den mehrheitlichen serbischen Teilen Ostbosniens unter die eigene Kontrolle zu bringen. Besonders das Versagen der örtlichen Blauhelmsoldaten, die in den Folgetagen ermordeten ~8000 Bosniaken zu schützen, sorgte für internationale Empörung.<ref name="Calic 2014" details="S. 322." /> Nachfolgend wurden die seit Februar 1994 gelegentlich über Jugoslawien durchgeführten NATO-Lufteinsätze verstärkt und die Unterstützung für die Kroaten und Bosniaken erhöht. Im August 1995 gelang es der kroatischen Armee, die Serbische Republik Krajina in Kroatien endgültig zu erobern, woraufhin 150.000–200.000 Serben aus ihrer Heimat vertrieben wurden.<ref name="Calic 2014" details="S. 324." /><imagemap>
Bild:Bosnia and Herzegovina Political.png|mini|Entitäten in Bosnien-Herzegowina nach dem Abkommen von Dayton (1995)
poly 1217 647 1232 680 1273 692 1306 710 1316 733 1286 758 1248 768 1222 763 1207 728 1182 718 1144 728 1169 669 Sokolac poly 1339 707 1331 766 1301 758 1286 786 1263 791 1278 822 1301 814 1306 834 1349 834 1372 849 1369 806 1387 801 1400 756 1387 725 1397 718 1377 692 Rogatica poly 1524 842 1521 900 1491 908 1481 893 1443 903 1430 882 1392 882 1397 862 1423 855 1425 847 1461 860 1491 847 1506 839 Rudo poly 1516 824 1430 715 1395 725 1415 758 1410 778 1397 809 1384 816 1384 839 1395 852 1415 839 1430 839 1471 852 1488 832 Višegrad poly 1126 827 1133 791 1149 778 1159 743 1187 730 1182 758 1202 773 1225 786 1250 791 1258 822 1240 822 1204 870 1179 862 1161 839 Pale poly 1177 915 1204 915 1232 931 1263 931 1283 923 1301 931 1303 964 1316 984 1339 991 1352 1024 1369 1042 1369 1062 1352 1080 1329 1068 1331 1052 1306 1035 1281 1037 1281 1055 1222 1085 1164 1050 1166 1024 1161 999 1161 961 Foča poly 1204 1085 1166 1060 1146 1065 1136 1057 1121 1057 1121 1070 1111 1075 1085 1075 1085 1090 1098 1103 1090 1121 1116 1139 1126 1151 1118 1179 1126 1189 1141 1189 1151 1199 1164 1220 1189 1215 1199 1220 1217 1210 1215 1144 1227 1108 Gacko poly 1146 898 1166 915 1156 953 1156 991 1156 1012 1161 1022 1154 1047 1141 1052 1133 1045 1116 1057 1108 1070 1088 1062 1073 1050 1065 1027 1042 1027 1035 1027 1042 1012 1032 984 1060 989 1078 976 1080 953 1078 938 1100 928 Kalinovik poly 969 986 1029 994 1027 1014 1014 1027 1017 1042 1035 1045 1045 1035 1057 1035 1062 1047 1078 1065 1078 1090 1085 1100 1080 1128 1113 1146 1113 1166 1085 1169 1083 1197 1055 1182 1029 1171 1012 1161 981 1149 974 1136 958 1141 941 1126 953 1113 958 1068 971 1045 Nevesinje poly 1161 1222 1141 1194 1121 1199 1116 1189 1111 1171 1093 1174 1093 1202 1085 1204 1055 1192 1037 1202 1024 1217 1040 1248 1035 1260 1060 1278 1083 1293 1095 1306 1103 1326 1123 1334 1128 1346 1144 1346 Bileća poly 1182 1384 1182 1425 1164 1461 1139 1471 1108 1448 1083 1433 1060 1412 1037 1377 1009 1367 986 1341 969 1324 956 1301 948 1270 989 1291 989 1308 1014 1331 1047 1321 1060 1313 1068 1296 1103 1329 1123 1341 1131 1354 1149 1357 Trebinje poly 1075 1440 1057 1420 1032 1382 1012 1377 991 1357 976 1344 961 1324 941 1270 926 1278 928 1296 905 1288 900 1301 915 1321 926 1346 969 1369 1002 1402 1037 1425 1065 1450 Ravno poly 1019 1207 1032 1248 1027 1260 1065 1291 1055 1306 1042 1306 1042 1321 1027 1324 999 1306 994 1286 966 1278 936 1260 953 1242 971 1242 986 1225 1002 1212 1017 1215 1022 1232 Ljubinje poly 875 784 895 791 905 811 918 824 936 811 943 829 958 847 958 865 969 882 1004 877 1024 898 1019 915 1047 928 1065 908 1075 923 1070 938 1073 976 1057 981 1029 981 1002 981 948 979 933 966 910 948 895 936 885 900 885 877 860 865 852 839 852 819 862 801 862 791 Konjic poly 958 986 964 1012 961 1040 948 1055 933 1040 938 1022 943 1014 941 997 Istočni Mostar poly 1029 1179 1047 1184 1024 1207 1002 1202 984 1217 969 1227 956 1235 938 1240 946 1220 958 1207 958 1184 933 1179 936 1159 918 1154 933 1131 956 1151 971 1146 1004 1166 1004 1174 Berkovići poly 895 1245 931 1268 920 1283 900 1278 895 1288 880 1288 875 1296 860 1286 847 1291 837 1283 824 1303 811 1283 849 1265 842 1245 849 1242 865 1250 875 1245 Neum poly 804 913 844 936 847 946 867 953 877 946 895 953 926 969 938 979 938 994 936 1014 928 1037 943 1057 951 1075 948 1108 926 1128 915 1118 895 1146 875 1154 880 1133 872 1103 844 1106 844 1095 852 1078 837 1070 832 1047 847 1035 816 1014 794 994 773 971 763 964 771 953 781 953 789 938 778 933 789 918 Mostar poly 928 1189 951 1189 951 1204 936 1217 931 1232 926 1253 913 1245 885 1232 885 1217 885 1199 895 1179 903 1164 905 1156 908 1139 915 1131 913 1154 931 1164 Stolac poly 816 1192 834 1242 844 1232 860 1242 882 1242 862 1220 880 1220 880 1202 887 1179 900 1151 877 1156 860 1161 847 1151 