Tocopherole
Tocopherole ist ein Sammelbegriff für verschiedene fettlösliche Substanzen, die einen modifizierten Chromanring mit einer gesättigten Seitenkette haben. Hiervon weisen die (RRR)-Stereoisomere eine biologische, antioxidative Aktivität auf und werden dann dem Vitamin E zugeordnet.<ref name="Umschau">Vorlage:Literatur</ref> Häufig wird der Begriff Vitamin E allein für (RRR)-α-Tocopherol, die am besten erforschte Form von Vitamin E, verwendet. Ferner gibt es noch MDT (marine derived tocopherols).
Der Name leitet sich von den altgriechischen Wörtern Vorlage:Lang „Geburt, Nachkommen“ und Vorlage:Lang „tragen, bringen“ ab, da man einen Einfluss auf die Reproduktionsfähigkeit von Ratten als erstes entdeckte. Die Endsilbe „ol“ weist auf den chemischen Charakter eines Alkohols hin.
(RRR)-Tocopherole sind Bestandteile aller Membranen tierischer Zellen, werden jedoch nur von photosynthetisch aktiven Organismen wie Pflanzen und Cyanobakterien gebildet.
Geschichte
Vitamin E wurde als „Fruchtbarkeits-Vitamin“ entdeckt und als „Fortpflanzungsvitamin“<ref>„Vitamin der Fortpflanzung“. Quelle: Theodor Brugsch: Lehrbuch der inneren Medizin. 1. Band. 5. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1940, S. 236.</ref> sowie als „Antisterilitätsvitamin“ beschrieben.<ref>Max Bürger: Einführung in die innere Medizin. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1952, S. 307 und 317 („Der Kliniker“).</ref> Herbert M. Evans und Katherine S. Bishop wiesen 1922 als erste auf einen bis dahin unbekannten fettlöslichen Faktor hin, der für die Reproduktion von Ratten notwendig war.<ref>H. M. Evans, K. S. Bishop: On the existence of a hitherto unrecognized dietary factor essential for reproduction. In: Science, Dezember 1922, Band 56, Nummer 1458, S. 650–651; doi:10.1126/science.56.1458.650, PMID 17838496.</ref> In den Folgejahren wurde dieser Faktor in Form von α-Tocopherol<ref name="Handbuch">Vorlage:Literatur</ref> vor allem aus Weizenkeimöl, Hafer und Mais isoliert, als Vitamin erkannt und aufgrund der bereits bekannten Vitamine A, B, C und D nun Vitamin „E“ genannt. Die antioxidative Wirkung wurde durch Harold S. Olcott und Oliver H. Emerson (Gladys Anderson Emersons Ehemann) 1937 beschrieben.<ref name="Umschau" /><ref>Vorlage:Literatur</ref> 1938 wurde die Struktur von Vitamin E (hier α-Tocopherol) von Erhard Fernholz aufgeklärt, zudem kam es im selben Jahr zur ersten chemischen Synthese durch Paul Karrer.
1968 wurde Vitamin E als essentieller Nährstoff durch das Food and Nutrition Board anerkannt.<ref name="Handbuch" />
Beschreibung
Die Grundstruktur aller Vitamin-E-Formen bildet ein an Position 6 hydroxylierter Chromanring, dessen Methylierung diese in eine α-, β-, γ- oder δ-Form unterteilt. Durch unterschiedlich gesättigte Seitenketten werden wieder vier Familien unterschieden, nämlich die
- Tocopherole mit einer gesättigten Seitenkette
- Tocomonoenole (T1) und marinen Tocopherole (MDT) mit einer einfach ungesättigten Seitenkette und die
- Tocotrienole (T3) mit einer dreifach ungesättigten Seitenkette.
Weitere natürlich vorkommende Tocopherole sind 5,7-Dimethyltocol und 7-Methyltocol. Beide wurden 1956 aus Reiskeimöl isoliert. Die Synthese für 5,7-Dimethyltocol erfolgte bereits 1938 und für 7-Methyltocol 1958.<ref>Merck-Index. 14th Ed. with CD-ROM. Merck, Whitehouse Station NJ, ISBN 978-0-911910-00-1.</ref>
Die C2-Position am Chormanring sowie die C4’- und C8’-Positionen der Phythylseitenkette bei Tocopherol sind chiral, es sind damit acht Stereoisomere möglich. Tocopherole liegen natürlicherseits ausschließlich in einer (RRR)-Konfiguration vor.<ref name="Handbuch" /> Die natürlich vorkommende (RRR)-Form von Vitamin E wurde auch als D-Form bezeichnet (D-α-Tocopherol). Die synthetisch hergestellte Form bildet ein Gemisch aus acht Stereoisomeren (all-rac), sie wurde ehemals DL-Form genannt (DL-α-Tocopherol). Im Handel sind ferner Ester als Acetate, Succinate oder Nicotinate beziehbar.<ref name="Handbuch" />
Tocopherole erscheinen gelblich-braun bzw. bernsteinfarben und sind in Wasser unlöslich.<ref name="Umschau" /><ref name="Handbuch" /> In organischen Lösungsmitteln wie Aceton, Dichlormethan und Ether ist die Löslichkeit erhöht. Zwar sind Tocopherole oxidationsempfindlich (außer in veresterter Form), gegenüber Säuren und Alkalien aber sehr stabil. Bei Raumtemperatur ist Tocopherol flüssig-viskos.<ref name="Umschau" />
| Name | Struktur der (RRR)-Isomere | R1 | R2 |
|---|---|---|---|
| α-Tocopherol | Datei:(RRR)-Tocopherols Structural Formulae V.1.svg | CH3 | CH3 |
| β-Tocopherol | CH3 | H | |
| γ-Tocopherol | H | CH3 | |
| δ-Tocopherol | H | H |
| Name | Struktur der (R)-Isomere | R1 | R2 |
|---|---|---|---|
| α-Tocotrienol | Datei:(R)-Tocotrienol (R3=CH3) V.1.svg | CH3 | CH3 |
| β-Tocotrienol | CH3 | H | |
| γ-Tocotrienol | H | CH3 | |
| δ-Tocotrienol | H | H |
| Name | Struktur der (RRR)-Isomere | R1 | R2 |
|---|---|---|---|
| α-Tocomonoenol | Datei:(RRR)-Tocomonoenols Structural Formulae V.1.svg | CH3 | CH3 |
| β-Tocomonoenol | CH3 | H | |
| γ-Tocomonoenol | H | CH3 | |
| δ-Tocomonoenol | H | H |
| Name | Struktur der (RRR)-Isomere | R1 | R2 |
|---|---|---|---|
| α-MDT | Datei:(RRR)-Tocomonoenols terminal Structural Formulae V.1.svg | CH3 | CH3 |
| β-MDT | CH3 | H | |
| γ-MDT | H | CH3 | |
| δ-MDT | H | H |
Plastochromanol
Plastochromanole sind eine Gruppe von Molekülen die von Pflanzen gegen die Lipidperoxidation produziert werden und die mögliche prooxidative Aktivität von α-Tocopherol verhindern können.<ref name="plasto">B. Nowicka, J. Gruszka, J. Kruk: Function of plastochromanol and other biological prenyllipids in the inhibition of lipid peroxidation-A comparative study in model systems. In: Biochimica et Biophysica Acta, Februar 2013, Band 1828, Nummer 2, S. 233–240; doi:10.1016/j.bbamem.2012.08.018, PMID 22959712.</ref> Bei γ-Tocotrienol handelt es sich um Plastochromanol-3. Plastochromanole kommen beispielsweise in Leinöl, Leindotteröl, Sacha Inchi und Arabidopsis<ref>R. Szymańska, J. Kruk: Identification of hydroxy-plastochromanol in Arabidopsis leaves. In: Acta biochimica Polonica, 2010, Band 57, Nummer 1, S. 105–108; PMID 20234882.</ref> vor.
Aufgabe/Funktion im Körper
Eine seiner wichtigsten Funktionen ist die eines lipidlöslichen Antioxidans,<ref name="Agostoni">Vorlage:Literatur</ref> das in der Lage ist, mehrfach ungesättigte Fettsäuren in Membranlipiden, Lipoproteinen und Depotfett vor einer Zerstörung durch Oxidation (Lipidperoxidation) zu schützen. Freie Radikale würden die Doppelbindungen der Fettsäuren der Zell- und Organellmembranen angreifen. Tocopherol wirkt als Radikalfänger, indem es selbst zu einem reaktionsträgen, da mesomeriestabilisierten Radikal wird. Das Tocopherol-Radikal wird dann unter Bildung eines Ascorbatradikals reduziert. Das Ascorbatradikal wird mit Hilfe von Glutathion (GSH) regeneriert. Dabei werden zwei Monomere (GSH) zu einem Dimer (GSSG) oxidiert.