847 1166 837 1171 816 1154 819 1171 811 1189 Čapljina poly 1428 903 1430 936 1390 943 1352 958 1349 941 1334 933 1316 951 1306 928 1326 928 1329 910 1341 915 1341 900 1352 882 1372 880 1390 890 1405 887 1423 890 Čajniče poly 1220 882 1232 855 1265 849 1283 855 1301 847 1308 865 1324 867 1324 877 1288 903 1268 898 1245 898 1245 887 Goražde poly 1291 824 1301 842 1278 844 1268 844 1237 852 1232 852 1217 877 1212 872 1227 847 1248 824 1268 827 Pale-Prača poly 1344 844 1364 847 1377 867 1357 875 1346 880 1334 900 1326 903 1321 926 1306 926 1291 923 1291 905 1316 890 1329 875 1324 862 1313 860 1306 847 1319 842 1334 847 Ustiprača poly 1273 905 1273 920 1245 928 1225 918 1212 908 1184 905 1169 913 1149 890 1166 890 1197 872 1217 887 1235 895 1242 898 Foča-Ustikolina poly 1554 664 1562 677 1519 705 1486 713 1458 700 1415 685 1423 710 1402 718 1384 685 1402 649 1384 639 1377 626 1392 629 1392 609 1410 598 1428 603 1458 614 1466 626 1486 631 1494 647 1481 662 1491 667 1514 667 1519 677 Srebrenica poly 1547 644 1562 657 1526 667 1499 657 1494 629 1471 621 1461 611 1428 596 1405 596 1387 606 1377 588 1357 571 1362 558 1377 560 1377 555 1395 563 1402 553 1420 543 1440 545 1448 571 1453 586 1483 611 1501 603 1506 611 1501 619 1516 636 Bratunac poly 1364 588 1384 611 1387 621 1374 621 1372 631 1379 647 1395 652 1379 682 1362 669 1346 652 1339 652 1324 634 1324 614 1329 598 1331 576 1341 563 1326 548 1334 535 1344 553 1352 571 Milići poly 1237 616 1260 624 1288 631 1298 624 1306 639 1319 634 1329 649 1329 657 1344 657 1357 674 1369 685 1359 700 1341 700 1326 692 1324 707 1308 695 1291 697 1281 685 1270 674 1263 664 1255 667 1235 657 1235 649 1225 644 1225 634 1237 629 Han Pijesak poly 1352 373 1374 388 1377 411 1357 418 1369 469 1349 487 1354 510 1359 525 1372 540 1390 538 1397 550 1377 553 1354 553 1339 525 1324 538 1306 525 1324 507 1324 489 1308 474 1296 461 1298 449 1308 446 1321 421 1321 408 1321 393 1336 383 Zvornik poly 1395 208 1445 218 1417 259 1430 289 1415 319 1402 347 1379 383 1354 368 1357 342 1339 330 1329 322 1306 314 1296 294 1283 289 1278 289 1288 261 1306 261 1306 241 1329 238 1344 228 1354 216 1364 205 1377 213 Bijeljina poly 1212 185 1227 198 1202 216 1227 228 1245 243 1278 243 1298 236 1296 254 1281 254 1265 287 1240 281 1230 284 1220 302 1202 297 1179 312 1166 312 1139 314 1131 297 1128 279 1139 261 1156 238 1169 221 1189 203 Brčko poly 1283 294 1298 319 1313 327 1329 330 1324 342 1352 345 1346 355 1331 373 1326 385 1321 370 1306 363 1286 365 1286 347 1273 345 1275 332 1275 317 Ugljevik poly 1268 292 1273 294 1270 319 1263 342 1273 347 1281 355 1286 375 1273 408 1255 408 1253 398 1235 398 1227 383 1210 368 1207 337 1227 327 1240 312 1235 297 1242 292 1250 287 Lopare poly 1321 543 1334 558 1324 576 1321 596 1316 616 1313 629 1301 616 1278 621 1260 616 1253 606 1242 606 1242 591 1248 581 1268 583 1286 560 1308 558 Vlasenica poly 1248 510 1270 520 1291 502 1303 510 1296 525 1306 538 1296 553 1281 553 1273 568 1263 571 1253 578 1232 581 1225 568 1222 548 1217 535 1225 525 1230 517 Šekovići poly 1291 469 1303 482 1316 487 1316 500 1296 500 1288 497 1270 510 1258 507 1258 497 1268 489 1263 484 1268 479 1281 482 Osmaci poly 1230 611 1227 629 1202 639 1166 662 1156 659 1144 659 1121 639 1136 626 1128 609 1118 598 1106 581 1095 581 1068 586 1070 576 1057 571 1068 558 1083 553 1116 535 1131 545 1128 558 1136 565 1133 581 1141 591 1161 606 1182 603 1187 614 1199 621 1217 614 Olovo poly 1121 652 1133 659 1133 669 1151 669 1156 667 1164 672 1154 692 1144 705 1128 718 1126 728 1113 730 1103 723 1088 728 1083 715 1075 713 1062 733 1050 740 1042 756 1024 723 1050 725 1062 720 1068 705 1078 705 1085 695 1083 677 1090 667 1093 682 1108 669 1103 659 Ilijaš poly 1004 786 1014 794 1027 786 1027 804 1037 804 1032 819 1032 834 1042 839 1032 847 1032 865 1014 865 1009 872 999 862 989 870 981 870 971 872 964 865 971 857 966 844 953 832 948 824 961 814 971 816 Hadžići poly 1047 778 1062 789 1060 796 1068 801 1060 816 1070 827 1078 832 1078 842 1057 842 1045 834 1040 827 1042 804 1032 791 1032 781 1019 781 1014 786 1014 776 1009 761 1017 756 1032 761 1035 776 Ilidža poly 1103 829 1118 832 1123 837 1149 842 1159 847 1151 857 1179 877 1169 885 1149 882 1139 890 1121 882 1108 875 1095 898 1088 915 1073 903 1062 903 1050 920 1032 913 1032 893 1014 877 1019 867 1035 867 1042 849 1065 847 1085 849 Trnovo poly 1133 733 1151 743 1139 768 1139 776 1121 806 1108 796 1118 786 1128 771 1126 761 Istočni Stari Grad poly 1080 799 1090 811 1095 814 1085 829 1073 822 1073 804 Istočna Ilidža poly 1078 725 1085 730 1106 730 1088 748 1088 761 1080 776 1057 758 1057 743 1068 743 1070 733 Vogošća poly 1113 735 1108 748 1113 758 1106 784 1113 789 1123 768 1118 758 1128 733 Sarajevo-Stari Grad poly 1103 740 1103 751 1108 758 1098 778 1090 771 1095 763 1090 753 Sarajevo-Centar poly 1050 761 1078 776 1078 791 1073 799 1070 786 1060 781 1052 773 1042 773 1042 763 Sarajevo-Novi Grad poly 1098 786 1100 796 1116 811 1116 824 1103 822 1103 814 1090 804 1088 794 Istočno Novo Sarajevo poly 1088 776 1095 778 1085 789 1085 778 Novo Sarajevo poly 1032 664 1019 685 1017 702 1027 705 1017 718 1032 753 1017 751 1004 751 991 745 981 733 981 723 964 715 948 690 936 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Kupres (RS) poly 598 550 606 568 629 586 644 603 652 621 657 652 644 672 619 664 603 664 591 662 573 669 555 647 530 634 512 616 540 621 540 601 553 583 555 573 568 560 558 555 571 538 588 548 Šipovo poly 669 487 680 502 697 525 692 538 707 548 707 563 707 583 695 583 682 578 664 581 649 598 639 591 642 565 626 545 624 538 629 522 636 510 626 512 634 500 629 484 647 492 Jajce poly 654 606 664 631 662 657 652 680 659 697 672 705 687 685 713 654 730 644 743 639 735 629 730 624 730 593 715 603 707 586 695 588 682 583 669 588 659 593 Donji Vakuf poly 751 639 718 664 690 690 677 713 685 748 697 751 702 745 710 745 718 768 735 756 735 728 745 725 758 710 773 707 778 692 784 682 778 672 771 662 766 649 Bugojno poly 794 702 806 718 806 733 822 733 832 745 852 756 860 756 875 771 855 784 847 784 824 796 819 799 804 791 789 786 768 786 756 786 730 778 735 763 743 758 743 738 751 733 766 718 Gornji Vakuf poly 728 786 740 786 751 799 761 791 776 799 789 796 814 806 829 804 852 789 844 816 844 827 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Zenica poly 855 609 867 624 880 626 877 642 857 642 857 659 857 687 839 692 822 669 827 662 822 647 834 639 829 626 839 616 Vitez poly 971 555 986 571 1024 576 1035 571 1027 586 1017 601 1014 639 1032 642 1027 654 1009 662 999 669 979 669 961 669 938 664 933 662 926 657 926 639 943 636 956 636 964 616 966 603 966 583 971 576 966 563 Kakanj poly 1093 586 1108 591 1108 611 1123 611 1128 621 1108 634 1116 642 1100 652 1090 664 1075 674 1062 672 1060 685 1047 680 1042 672 1042 672 1035 644 1045 639 1037 634 1024 634 1019 609 1032 598 1040 583 1042 581 1042 573 1062 578 1062 591 1078 591 1088 583 Vareš poly 1040 680 1045 687 1057 690 1068 690 1070 677 1073 680 1078 697 1065 697 1060 713 1052 718 1032 715 1035 705 1032 697 1024 690 Breza poly 1149 532 1139 550 1144 571 1144 581 1159 593 1169 601 1179 598 1194 609 1210 609 1212 601 1222 601 1232 586 1220 571 1220 548 1215 532 1220 520 1230 510 1220 510 1212 520 1197 515 1187 520 1177 522 1164 538 Kladanj poly 1207 434 1199 474 1215 477 1230 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Kladuša poly 145 170 155 190 162 195 162 208 172 210 183 228 177 243 157 246 150 243 129 251 122 251 109 246 109 231 96 221 86 228 79 210 79 195 63 167 74 162 86 162 104 167 109 162 122 160 Cazin poly 175 147 185 147 185 155 210 147 221 157 200 185 183 183 167 193 165 183 155 175 152 167 160 157 155 147 162 139 165 132 172 137 Bužim poly 223 167 233 183 264 193 241 203 233 203 228 210 236 233 243 251 256 269 271 271 287 292 292 292 292 302 271 319 274 327 261 322 246 327 231 327 216 335 200 327 188 302 165 304 165 279 185 274 190 254 180 246 185 231 185 213 175 200 183 188 200 195 Bosanska Krupa poly 71 216 61 226 79 281 56 292 79 332 99 342 124 335 129 355 142 352 157 375 175 385 180 403 167 423 185 434 205 464 218 487 226 520 203 520 236 543 233 563 233 598 251 591 248 578 261 560 279 550 274 522 269 510 269 477 269 467 238 456 213 439 193 416 193 396 190 368 200 368 210 383 213 365 216 350 195 335 185 314 165 314 155 292 162 271 180 271 180 256 155 251 142 251 132 261 117 261 104 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494 370 502 350 484 332 474 330 459 342 446 355 446 378 446 Petrovac (RS) poly 396 487 401 497 421 505 416 530 416 545 401 532 385 525 378 520 375 510 378 497 383 492 Istočni Drvar poly 413 451 416 477 411 489 423 502 426 527 423 548 434 548 459 571 469 576 482 553 487 520 497 527 510 515 510 502 502 484 500 472 502 467 520 461 530 461 530 446 520 429 527 401 510 406 502 385 494 393 502 413 497 423 507 434 497 444 477 456 Ribnik poly 474 583 487 591 505 593 510 609 535 616 535 591 548 571 555 563 555 548 571 530 581 532 596 520 606 522 614 497 624 492 621 484 634 472 634 461 611 461 593 461 598 446 593 431 588 423 576 446 555 456 540 456 538 467 525 472 510 479 517 494 517 515 500 530 489 538 487 558 Mrkonjić Grad poly 624 502 624 517 619 532 616 545 624 550 634 565 