Vitamin E hat Funktionen in der Steuerung der Keimdrüsen und wird daher auch als Antisterilitätsvitamin bezeichnet.
Der menschliche Körper kann am besten (RRR)-α-Tocopherol speichern und transportieren.
Im Blutplasma liegt insbesondere (RRR)-α-Tocopherol als Vitamin-E-Form vor. Dies liegt daran, dass das in der Leber gebildete α-Tocopherol-Transferprotein (α-TTP) bevorzugt dieses Stereoisomer bindet.<ref name="Agostoni" /> Es findet ferner eine Unterscheidung zwischen RRR- und SRR-α-Tocopherol-Stereoisomeren statt, da zur Bindung in einer Bindungstasche von α-TTP die R-stereochemische Konfiguration C2 vorliegen muss.<ref name="Umschau" /> Via α-TTP wird α-Tocopherol dann für den Transport im Blut in VLDL inkorporiert und schließlich in Form von HDL im Körper verteilt.<ref name="Agostoni" />
Durch die Speicherkapazität kann eine einmalige Gabe für längere Zeit wirken. Das im Wesentlichen in Sojaprodukten vorkommende γ-Tocopherol zeigt eine geringere Aktivität. Neuerdings wird aber diskutiert, ob diesem eine besondere Rolle zugeschrieben werden muss.<ref name="BfR/Aspekte">Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln. Toxikologische und ernährungsphysiologische Aspekte. (PDF; 1,3 MB) Bundesinstitut für Risikobewertung, S. 88 ff.; abgerufen am 9. Juli 2009</ref> In humanem LDL, einem Lipoprotein, sind α-Tocopherol und in geringer Konzentration auch γ-Tocopherol vorhanden.
Die biologische Aktivität unterscheidet sich unter den Vitameren. Bezogen auf α-Tocopherol (100 %) weist β-Tocopherol 50 %, γ-Tocopherol 10 %, δ-Tocopherol 3 %, α-Tocotrienol 30 % und β-Tocotrienol 5 % der Aktivität auf.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>
Besondere Eigenschaften von α-Tocopherol
α-Tocopherol, das am meisten verwendete und auch synthetisch hergestellte Isomer von Vitamin E hat einige positive und weniger positive Eigenschaften im Vergleich zu anderen Tocochromanolen:
- Es wird vom Transportprotein TTP in Säugetieren bevorzugt transportiert und in der Leber gespeichert.
- Es kann sogar pro-oxidativ wirken, also die Haltbarkeit von Lipiden (Speiseölen) verschlechtern.<ref>T. Bakır, I. Sönmezoğlu, F. Imer, R. Apak: Antioxidant/prooxidant effects of α-tocopherol, quercetin and isorhamnetin on linoleic acid peroxidation induced by Cu(II) and H2O2. In: International journal of food sciences and nutrition, März 2014, Band 65, Nummer 2, S. 226–234; doi:10.3109/09637486.2013.845654, PMID 24152374.</ref> Diese pro-oxidative Wirkung wird von Plastochromanolen verhindert.<ref name="plasto" />
- Während sehr geringe Mengen die Cholesterinproduktion leicht drosseln, bewirken größere Mengen (im Tierversuch bei Meerschweinchen ab 5 mg/d) eine deutliche Steigerung des Plasma-Cholesterins.<ref name="cholesterin">H. Khor, T. Ng, R. Rajendran: Dose-dependent cholesterolemic activity of tocotrienols. In: Malaysian journal of nutrition, September 2002, Band 8, Nummer 2, S. 157–166; PMID 22692474.</ref>
- Die cholesterinsenkende Eigenschaft von Tocotrienolen wird durch alpha-Tocopherol stark reduziert.<ref name="cholesterin" />
Vorkommen
| Lebensmittel | Gehalt mg/100 g |
|---|---|
| Weizenkeimöl | 215,4 |
| Sonnenblumenöl | 55,8 |
| Erdnussöl | 17,2 |
| Olivenöl | 12,0 |
| Weizenkleie | 2,4 |
| Mais | 2,0 |
| Haferflocken | 1,5 |
| Spargel | 2,0 |
| Tomate | 0,9 |
| Möhre | 0,6 |
| Blumenkohl | 0,1 |
| Mandel | 25,0 |
| Haselnuss | 25,0 |
| Walnuss | 6,2 |
Tocopherol kommen sowohl in tierischen als auch pflanzlichen Nahrungsmitteln vor, wobei die Gehalte bei letzteren wesentlich höher sind. Besonders hohe Gehalte an Vitamin E weisen pflanzliche Öle auf, in der Regel überwiegt der Anteil von α-Tocopherol.<ref name="Handbuch" /> Dagegen dominiert in Sojaöl γ-Tocopherol. Je mehr ungesättigte Fettsäuren in den Ölen enthalten sind, desto mehr Vitamin E kommt darin vor.
Gemüse enthält im Vergleich zu den Ölen wenig Vitamin E, allgemein kommt in grünen Pflanzenteilen abhängig von der Menge an Chloroplasten viel α-Tocopherol vor. Daneben findet man es auch in anderen, „gelben“ Pflanzenteilen wie Wurzeln oder Früchten, dort korreliert es mit dem Gehalt an Chromoplasten (überwiegend als γ-Tocopherol).<ref name="Handbuch" />
Vitamin E wird nur in Pflanzen aufgebaut, die Biosynthese startet aus Homogentisinsäure sowie Phytylpyrophosphat größtenteils in den Plastiden.<ref>Vorlage:Literatur</ref>
In Palmöl wurde auch α-Tocomonoenol nachgewiesen, während manche marinen Organismen das sogenannte marine Tocopherol (marine derived tocopherol, MDT) enthalten.<ref name="Zingg">J. M. Zingg: Molecular and cellular activities of vitamin E analogues. In: Mini-Rev Med Chem., 2007, 7(5), S. 543–558, PMID 17504191, doi:10.2174/138955707780619608.</ref><ref>Y. Yamamoto, A. Fujisawa, A. Hara, W. C. Dunlap: An unusual vitamin E constituent (alpha-tocomonoenol) provides enhanced antioxidant protection in marine organisms adapted to cold-water environments. In: Proc. Natl. Acad. Sci. USA., 2001, 98(23), S. 13144–13148; PMID 11687648, doi:10.1073/pnas.241024298.</ref>
Bedarf
Vorlage:Hauptartikel Der Mindestbedarf an Vitamin E beträgt 4 mg/d, zuzüglich etwa 0,4 mg pro Gramm Zufuhr an mehrfach ungesättigten Fettsäuren.<ref name="BfR/Aspekte" /> Um die von verschiedenen Autoren als protektiv angesehenen Plasmaspiegel zu erreichen, ist eine Zufuhr von 20 bis 35 mg/d erforderlich. Aufgrund der geringen Toxizität<ref name="BfR/Aspekte" /><ref>H. Kappus, A. T. Diplock: Tolerance and safety of vitamin E: a toxicological position report. In: Free Radic. Biol. Med., 1992, 13(1), S. 55–74; PMID 1628854.</ref> werden teilweise Dosierungen von 268 mg/d empfohlen.<ref>WC Willett, MJ Stampfer: Clinical practice. What vitamins should I be taking, doctor? In: N. Engl. J. Med., 2001, 345(25), S. 1819–1824; PMID 11752359.</ref> Der Plasmaspiegel sollte oberhalb von 30 µmol/l liegen (bei einem Cholesterinwert von 220 mg/dl).<ref>Karl-Heinz Bässler et al.: Vitamin-Lexikon. 3. Auflage. Urban und Fischer, München 2002, ISBN 3-437-21141-2.</ref>
Mangelerscheinungen beim Menschen (Hypovitaminosen) sind heutzutage in Europa sehr selten, da Tocopherol sehr gut in der Leber und im Fettgewebe gespeichert werden kann. Nachgewiesene Mangelerscheinungen treten meist nur im Zusammenhang mit Krankheiten wie z. B. einer exokrinen Pankreasinsuffizienz<ref>Katja M. Aue: DIE Pankreasdiät gibt es nicht: Ernährungstherapie bei Pankreaserkrankungen. In: Deutsche Apothekerzeitung, 2012, Nr. 35, S. 54.</ref> oder einer Verminderung des Gallenflusses<ref>Claudia Borchard-Tuch: Gallenleiden: Von Entzündung bis Karzinom. In: Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 07/2015.</ref> auf, bei denen gleichzeitig die Aufnahme von Fetten gestört ist.