634 583 624 573 611 563 603 545 588 543 588 538 598 527 611 530 Jezero poly 690 423 700 439 705 451 718 467 718 477 745 502 751 510 763 510 776 530 740 527 735 517 720 512 705 497 692 484 677 474 659 484 639 482 642 464 642 451 644 439 636 426 631 413 629 401 626 388 639 380 647 388 639 413 649 421 662 434 682 423 Kneževo poly 751 370 753 406 773 411 773 434 763 449 768 456 784 456 786 479 801 484 794 497 806 505 799 517 778 527 773 505 753 502 751 487 725 469 723 456 702 439 700 426 690 411 677 418 664 423 649 411 652 388 659 375 667 360 685 360 685 370 702 373 715 378 Kotor Varoš poly 882 350 875 370 877 380 890 388 898 408 908 431 903 449 895 472 865 482 842 487 842 497 814 510 806 489 806 474 791 474 796 459 789 451 778 444 784 434 784 423 778 403 763 398 761 370 766 360 763 350 771 342 786 352 801 345 819 345 822 330 837 337 847 332 849 350 860 360 875 352 Teslić poly 601 226 611 248 611 266 621 276 631 279 639 299 647 307 647 325 636 330 636 352 616 363 626 378 619 393 624 413 636 436 624 454 609 454 601 423 588 416 571 426 565 441 548 446 538 446 525 421 532 398 512 396 515 375 505 363 492 355 500 342 487 325 474 319 472 299 492 294 500 302 527 302 527 284 517 269 532 259 525 243 553 213 565 213 573 208 588 208 Banja Luka poly 510 383 494 383 484 383 484 368 469 358 469 340 461 325 454 307 444 297 431 289 406 287 390 274 375 271 350 271 327 266 312 266 307 271 307 266 314 256 317 251 327 248 337 254 345 248 352 259 370 259 380 251 385 256 385 261 403 264 413 264 423 271 434 269 441 269 439 284 459 294 464 304 467 319 482 327 492 345 482 352 492 365 Oštra Luka poly 297 238 297 264 302 279 292 284 281 264 264 264 251 251 243 238 243 228 233 210 236 203 246 210 248 223 256 233 254 246 266 246 274 236 281 248 Krupa na Uni poly 449 160 487 170 502 167 500 175 507 183 527 188 527 193 540 193 545 210 535 231 517 243 522 264 510 264 515 292 497 292 492 284 469 287 464 289 444 279 449 266 436 264 423 264 413 256 403 259 393 259 390 248 378 243 373 254 363 254 352 243 352 236 352 218 368 218 375 198 388 195 388 185 385 177 390 165 393 157 411 160 416 155 429 160 434 155 Prijedor poly 337 112 307 137 307 150 297 183 292 193 269 193 248 208 261 228 261 241 276 226 287 243 292 236 304 236 304 246 322 246 335 243 342 241 347 231 342 226 345 213 363 213 368 195 380 193 373 177 380 172 388 147 373 139 370 127 363 127 360 112 345 109 Novi Grad poly 385 68 393 79 385 89 393 106 380 114 370 124 365 112 352 106 340 104 340 94 352 79 360 76 370 79 Kostajnica poly 512 43 512 66 535 71 535 91 532 104 525 109 525 124 525 142 525 150 515 150 494 160 484 162 459 157 444 139 434 147 416 147 396 150 393 142 378 137 378 124 388 122 398 112 390 94 398 84 418 86 439 86 469 94 487 68 Kozarska Dubica poly 548 74 560 94 598 112 626 109 634 86 654 99 654 112 687 114 702 104 702 119 685 134 685 160 682 175 680 195 664 195 647 195 647 205 624 205 616 205 598 213 598 200 586 195 568 203 548 203 543 188 525 183 510 165 522 155 538 152 535 132 532 119 540 101 Gradiška poly 713 117 740 119 758 129 789 112 804 119 834 142 819 155 819 165 811 170 804 183 794 180 766 193 758 198 761 216 748 221 740 208 733 208 718 208 715 218 713 195 700 193 687 193 695 177 695 167 695 152 692 137 702 127 Srbac poly 682 200 705 203 705 221 705 233 705 246 700 259 700 271 718 279 705 284 700 297 687 297 672 304 662 299 644 299 636 276 624 269 616 251 616 236 609 221 614 213 629 218 647 213 654 213 654 203 664 200 Laktaši poly 713 297 725 304 745 292 753 314 768 322 768 335 758 342 753 352 753 363 725 370 710 370 705 360 695 360 692 352 674 352 664 352 659 368 644 378 636 373 636 358 644 358 647 340 647 332 654 325 657 314 654 307 669 307 685 304 Čelinac poly 829 172 829 193 837 208 832 213 832 241 839 254 839 271 819 287 819 304 819 319 811 340 791 340 778 340 776 317 758 312 751 287 733 292 723 297 713 287 720 279 715 271 710 266 710 256 715 251 707 236 718 233 725 233 728 221 735 218 735 228 761 223 768 210 768 200 786 190 799 190 Prnjavor poly 882 170 910 165 923 157 923 172 933 175 961 177 948 193 936 198 943 208 933 228 926 241 910 241 908 243 910 264 893 271 875 279 852 276 847 261 849 248 837 236 837 210 844 198 837 188 842 167 829 167 837 155 855 155 877 147 877 165 Derventa poly 880 287 875 340 887 347 895 332 908 332 928 332 943 337 956 342 951 358 971 352 984 352 997 332 979 325 979 304 991 297 1002 289 1035 289 1017 276 1009 264 1002 254 994 261 971 243 961 238 956 221 966 210 961 190 948 200 948 223 936 241 926 251 918 251 918 259 903 271 903 289 893 297 890 287 Doboj poly 829 287 829 307 824 322 834 330 857 332 857 347 862 352 872 340 877 284 847 