Genauso wie die fettlöslichen Vitamine Vitamin A, Vitamin D und Vitamin K werden (RRR)-α-Tocopherol und die (2R)-Stereoisomere [(RSR)-, (RRS)- und (RSS)-α-Tocopherol] im Fettgewebe bzw. Blutplasma des Körpers angereichert. Die synthetisch hergestellten (2S)-Stereoisomere [(SRR)-, (SSR)-, (SRS)- und (SSS)-α-Tocopherol] werden hingegen nicht im Blutplasma gespeichert.<ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>M. G. Traber: Vitamin E. In: M. E Shils, J. A Olson, M. Shike, A. C Ross: Modern Nutrition in Health and Disease. 9th Edition. Williams and Wilkins, Baltimore MD 1999.</ref>
Das BfR hat auf Basis der sogenannten akzeptablen täglichen Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake, ADI) bei 0,15–2 mg/kg Körpergewicht neue Grenzen für eine akzeptable Tagesaufnahmemenge festgelegt. Bei einem Referenzkörpergewicht für Erwachsene von 70 kg entspricht diese 105–140 mg Vitamin E. Jugendliche der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen haben ein Referenzgewicht von 61,3 kg, wodurch die tägliche Aufnahme von 92–123 mg Vitamin E als akzeptabel bewertet wird.<ref name="BfR/Höchstmengenvorschläge">Vorlage:Internetquelle</ref>
Das BfR schlägt für Nahrungsergänzungsmittel eine Höchstmenge von 30 mg pro Tag vor, warnt aber davor, dass bei Männern ab 55 Jahren bei einer unkontrollierten Supplementierung das Risiko für Prostatakrebs erhöht werden kann.<ref name="BfR/Höchstmengenvorschläge" />
Pharmakoepidemiologische Untersuchungen zum Tocopherol
Zur Pharmakoepidemiologie des α-Tocopherols liegen umfangreiche Daten aus den Nationalen Untersuchungs-Surveys der Deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie (DHP)<ref>Forschungsverbund DHP (Hrsg.): Die Deutsche Herz-Kreislauf-Präventionsstudie. Hans Huber, Berlin / Göttingen / Toronto / Seattle 1998, ISBN 3-456-83011-4</ref> und aus dem Bundes-Gesundheitssurvey für die Bevölkerung vor.<ref>H. Knopf, H.-U. Melchert: Bundes-Gesundheitssurvey – Arzneimittelgebrauch – Konsumverhalten in Deutschland. (PDF) Robert Koch-Institut, Berlin 2003, ISBN 3-89606-147-X.</ref><ref>H. U. Melchert, H. Knopf, E. Pabel, M. Braemer-Hauth, Y. Du: Co- and multimedication in users of ASA and vitamin E drugs in the Federal Republic of Germany. Results of the Federal Health Surveys 1984–1999. In: Int. J. Clin. Pharmacol. Ther., 2001, 39(11), S. 488–491; PMID 11727969.</ref> Durch die regelmäßige Anwendung α-tocopherolhaltiger Präparate kommt es danach zu einer dosisabhängigen und statistisch signifikanten Verringerung des β- und des γ-Tocopherols im Serum.<ref>H.-U. Melchert, E. Pabel: The Tocopherol Pattern in Human Serum Is Markedly Influenced by Intake of Vitamin E Drugs – Results of the German National Health Surveys. In: JAOCS, 1998, 75 (No. 2), S. 213–216; dss.go.th (PDF; 0,5 MB).</ref> Gesundheitliche Aspekte einer möglichen erhöhten Blutungsneigung unter Komedikation mit Acetylsalicylsäurepräparaten werden in der Literatur diskutiert.<ref>Co-medication and multimedication in users of acetylsalicylic acid and vitamin E in Germany. Special review in: J.K. Aronson: Side Effects of Drugs Annual 26.Elsevier, Amsterdam / Boston / Heidelberg 2003; Vorlage:Google Buch.</ref> Auch zu Tocopheroloxidationsprodukten, wie z. B. dem Tocopherolchinon liegen Untersuchungsergebnisse aus Survey-Daten vor.<ref>Dagmar Pollok: Bestimmung von Tocopheroloxidationsprodukten im Humanserum. Dissertation, TU Berlin, 2004, tu-berlin.de</ref>
Auch aus der Berliner Studie an Vegetariern liegen Daten zum Gehalt an Tocopherolen im Serum der Studienteilnehmer vor. Trotz höherer Aufnahme an Tocopherolen waren die Tocopherolgehalte im Serum der Vegetarier niedriger als bei den Vergleichspersonen.<ref>H.-U. Melchert, J. Eichberg: α- und γ-Tocopherol-Status und Fettsäurespektren in Seren von Vegetariern und Nichtvegetariern. In: Fett Wissenschaft Technologie, 1990, Vol. 92, No. 6, S. 236–240; doi:10.1002/lipi.19900920607</ref>
In einer großangelegten Studie an 35533 Männern<ref>Lippman et al.: Effect of selenium and vitamin E on risk of prostate cancer and other cancers: the Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT). 2009; PMID 19066370.</ref> wurde untersucht, ob Vitamin E gegen Prostatakrebs schützt. Verwendet wurden 400 IE/d all rac-α-tocopheryl acetate (synthetisch hergestelltes dl-α-Tocopherylacetat). Im Ergebnis trat Prostatakrebs zu 17 Prozent häufiger im Vergleich zur Kontrollgruppe auf.<ref>Klein et al.: Molecular and cellular activities of vitamin E analogues. 2011; PMID 21990298.</ref> Dagegen wurde bei mehreren in vitro-Studien mit den gamma-Isomeren (gTP bzw. gTE) eine apoptotische Wirkung auf Prostatakrebszellen beobachtet.<ref>Jiang et al.: Gamma-tocotrienol induces apoptosis and autophagy in prostate cancer cells by increasing intracellular dihydrosphingosine and dihydroceramide. 2011; PMID 21400505.</ref><ref>Constantinou et al.: Induction of DNA Damage and Caspase-Independent Programmed Cell Death by Vitamin E. 2011; PMID 22172208.</ref><ref>Jiang et al.: gamma-Tocopherol or combinations of vitamin E forms induce cell death in human prostate cancer cells by interrupting sphingolipid synthesis. 2004; PMID 15596715.</ref> Zu ähnlich positiven Ergebnissen hinsichtlich der Schutzwirkung der Tocopherole kommt eine Multizentrische Studie mit mehr als 2000 Studienteilnehmern unter Berücksichtigung ernährungsepidemiologischer Daten zur Tocopherolaufnahme mit der Nahrung.<ref>S. O. Antwi, S. E. Steck, L. J. Su, J. R. Hébert, H. Zhang, E. T. Fontham, G. J. Smith, J. T. Bensen, J. L. Mohler, L. Arab: Dietary, supplement, and adipose tissue tocopherol levels in relation to prostate cancer aggressiveness among African and European Americans: The North Carolina-Louisiana Prostate Cancer Project (PCaP). In: Prostate, 5. Juni 2015; doi:10.1002/pros.23025. PMID 26053590.</ref>
Verwendung
Tocopherole werden in der Lebensmittelindustrie als Antioxidationsmittel verwendet. Sie sind in der EU als Lebensmittelzusatzstoffe der Nummern E 306 (Tocopherol-haltige Extrakte), E 307 (Alpha-), E 308 (Gamma-) und E 309 (Delta-Tocopherol) für alle für Zusatzstoffe zugelassenen Nahrungsmittel, zum Teil (in Form von tocopherolhaltigen Extrakten natürlichen Ursprungs) auch für „Bio“-Lebensmittel (E 306), zugelassen.
Neben Lebensmitteln wird Vitamin E auch Kosmetika (Sonnenschutzmitteln) und Anstrichmitteln zugesetzt sowie in künstlichen Gelenken zur höheren Beständigkeit gegen die Oxidation des verwendeten Kunststoffs.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Bei Kondomen soll eine Vitamin-E-Beschichtung u. a. die Reißfestigkeit erhöhen.