284 842 279 Stanari poly 989 251 1002 251 1017 261 1024 276 1045 281 1050 254 1060 241 1068 210 1085 213 1070 203 1073 193 1083 188 1068 183 1068 170 1057 180 1037 180 1024 183 1009 183 997 183 984 185 966 177 971 208 971 218 966 223 969 233 989 254 Modriča poly 918 101 885 122 880 145 882 162 908 162 918 155 928 160 928 170 946 170 956 172 974 172 981 172 986 155 1002 150 984 139 966 129 943 129 943 104 Bosanski Brod poly 1151 205 1159 218 1149 241 1136 254 1121 254 1121 243 1106 228 1098 216 1106 210 1113 210 1116 200 1126 213 Pelagićevo poly 1161 183 1156 195 1156 208 1166 213 1171 205 1184 193 Donji Žabar poly 1171 119 1171 145 1194 157 1194 170 1215 170 1215 177 1194 190 1177 185 1161 175 1144 170 1139 162 1151 152 1151 139 Orašje poly 1128 160 1146 145 1146 127 1133 119 1121 119 1116 137 1103 137 1111 155 Domaljevac-Šamac poly 1098 145 1111 162 1131 170 1149 175 1149 190 1144 205 1131 200 1116 193 1108 198 1100 205 1085 205 1080 198 1088 188 1078 175 1070 165 1065 157 1075 142 1090 137 Šamac poly 1017 101 1032 117 1050 117 1073 117 1090 134 1068 145 1055 155 1042 155 1037 165 1027 152 1009 150 989 134 999 119 984 112 1009 104 Odžak poly 1009 152 1027 160 1027 172 1037 172 1047 160 1062 165 1052 175 1032 177 1012 177 1002 175 989 175 997 160 Vukosavlje desc bottom-left </imagemap>In Bosnien kehrte indes eine militärische Pattsituation ein, die schließlich auf Drängen der US-Regierung in einem Gipfeltreffen nahe einer US-Luftwaffenbasis bei Dayton beigelegt werden sollte. Am 21. November 1995 wurde ein vorläufiger und am 14. Dezember ein formeller Friedensvertrag unterzeichnet. Das Abkommen von Dayton ordnete an, Bosnien-Herzegowina als Einheitsstaat zu erhalten, aber in zwei sehr autonome Teilrepubliken zu unterteilen,<ref name="Calic 2014" details="S. 324." /> wobei die Republika Srpska erhalten blieb. Am Ende des Bosnienkrieges standen ~100.000 Todesopfer, über 2.000.000 Vertriebene und ein hochkomplexes Staatsgebilde in Bosnien-Herzegowina, welches seit seiner Gründung und bis in die Gegenwart mit den ethnischen Konflikten seiner drei Staatsvölker hadert.<ref name="Calic 2014" details="S. 325." />
Kosovokrieg
Im Verlauf des Jahres 1997 brachen massive Unruhen im Kosovo aus, wo die UÇK (‚Befreiungsarmee des Kosovo‘) vor dem Hintergrund wachsender Polizeigewalt, der Einschränkung der kosovarischen Autonomie durch das serbische Parlament sowie der Ausklammerung der Kosovofrage aus dem Daytoner Abkommen von 1995 zur Rebellion gegen die jugoslawische Regierung überging. Die serbische Sonderpolizei und Armee waren mit großen Kontingenten im Kosovo aktiv und gingen brutal gegen tatsächliche und vermeintliche UÇK-Mitglieder vor. Weder Sanktionen der Europäischen Union noch die Vermittlungsversuche der Kosovo Contact Group brachten irgendwelche Veränderungen der Lage. Nach den Erfahrungen des Bosnienkrieges galten die Sympathien der westlichen Staaten aber eindeutig den Kosovo-Albanern; als im Januar 1999 insgesamt 45 Albaner im Massaker von Račak getötet wurden, entschieden sich die westlichen Staaten, ein ‚zweites Bosnien‘ verhindern zu wollen. Ein letzter Vermittlungsversuch der Kontaktgruppe mit dem Versuch, die jugoslawische Regierung zur Zustimmung zum Vertrag von Rambouillet (Februar/März 1999) bewegen, scheiterte, da die serbische Regierung von Slobodan Milošević sich weigerte, die Stationierung von NATO-Truppen auf serbischem Staatsgebiet zu akzeptieren.<ref name="Calic 2014" details="S. 325." /> Die NATO bereitete sich auf eine Bombardierung Serbiens im Zuge der Operation Allied Force vor, an der sich nach Wünschen der Allianz auch die deutsche Bundeswehr beteiligen sollte. Der Bundestag mandatierte die deutsche Beteiligung an der Intervention trotz heftiger Kontroversen.<ref name="Calic 2014" details="S. 326." />
Die NATO-Luftangriffe begannen am 24. März 1999; heftige Bombardements trafen militärische Einrichtungen, Industrieanlagen und kritische Infrastruktur in Serbien und im Kosovo. Die serbischen Sicherheitskräfte intensivierten ihre Razzien im Kosovo, aus dem innerhalb weniger Tage bis zu 800.000 Menschen nach Albanien und Nordmazedonien flüchteten. Westliche Militärs warfen den Serben einen „Hufeisenplan“ zur gezielten ethnischen Säuberung des Kosovo vor, was aber nicht der Wahrheit entsprach. Erst am 9. Juni 1999 lenkte Milošević unter dem anhaltenden Druck der Luftangriffe ein und stimmte der Einrichtung einer UN-Friedensmission im Kosovo zu. Die Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates regelte die Übergangsverwaltungsmission der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) und garantierte die Zugehörigkeit des Kosovo zur Bundesrepublik Jugoslawien.<ref name="Calic 2014" details="S. 326." />