Auch im Adjuvans AS03 im COVID-19-Impfstoff GBP510 wird DL-α-Tocopherol verwendet.<ref>Vorlage:Literatur</ref>
Mit Sebacinsäure und Polyethylenglycol verestert erhält man das nichtionische Tensid Polyoxyethanyl-α-tocopherylsebacat (PTS), das als Hilfsmittel bei der Phasentransferkatalyse eingesetzt werden kann.<ref>Miriam Seßler, Jürgen Schatz: Organometall-Reaktionen in Wasser. In: Chemie in unserer Zeit, 2012, Band 46, S. 48–59.</ref>
Analytik
Die heute fast ausschließlich eingesetzten Methoden zur zuverlässigen qualitativen und quantitativen Bestimmung der einzelnen Tocopherole sind die HPLC, die Gaschromatographie und die Kopplungsverfahren der HPLC-MS<ref>Kornél Nagy, Marie-Claude Courtet-Compondu, Birgit Holst, Martin Kussmann: Comprehensive analysis of vitamin E constituents in human plasma by liquid chromatography-mass spectrometry. In: Anal. Chem., 2007,79(18), S. 7087–7096, PMID 17696496.</ref> und der GC/MS mit der Probenvorbereitung der zu untersuchenden Öle durch die Anwendung der lipophilen Gelchromatographie an modifiziertem Sephadex LH 20.<ref>W Wachs, HU Melchert: Eine neue Methode zur quantitativen Bestimmung von Tocopherolen in Pflanzenölen. In: Deutsche Lebensmittel-Rundschau, Juli 1971, 67(7), S. 221–225.</ref><ref>HU Melchert, E. Pabel: Quantitative determination of alpha-, beta-, gamma- and delta-tocopherols in human serum by high-performance liquid chromatography and gas chromatography-mass spectrometry as trimethylsilyl derivatives with a two-step sample preparation. In: J Chromatogr A., 2000, 896(1-2), S. 209–215; PMID 11093656.</ref><ref>S Uluata, N Ozdemir: Antioxidant Activities and Oxidative Stabilities of Some Unconventional Oilseeds. In: J Am Oil Chem Soc., April 2012, 89(4), S. 551–559; PMID 22467958</ref> Beide Verfahren werden sowohl in der lebensmittelchemischen Analytik als auch bei pharmazeutischen und physiologischen Fragestellungen verwandt. Das Massenspektrum des Tocopherols findet sich auch in der Spektrenbibliothek des NIST.<ref>Vorlage:NIST</ref> In Abhängigkeit von den zu untersuchenden Matrices empfehlen sich adäquate Probenvorbereitungsverfahren wie z. B. Extraktionsmethoden, auch unter Einsatz von Festphasenextraktionssäulen oder anderen Extraktionshilfsmitteln wie z. B. dem aus Diatomeenerde hergestellten Extrelut.<ref>H-U Melchert, E Pabel: The Tocopherol Pattern in Human Serum Is Markedly Influenced by Intake of Vitamin E Drugs – Results of the German National Health Surveys. In: J Am Oil Chem Soc., 1998, 75(2), S. 213–216.</ref> Die früher häufig eingesetzten photometrischen Verfahren finden fast keine Verwendung mehr, da sie in der Regel keine Unterscheidung der einzelnen Tocopherole zulassen. Stereoisomere racemischen alpha-Tocopherols lassen sich sowohl durch HPLC als auch durch Gaschromatographie trennen.<ref>G. Kłaczkow, E. L. Anuszewska: Determination of the stereoisomers of racemic alpha-tocopherol in pharmaceutical preparations by high-performance liquid chromatography and gas chromatography. In: Acta Pol. Pharm., 2008, 65(6), S. 715–721; PMID 19172854.</ref>
Siehe auch
Literatur
Einzelnachweise
<references />
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- Alkylphenol
- Toluol
- Dihydropyran
- Trimethylbenzol
- Stoffgruppe
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- Arzneistoff
- Antioxidationsmittel
- Lebensmittelzusatzstoff (EU)
- Futtermittelzusatzstoff (EU)
- Kaffeeinhaltsstoff