Ende der Jugoslawienkriege
Das Kriegsende bedeutete auch den Schlusspunkt für die Karriere von Slobodan Milošević, der im Oktober 2000 eine heftige Wahlschlappe gegen die „Demokratische Opposition Serbiens“ einstecken musste, die ihn im Jahr 2001 an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auslieferte. Die UÇK setzte ihrer Terrorkampagne nach dem Waffenstillstand im Kosovo noch im Preševo-Tal fort, wo eine regionale albanische Mehrheit außerhalb des Kosovo innerhalb der serbischen Grenzen lebte. Die Kämpfer der UÇK hofften, wiederum eine internationale Intervention zu provozieren, die in der Angliederung der Region an den Kosovo enden würde. Außerdem exportierten sie ihren Terror auch ins westliche Nordmazedonien, wo es ebenfalls regionale albanische Bevölkerungsmehrheiten gab. Im Albanischen Aufstand in Mazedonien 2001 kamen mehr als 200 Menschen ums Leben und mehr als 100.000 flohen oder wurden vertrieben. Ein im August 2001 mit Beteiligung von USA und EU ausgehandeltes Abkommen garantierte den Albanern innerhalb Nordmazedoniens mehr Rechte, verweigerte aber eine territoriale Abtrennung.<ref name="Calic 2014" details="S. 326–327." />
Bundesrepublik Jugoslawien, 1992–2003
Gründung der BRJ
Der wichtigste serbische Politiker der 1990er war Slobodan Milošević, der in den 1980ern in der serbischen Parteiführung aufgestiegen war und seine Macht anschließend in der sogenannten »antibürokratischen Revolution« gefestigt hatte. Er präsentierte sich als serbischer Nationalist, trat als Gegner der Autonomie in der Vojvodina und im Kosovo auf und war für die serbischen Verfassungsänderungen vom 23. März 1989 führend verantwortlich, nach denen er zunächst der erste Präsident der Teilrepublik Serbien wurde.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 256, 261–262, 265, 268–272." /> Sein Plan, Jugoslawien umzugestalten, ging jedoch mit dem Boykott der slowenischen Delegation Anfang 1990 ins Leere.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 304." /> Daraufhin drückte er für Serbien eine neue Verfassung vom 28. September 1990 durchs Parlament, die Serbien als souverän und unabhängig bezeichnete und der serbischen Regierung auch das Recht auf internationale Diplomatie und Grenzsicherung garantierte. Damit hatte auch Serbien begonnen, noch vor den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens im Jahr 1991 die Dissolution des jugoslawischen Staatsverbands voranzutreiben.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 304." /> Statt sich wie einige seiner Parteikollegen auf den Erhalt der jugoslawischen Einheit zu versteifen, war Milošević durchaus bereit, Gebiete wie Slowenien aus dem Staatsverband zu entlassen, um sich stattdessen auf einen großserbischen Einheitsstaat zu konzentrieren, der die serbischen Minderheitsgebiete der anderen Teilrepubliken umfassen sollte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 319." />
Ende April 1992 entstand im jugoslawischen Rumpfparlament, aus dem die Delegationen der sezessionistischen Republiken (Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien) längst ausgeschieden waren, eine neue Verfassung für eine »Bundesrepublik Jugoslawien« (BRJ), in der lediglich Serbien und Montenegro Teilrepubliken waren.<ref name=":5" details="S. 59.">Annegret Bendiek: Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien und die Europäische Integration: Eine Analyse ausgewählter Politikfelder. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, ISBN 3-322-80965-X.</ref> Da sich das Parlament in seiner Erklärung vom 27. April 1992 jedoch auch zur alleinigen Rechtsnachfolgerin der SFRJ erklärt, verweigert die UNO dem neuen Staatsgebilde zunächst die Anerkennung.<ref name=":9" details="S. 550." />
Außenpolitik der BRJ
Am 4. Mai 1992 spaltete die BRJ-Regierung die bisherige Jugoslawische Volksarmee, wodurch die auf dem Gebiet Serbiens und Montenegros beheimateten Soldaten zur Armee Jugoslawiens (VJ) der verkleinerten BRJ neu zusammengefasst wurden. Die Soldaten aus den anderen Landesteilen, insbesondere die bosnischen Serben, werden zur Armee der serbischen Republik, die den Bosnienkrieg außerhalb der formellen Kommandostruktur der BRJ weiterführt.<ref name=":9" details="S. 550." />
Der neue Staat wurde ab Mai 1992 mit umfassenden wirtschaftlichen und diplomatischen Sanktionen der internationalen Gemeinschaft belegt, um die Regierung in Belgrad zu einem Einlenken in ihrer Kriegsführung in Bosnien-Herzegowina und in Kroatien zu zwingen.<ref name="Calic 2014" details="S. 320." /> Am 27. Mai 1992 erfolgte ein Handelsembargo der Europäischen Gemeinschaft (EG), dem sich die Vereinten Nationen am 30. Mai 1992 mit der UN-Resolution 757 anschlossen.<ref name=":5" details="S. 65." />
Außenpolitisch erkannte die BRJ am 13. August 1992 als ersten postjugoslawischen Staat Slowenien als unabhängig an.<ref name=":5" details="S. 57." /> Aufgrund des Kroatien- und Bosnienkrieges dauerte es noch bis 1996, dass die BRJ im Nachgang des Daytoner Abkommens (1995) auch diplomatische Beziehungen mit Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien aufnahm. Die Europäische Union (EU) erklärte sich daraufhin im April 1996 bereit, wieder bilaterale Beziehungen zwischen EU-Mitgliedsstaaten und der BRJ zu führen. Noch am 29. April 1997 erweiterte die EU trotz der eskalierenden Gewalt in der BRJ die Ausdehnung von autonomen Handelspräferenzen für die Belgrader Regierung.<ref name=":5" details="S. 68." /> Die Eskalationen der Kosovokrise und das brutale Vorgehen der polizeilichen und militärischen Kräfte der BRJ im Kosovo führten schließlich zur NATO-Intervention im Jahr 1999 (Operation Allied Force). Die NATO-Intervention wurde mit dem Abkommen von Kumanovo (9. Juni 1999) und dem damit einhergehenden Rückzug der BRJ-Truppen aus dem Kosovo beendet, woraufhin auf Basis der Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates die KFOR im Kosovo einrückte.<ref name=":5" details="S. 70." />
Montenegro in der BRJ
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Montenegro verblieb zunächst in der Union, nachdem sich die Montenegriner am 29. März und 1. April 1992 mehrheitlich für den Verbleib in Jugoslawien ausgesprochen hatten.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 303." /> Der Teilrepublik Montenegro stand seit 1991 der Ministerpräsident Milo Đukanović vor, der sich zwar Anfang der 1990er noch einer Union mit Serbien gegenüber loyal gezeigt hatte, sich aber im Verlauf des Jahrzehnts immer stärker von Milošević distanzierte und im Jahr 1998 auch seinen stärker serbientreuen Parteirivalen Momir Bulatović überflügelte. Ab den späten 1990ern war die Union zwischen Serbien und Montenegro brüchig. Đukanović verfolgte immer stärker sezessionistische Ambitionen für Montenegro, ließ sich aber auf EU-Druck davon überzeugen, ein Unabhängigkeitsprojekt zunächst zu verschieben. Er war der wichtigste Fürsprecher der Lockerung der Union im Jahr 2003, welche die BRJ in den Staatenbund Serbien und Montenegro überführte.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 473." />
Am 14. März 2002 unterzeichneten die serbischen und montenegrinischen Delegationen ein Abkommen in Belgrad,<ref name=":6" details="S. 299."></ref> in welchem sich die beiden Seiten einigten, die BRJ in einen loseren Staatenbund »Serbien und Montenegro« zu überführen.<ref name=":7" details="S. 296."></ref>
Serbien und Montenegro, 2003–2006
Im Februar 2003 trat an die Stelle der BRJ der lockere Staatsverband Serbien und Montenegro, der bereits zur Gründung in seiner neuen Verfassung eine dreijährige Frist für ein Referendum ansetzte, in dem über die Zukunft des Staatenbunds entschieden werden sollte. Für den Fall einer montenegrinischen Sezession sollte die Rechtsnachfolge der BRJ bzw. Serbiens und Montenegros auf Serbien übergehen.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 473." />
Im Juni 2006 verließ Montenegro die Staatenunion,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 23." /> nachdem sich in einem Unabhängigkeitsreferendum am 21. Mai 2006 eine knappe Mehrheit für die Selbstständigkeit ausgesprochen hatte. Das für die Unabhängigkeit nötige Quorom von 55 % Ja-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 50 % wurde mit 55,49 % Ja-Stimmen bei 86,4 % Wahlbeteiligung knapp erreicht.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 473–474." />
Eine letzte Sezession erfolgte im 17. Februar 2008 mit der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung. Die serbische Regierung erkannte die Unabhängigkeit der Republik Kosovo nie an.<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 23." />
Nachwirkung und Erinnerungskultur
Die Interpretation der jugoslawischen Geschichte war und ist innerhalb und außerhalb des postjugoslawischen Raums stark umkämpft.<ref></ref><ref>Ljiljana Radonić: Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen: Geschichtspolitik zwischen der "Anrufung Europas" und dem Fokus auf "unser" Leid (= Medien und kulturelle Erinnerung. Band 6). De Gruyter Oldenbourg, 2021, ISBN 978-3-11-072205-5.</ref><ref></ref> Der Begriff »Memorizid« als Bezeichnung der gezielten Vernichtung von Denkmälern, Monumenten, archäologischen Fundstellen und kulturellen Erinnerungsstätten wurde 1992 im Kontext der Jugoslawienkriege geprägt.<ref>Markus Vetter, Dunja Melčić: Synopse zu Opfern, Schäden und Flüchtlingen. In: Dunja Melčić (Hrsg.): Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Springer Fachmedien, 1999, ISBN 3-663-09609-2, S. 524–530.</ref>
Historiographie
Schon während der Jugoslawienkriege wurden unter Historikern heftige Debatten über die Kriegsschuld, die Rechtfertigung der serbischen Aufstände, den deutschen Alleingang in der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, das Staatssystem und die Izetbegović-Bewegung in Bosnien-Herzegowina, den gescheiterten Friedensplan von 1993 und die Genozidalität der Jugoslawienkriege geführt.<ref name=":6" details="S. 4." />
Jugo-Nostalgie
Der Zerfall Jugoslawiens brachte neben sozialer Verunsicherung und wirtschaftlicher Instabilität auch die rivalisierenden Nationalismen der jugoslawischen Nachfolgestaaten mit sich. Nicht zuletzt als Reaktion auf die nationalistischen Grabenkämpfe entwickelte sich im postjugoslawischen Raum in weiten Teilen der Bevölkerung eine starke Nostalgie für das ehemalige Jugoslawien (»Jugo-Nostalgie«, »Titostalgie«).<ref name=":2" details="S. 588–589." /> Im digitalen Raum gründete sich im September 1999 eine virtuelle Gemeinde unter dem Namen »Cyber-Jugoslawien«, in welchem sich ~17.000 überzeugte Jugoslawen aus den Nachfolgestaaten organisierten,<ref name="Sundhaussen 2012" details="S. 23." /> die eine lebhafte Online-Kultur mit parodischen Inhalten über die postjugoslawische Lebensrealität entwickelten.<ref></ref>
In der Rückschau betrachten die Menschen in Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Nordmazedonien den Zerfall Jugoslawiens überwiegend negativ, während die Bevölkerung im Kosovo und in Kroatien ihn mehrheitlich positiv betrachtet. In Slowenien ist die Meinung gespalten. Die älteren Generationen sehen den Zerfall Jugoslawiens negativer als junge Menschen. Besonders die serbischen Minderheiten außerhalb Serbiens bedauern den Zerfall Jugoslawiens.<ref>Polls Tracking Perceptions of Yugoslavia and Its Disintegration. In: rememberingyugoslavia.com. Abgerufen am 8. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Literatur
Übersichtswerke
- Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. C.H.Beck, 2014, ISBN 978-3-406-67757-1.
- Holm Sundhaussen: Geschichte Jugoslawiens 1918–1980. W. Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007289-7.
- Holm Sundhaussen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011: Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. Böhlau, 2012, ISBN 978-3-205-79609-1.
Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit
Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg
- Sara Berger et al. (Hrsg.): Besetztes Südosteuropa und Italien (= Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 14). De Gruyter Oldenbourg, 2017, ISBN 978-3-11-049518-8.
- Alexander Korb: Im Schatten des Weltkriegs: Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941–1945. Hamburger Edition, 2013, ISBN 978-3-86854-576-0.
- Klaus Schmider: Partisanenkrieg in Jugoslawien 1941–1944. Verlag E. S. Mittler & Sohn GmbH, 2002, ISBN 3-8132-0794-3.
Sozialistisches Jugoslawien
Jugoslawienkriege
- Annegret Bendiek: Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien und die Europäische Integration: Eine Analyse ausgewählter Politikfelder. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, ISBN 3-322-80965-X.
- Dunja Melčić (Hrsg.): Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Springer Fachmedien, 1999, ISBN 3-663-09609-2.
- Simone Richter: Journalisten zwischen den Fronten: Kriegsberichterstattung am Beispiel Jugoslawien. Springer Fachmedien, 1999, ISBN 3-663-07811-6.
Weblinks
- Yugoslavia. A country study edited by Glenn E. Curtis. Federal Research Division, Library of Congress (1992).
- Korfu-Deklaration (englisch)
- Text der Jugoslawischen Verfassung von 1974 auf wikisource (slowenisch)
- Landeszentrale für politische Bildung Niedersachsen, 2004 (PDF; 612 kB)
- Deutsche Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1945
- Seekrieg der Tito-Partisanen
- Erich Rahtfelder: Mythen für den neuen Krieg. In: taz vom 7. Mai 2005, S. 7. (Artikel zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZs Jasenovac und den jugoslawischen Geschichtsmythen)
- Yugoslavia: The Outworn Structure. CIA Intelligence Report. (1970) (PDF; 3,7 MB)
Einzelnachweise
<references responsive=""> </references>